Der Ethikrat – Philosophische Hilfestellungen (120. Folge). Diesmal für:Phil Collins, Geisterseher

Der Frauenzeitschrift »Brigitte« hat Phil Collins anvertraut, defekte und also hoch gefährliche Heizdecken seien (wie) von Geisterhand aus den Betten seiner Kinder gezogen worden. Der Geist seines Vaters habe da seine Hand im Spiel gehabt: So erklärte sich – vermittels eines Mediums – der Popstar die rettende Bettflucht.

Die demokratische Nivellierung mache jetzt, wird mancher elitäre Spirist stöhnen, nicht einmal mehr vor dem Geist der Väter Halt. Jedem der Vater, der ihm gebühre – und also auch des Vaters Geist, der ihm gebühre. Der wohl besonnene und allseits abgefederte Ethikrat kann der Demokratisierung des Geisterglaubens natürlich fast nur Gutes abgewinnen, wenngleich auch ihm ein gewisses Gefälle, das dem elitären Spiristen offenkundig zu schaffen macht, nicht entgeht: Während der Geist von Hamlets Vater, der Archetyp eines väterlichen Geistes, das Wohl von ganz Dänemark im Sinne hat, sorgt sich der Geist von Phil Collins’ Vater mehr ums häusliche Wohl. Immerhin sind es in beiden Fällen Familienangelegenheiten, die die väterlichen Geister umtreiben, wobei das Shakespearesche Exemplar vernünftiges Eigeninteresse leitet, seine schmähliche Ermordung durch Bruder und Gattin von seinem Sohne rächen zu lassen. Collins’ Vatergeist scheinen hingegen Gewissensbisse zu plagen, sodass er, wie Brigitte zu berichten weiß, den Sohn über das Medium habe bitten lassen, bei seiner Witwe, Phils Mutter, mit einem Blumenstrauß um Verzeihung für einen Seitensprung zu bitten. Ob dieser Seitensprung prä- oder postmortal stattgefunden hat, ist einschlägigen Agenturmeldungen nicht zu entnehmen.

Das Gefälle ist also nicht nur sozialer Natur – musste man früher Prinz sein, genügt heute eine Sängerkarriere oder ein ähnlich banales Persönlichkeitsprofil, um einen Anspruch auf das Erscheinen des Vatergeistes zu haben. Vielmehr hat sich die Legitimationsgrundlage, auf der der Geist dahinschwebt, offenkundig stark ausgedünnt. Hamlets Vater und noch die Untoten in den Poltergeist -Filmen ließen nicht den geringsten Zweifel an ihrem postmortalen Daseinsrecht aufkommen. Sie waren legitimiert durch die eigenen Ansprüche (beispielsweise auf ungestörte Grabesruhe), mit denen sie die Lebenden mehr oder weniger freundlich konfrontierten. Moderne Gespenster scheinen – nachdem Aufklärung ihnen die Selbstverständlichkeit ihrer Existenz aberkannt hat – ängstlich darum bemüht zu sein, ihr Herumspuken durch gute Taten zu rechtfertigen; sie müssen Schutzengel und enkelliebende Jenseits-Opas spielen, um einen kleinen Rest jener Anerkennung zurückzuerobern, die ihnen abhanden gekommen ist. Wir beobachten also gespenstische Selbstverniedlichung zum Zwecke des Akzeptanzgewinnes – ist doch, wie Oscar Wilde es 1887 in The Canterville Ghost eindringlich schildert, das Projekt heroischer gespenstischer Selbstbehauptung an den Realitäten der modernen Lebenswelt endgültig zerschellt. Erst nach Erlangung solcher Akzeptanz fragen die Gespenster höflich an, ob die Sterblichen nicht vielleicht den einen oder anderen ihrer Fauxpas zu vergessen geruhen würden.

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Da der Ethikrat keine unwiderlegbaren Beweise für die Nichtexistenz von Geistern herbeizaubern kann – Nichtexistenz ist schwer zu beweisen –, belässt er es bei der Feststellung Immanuel Kants, man könne nur anschauende Kenntnis der übersinnlichen Welt erlangen, »indem man etwas von demjenigen Verstande einbüßt, welchen man vor [= für] die gegenwärtige nötig hat«. Und rät Mr. Collins, sich zum Ausgleich (etwa mittels Shakespeare-Lektüre) auf die Gesellschaft weniger handzahmer Gespenster einzulassen. Als Heizdeckchen-Entsorger und Heizdeckchen-Ersatz sind Gespenster zweifellos unterfordert.

ANDREAS URS SOMMER

  * Der Autor ist Philosoph in Greifswald. Zuletzt erschien eine "Erfolgsausgabe"  seines Buches "Die Kunst, selber zu denken. Ein philosophischer Dictionnaire" (Eichborn, Frankfurt 2003) sowie "Geschichte als Trost. Isaak Iselins Geschichtsphilosophie" (Schwabe, Basel 2003)

 
  • Serie Ethikrat
  • Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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  • Schlagworte Immanuel Kant | Oscar Wilde | Brigitte | Eichborn Verlag | Ethikrat | Popstar
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