Es begann wie ein Krimi. Der Bauernsohn Matthias Hohner hatte zwar das Uhrmacherhandwerk gelernt, aber vom Bau einer Mundharmonika keine Ahnung. Die ortsansässigen "Bläslesbauer" in der württembergischen Kleinstadt Trossingen machten aus ihrer Kunst ein Geheimnis. Da entschloss sich der junge Schwabe zur Werksspionage. Unter einem Vorwand schlich er sich in die Harmonika-Werkstatt eines Schulkameraden. Nach sechs Stunden warf ihn der misstrauisch gewordene Meister hinaus – zu spät. Matthias Hohner hatte sich genug abgeschaut. MODELL TRUMPET CALL mit Schalltrichtern, Baujahr 1907

Der Entschluss zur Werksspionage im Jahre 1856 war wohl der erste Moment der Entscheidung, der den Aufstieg eines einfachen "Handwerkerbauern" zum Multimillionär, von der kleinen Mundharfenfertigung in der Bauernstube zum Weltmarktführer für hochwertige Harmonikas einläutete. Der Weg dahin war jedoch durchaus beschwerlich, wie er besonders detailreich von Hartmut Berghoff in seinem 1997 erschienenen wirtschaftshistorischen Werk (Zwischen Kleinstadt und Weltmarkt: Hohner und die Harmonika 1857–1967) beschrieben wird.

Matthias Hohners Heimatstadt Trossingen, auf der Hochebene der Baar zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb gelegen, war Mitte des 19. Jahrhunderts ein armes, abgelegenes Bauerndorf. Da im evangelischen Württemberg das Realteilungsrecht galt, wurden Äcker und Wiesen unter den meist zahlreichen Nachkommen aufgeteilt. Die Parzellen wurden immer kleiner. Wer überleben wollte, musste zur Landwirtschaft hinzuverdienen. Obwohl Matthias Hohners Vater nicht nur Bauer war, sondern auch noch eine Weberei betrieb, brachte er oft kaum das Lebensnotwendige für die Familie mit fünf Kindern zusammen; der spätere Erfolgsunternehmer erinnert sich: "Mein guter Vatter hatte nie viel Geld, und so kam es nicht selten vor, daß Schmahlhans Küchenmeister war."

Da nur sein ältester Bruder die väterliche Weberei fortführen konnte, lernte Matthias das Uhrmacherhandwerk bei seinem Schwager. Doch trotz feinmechanischer Begabung und großem Ehrgeiz sah er nach einigen Jahren kaum Aussichten, im erlernten Beruf eine Familie "anständig ernähren" zu können. Die Mundharfenmacherei schien ihm bessere Chancen zu bieten.

Das handliche Instrument, das vermutlich um das Jahr 1825 in Wien erfunden worden war, stand damals noch ganz am Anfang seines Siegeszugs rund um die Welt. Neben Wien gab es Mitte des Jahrhunderts auch in Sachsen, Böhmen und in Trossingen Mundharfenmacher. Alle freilich hielten ihre Produktionsverfahren streng unter Verschluss.

Doch nach erfolgreicher Spionage und einigen Monaten, in denen Matthias Hohner an einer eigenen Harmonika herumexperimentierte, traf er eine weitere weitreichende Entscheidung. Er heiratete und machte sich als "Mundharfenmacher" selbstständig. Man schrieb das Jahr 1857, und beide Ereignisse hingen untrennbar miteinander zusammen. Einerseits wollte Hohner heiraten, um seine schwangere Freundin Anna nicht zum "gefallenen Mädchen" zu machen, andererseits musste er den Behörden eine sichere Existenz nachweisen, um als 24-Jähriger nach den damaligen württembergischen Gesetzen überhaupt eine Heiratserlaubnis zu bekommen. Das Startkapital hatte er sich mühsam erspart, aber auch das vorab vergebene Erbteil vom Vater und die "Weibsbeibringung" der Braut, einer Schusterstochter, flossen in die Unternehmensgründung. Produziert wurde anfänglich im elterlichen Haus, später in zwei angemieteten Zimmern bei einem Vetter. Hohners Frau und später weitere Familienmitglieder halfen mit, die ersten Harmonikas in Handarbeit zu fertigen. Als Absicherung wurde nebenbei aber immer noch die Landwirtschaft weitergeführt. Hohners bescheidenes Ziel war, "so gut es eben gehen wollte, mit Fleiß & Eifer Harmonika zu machen", wie er in seinen Erinnerungen schrieb.

Freilich war er nicht der Einzige, der sich in diesen Jahren auf die Mundharfe verlegte. Eine halbes Dutzend weiterer Trossinger Uhrmacher erhoffte sich den Aufstieg durch das junge Gewerbe. Als Vertriebskanäle diente Hohner und seinen Konkurrenten größtenteils der ambulante Uhrenhandel (Hausierer), der sich über Süddeutschland und die angrenzenden Gebiete in Österreich und der Schweiz erstreckte. Doch die Kleinhersteller in Trossingen hatten es in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts schwer gegen die damals dominierenden Produzenten aus Sachsen und Wien.

Da traf es sich, dass aus Trossingen wie auch aus vielen anderen armen Regionen Württembergs viele Menschen nach Amerika auswanderten, um dort ein besseres Auskommen zu finden. Von einem ehemaligen Trossinger Mitbürger, einem Uhrmacher, ließ sich Hohner Berichte über die Marktchancen in Amerika liefern. Und der ehemalige Nachbar berichtete, dass ihm dort die Instrumente regelrecht aus den Händen gerissen wurden. Besonders die deutschen Auswanderer waren scharf auf die Instrumente aus der alten Heimat. So knüpfte Matthias Hohner intensive Kontakte mit deutschstämmigen Importeuren und Exporteuren, die schon Spielzeug aus Nürnberg in die Vereinigten Staaten verschifften.