Lange, sehr lange war alles beim Alten geblieben. Es gab die Länder Europas, und jedes Land hatte seine eigene Fluggesellschaft, die im Prinzip jeweils mehr oder weniger alle vor sich hin wirtschafteten. Das funktionierte nur schlecht, aber im Zweifel half der Staat, und die EU-Kommission genehmigte hier und da noch eine Kreditbürgschaft.

Inzwischen jedoch ist dieses System ins Wanken geraten. Swissair und Sabena sind verschwunden, andere stecken in existenziellen Schwierigkeiten. Die Politik will deshalb dafür sorgen, dass die alte Ordnung nicht nur wankt, sondern fällt. Vor wenigen Tagen trafen sich erstmals die Verhandlungsdelegationen, um über ein neues Luftverkehrsabkommen zu diskutieren, das die EU – und nicht mehr die einzelnen Mitgliedsstaaten – mit den USA schließen will. Dieses Abkommen soll Übernahmen und Fusionen zwischen Fluggesellschaften aus unterschiedlichen europäischen Ländern ermöglichen.

Der spektakuläre Zusammenschluss von Air France und KLM, der am Tag vor dem Beginn der Verhandlungen bekannt gegeben wurde, ist bereits der erste Vorbote dieser Konsolidierung. Air France tauscht Aktien mit seinem niederländischen Konkurrenten KLM und schafft damit ein Unternehmen, das eineinhalbmal so groß ist wie der bisherige europäische Marktführer British Airways. Bisher fand die Konsolidierung lediglich dadurch statt, dass Anbieter Pleite gingen und sich die Überlebenden in mehr oder weniger engen Allianzen zusammenfanden. In diesen Bündnissen versuchen sie, die Umsätze zu vergrößern, indem sich die Allianzmitglieder gegenseitig Passagiere vermitteln oder Gemeinschaftsflüge durchführen.

Fusionen oder Übernahmen von Fluggesellschaften in der EU waren grundsätzlich nicht möglich. Verantwortlich dafür waren die Luftverkehrsabkommen zwischen den EU-Ländern und Drittstaaten. Sie beinhalten Nationalitätenklauseln, die besagen, dass für den Verkehr zwischen den jeweiligen Ländern zugelassene Airlines mehrheitlich von Staatsbürgern der Vertragsparteien kontrolliert werden müssen. Als KLM und British Airways im Jahr 2000 eine Art Fusion diskutierten, drohten die Vereinigten Staaten damit, KLM die Landerechte zu entziehen, weil das Unternehmen dann nicht mehr niederländisch kontrolliert sei. Der EU-Gerichtshof hat aber die Nationalitätenklausel für unvereinbar mit dem in Europa geltenden Recht auf Niederlassungsfreiheit erklärt – und deswegen soll sie aus den Verträgen verschwinden. Die EU-Kommission nutzte das, um sich von allen Mitgliedsländern gleich ein Verhandlungsmandat erteilen zu lassen. Die Kommission will den EU-US-Luftverkehrsmarkt liberalisieren und die Nationalitätenklauseln durch eine EU-Klausel ersetzen.

Solange noch die alten Regeln gelten, müssen sich die Airlines mit der Integration zurückhalten. Im Falle Air France/KLM bleiben für die nächsten drei Jahre 51 Prozent der Stimmrechte für KLM in niederländischer Hand. Diese Vereinbarung sowie Garantien für die weitere Anbindung von Amsterdam werden dazu führen, dass sich die Spareffekte zunächst in Grenzen halten. Aber selbst die von Air France ab dem fünften Jahr prognostizierten 400 bis 500 Millionen Euro an Einsparungen dürften Konkurrenten beeindrucken. Die Lufthansa beziffert den Beitrag, den ihr die 16 Mitglieder der Star Alliance bringen, auf jährlich etwa 250 Millionen Euro. Air France will mit nur einem neuen Partner also fast doppelt so viel schaffen.

Die Swiss sucht neue Kredite

Der Versuch der Lufthansa, Swiss International Air Lines zu übernehmen, ist vor zwei Wochen gescheitert. Potenzielle Übernahmekandidaten finden sich bei den europäischen Star-Alliance-Kandidaten SAS Scandinavian Airlines, Austrian Airlines, BMI British Midland oder Spanair. Aber vermutlich wird sich Lufthansa bei der Auswahl Zeit lassen. Einem neuen Konzept für Europa komme "nun eine ganz besondere Bedeutung zu", glaubt HypoVereinsbank-Analyst Uwe Weinreich. Seit Monaten erforscht eine interne Projektgruppe, wie die Kosten im Europa-Verkehr um bis zu 20 Prozent gesenkt werden könnten. Das ist schon deswegen nötig, weil die Billigfluglinien der Lufthansa seit zwei Jahren gewaltig zusetzen. Der Air France/KLM-Zusammenschluss erhöht den Druck auf Lufthansa, zumindest mittelfristig die Kosten zu senken. Allerdings glaubt HypoVereinsbank-Mann Weinreich, dass "die KLM heute nicht günstiger produzieren kann als die Lufthansa".

Lufthansa und British Airways gelten zusammen mit dem neuen Bündnis als die drei Pfeiler, um die sich Europas Luftverkehrsbranche gruppieren wird. Größere Probleme bekommen nach Ansicht von Branchenexperten die kleinen und mittelgroßen Fluglinien – und zwar vor allem dann, wenn sie nicht mit einer den neuen Bedingungen angepassten Strategie antreten.