Flamenco Mit Staub gefüttert

Junge spanische Flamenco-Musiker beschwören das Unglück dort, wo es am schönsten ist: Auf der Bühne

Klagende Stimmen, Strophen, die von Schmerz und Unglück künden: Der Flamenco ist die Musik der gedemütigten Existenz. „Ich singe, weil ich mich an das erinnere, was ich erlebt habe“, bekannte der 1965 gestorbene Sänger Manolito el de la María und zog so eine schnurgerade Linie vom Leben zum Lied. Zu gerne möchte man seinen Worten folgen, sich vorstellen, wie gequälte, bedrückte Kreaturen ihren Gram in dunkle Verse fassen, um sie der Welt in zitternden Schreien entgegenzuschleudern. Doch wie so oft muss die Vorstellung von der Not als Mutter der Künste auch hier mit strengen Fragen rechnen. Etwa der, wieso sich in einem der wohlhabendsten Länder Europas ein Publikum Tag für Tag an Versen ergötzt, die von nichts anderem als historisch längst überwundenem Leid erzählen.

Die Antwort ist einfach: Weil der Schmerz im wirklichen Leben zwar überhaupt nicht, auf der Bühne dafür aber doppelt schön ist. Nicht Verzweiflung, sondern Melancholie sei für sie das grundlegende Lebensgefühl des Flamencos, bekennt die 1965 in Barcelona geborene Sängerin Mayte Martín, und dieser kleine Unterschied macht sie nicht nur in Spanien zu einer der meistgefeierten Flamenco-Künstlerinnen der Gegenwart. Denn an die Stelle überbordender Verzweiflung setzt Martín gepflegte Schwermut, maßvoll dosiert und darum bestechend schön. Zerbrechlich, sanft, leise fließen ihre Stücke dahin, fassen das Lebensgefühl einer Generation in Töne, die das eisenharte Spanien der Franco-Zeit kaum mehr selbst erlebt hat, sondern ihr Land als kultivierten Raum erfährt. Mit einer bulería, der schnellsten Flamenco-Form überhaupt, beginnt Martíns Platte Querencia, doch nicht die sonst üblichen schroffen Gitarrenschläge geben der Stimme den Rhythmus vor, sondern ein grüblerisches Violinenspiel, in das sich erst nach einer Weile – und dann äußerst verhalten – der Gitarrist einschaltet. Schon mit den ersten Tönen präsentiert sich der Flamenco als behutsames Kammerspiel, dirigiert von Martíns ebenso weicher wie kraftvoller Stimme, die die Melancholie in allen Schattierungen ausleuchtet. „Ach, so ein dichtes Gestrüpp“, heißt es da, „es gibt kein Heilmittel gegen mein Leid.“ So oder ähnlich kennt man es aus ungezählten Flamenco-Versen, doch aus dem Mund der katalanischen Sängerin will man es wieder und wieder hören. Denn die Trauer der Mayte Martín ist süß – so süß, dass sie es selbst noch mit kubanischen Boleros aufnehmen kann: Tiempo de amar heißt die gerade erschienene Platte, auf denen sie den berühmt-berüchtigten Latino-Schnulzen der dreißiger Jahre zu neuer Frische verhilft.

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Doch einen Schritt nur ins andalusische Hinterland, und die Musik hat alle Süße verloren. Staubtrocken klingen hier die Töne, rau und spröde noch auf den Lippen der hübschesten Sängerinnen. My Songs And A Poem heißt die jüngste Platte der 1980 geborenen Estrella Morente, der Tochter des großen Sängers Enrique Morente. Granada und der Sacromonte, das legendäre Zigeunerviertel: Wer hier groß geworden ist, dem dürfte das berühmte „Ay!“, der Urschrei des Flamencos, für alle Zeiten in den Ohren klingen. Bebende Schreie entreißt sich die Sängerin, fährt damit den Versen ins Gebälk, zerfetzt mit ihnen insbesondere die Harmonien der langsamen Flamenco-Formen, der taranta etwa, der granaína oder der malagueña. Mal aufbegehrend, dann wieder resignierend klingt diese Arbeit am Vokal, schafft eine Atmosphäre der Trauer, auf die einzig die Gitarre antwortet. Doch Trost spendet auch sie nicht; sie variiert das Thema nur und zerlegt es in weitere Nuancen. Die Stimme, die Saiten, dazwischen die Klage: eine Musik, die dann aber doch der Lebenslust der Sängerin weichen muss, in schnellere, besser gelaunte Rhythmen übergeht. Flamenco, das lehrt diese formenreiche Platte, ist die Musik des Augenblicks, der blitzschnell wechselnden Stimmungen.

Flamenco spielt mit dem Schmerz, so sieht es auch der Pianist David Peña „Dorantes“, Spross ebenjener Familie Peña, die so einzigartig heiser-raue Frauenstimmen wie die der berühmten Schwestern Fernanda und Bernarda de Utrera hervorgebracht hat. Sein Klavier klingt, als würde es jeden Tag mit Staub gefüttert: Unerhört trocken schlägt Dorantes die Tasten an, mal im harten Staccato einer bulería , meist aber im stolzen Takt einer soleá oder seguiriya. Und doch macht er an den Grenzen des Flamencos nicht Halt. Auf seinem jüngsten Album Sur (Süden) erweist er sich als begnadeter Jazz-Pianist, dessen langsame Läufe für Momente an die verträumten Improvisationen des jungen Keith Jarrett erinnern, um im nächsten Moment im irrwitzigen Tempo eines Chick Corea davonzurasen. Schlank gehaltene Streichinstrumente, dazu hier eine Flöte, dort ein Saxofon und über allem die palmas, das allgegenwärtige Händeklatschen: Dorantes kleidet die alte Musik der andalusischen Zigeuner in ganz neue Arrangements, taucht sie in urban anmutende Klangfarben.

Erneuerung kann auch aus der Vergangenheit kommen. Yerbagüena heißt das jüngste Album des Gitarristen Pepe Habichuela, das, zu Teilen in Bangalore produziert, an die indischen Ursprünge der spanischen Zigeuner erinnert, an ihre lange Wanderschaft bis zur Ankunft auf der Iberischen Halbinsel im 15. Jahrhundert. Die zum Gastspiel geladenen Musiker des South Indian Full Harmonic Orchestra entfalten einen schwerelosen Klang, in den sich Sitar, Flöte und Violine mischen, geschoben von weichen Tabla-Rhythmen. Behutsam zupft darüber Habichuela sein Instrument, als wollte er mit seinem Spiel das Gemurmel von indischen Mantras beschwören. Doch esoterische Erleuchtung führt Habichuela auch nach seinem Indien-Trip nicht im Gepäck.

 
  • Serie musik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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  • Schlagworte Musik | Keith Jarrett | Barcelona | MIT | Spanien | Sänger | Bangalore | Granada
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