Diesmal haben sie sich sogar aus Japan gemeldet. Die Schweizer, die Deutschen, die Franzosen, die britischen Landsleute – schön, dass sie immer wiederkommen, auch wenn es bloß alle fünf oder sieben Jahre ein Lebenszeichen gibt, doch dieser Anrufer aus Tokyo… Robert Wyatt klopft sich eine weitere Zigarette aus der Packung. In welchen Farben er geträumt habe, wollte er wissen, und was sein Lieblingswort sei. Verraten werden konnte es nicht. Es ist nämlich „ fuck“.

Bei solchen Geständnissen blitzt List aus den Augen, und der enorme Bart wippt nach vorn. Wyatt mag es, den Humor seines Gegenübers einem kleinen Test zu unterziehen, so wie er es mag, anlässlich einer neuen Hand voll Lieder – nur Banausen nennen dies technizistisch „CD“ – in interessante Kommunikationen verstrickt zu werden. Was er wäre, wenn er ein Tier wäre, wurde er einmal gefragt. Da hat er nicht lange nachdenken müssen. Ein Seelöwe, Walross oder Pinguin natürlich, eins dieser Lebewesen, die an Land langsam sind, aber schnell in ihrem wahren Element. „Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich mir mein eigenes Wasser schaffen muss.“

Robert Wyatts Element ist die Musik, eine wundersame, unerhörte Musik, in der seine Stimme Pirouetten dreht. Als Soulstimme wurde sie beschrieben, doch das trifft es nur halb. Es ist eine Stimme wie aus einem Traum. Von den Gesetzen der Schwerkraft befreit, taucht sie weg aus dem gediegenen, aber grauen Alltag der nordenglischen Provinzstadt Louth in Lincolnshire, wo Wyatt seit mehr als einem Jahrzehnt mit seiner Frau Alfreda Benge lebt. Manchmal scheint ihr Klang dicht unter der Oberfläche zu schweben, manchmal stößt sie hinab in Tiefen, in denen selbst das Primärmerkmal des Pop, die sexuelle Balz, ihre Bedeutung verliert. „Meine Gesangsstimme hatte schon immer etwas von einem Hermaphroditen“, lacht ihr Besitzer – und lässt einen dabei keinen Moment aus den Augen.

Umgekehrt erzählt dieses geheimnisvolle Organ aber auch von den Mühen, die es kostet, sich sein Lebensmedium gegen den Widerstand der Realität zu erfinden. Die Musik des Robert Wyatt klingt, als beklage sie ihr evolutionäres Schicksal: vom Meer an Land verschlagen worden zu sein und fortan nur noch von der Sehnsucht künden zu können, einer Sehnsucht nach Auflösung, die dem Zwangskorsett der Identität gilt, den konventionellen Ideen von Popmusik, den Fesseln des eigenen Körpers. Es sind die Grenzen, die sie herausfordern, Grenzen, die seine Kunst, wie jede gelungene ästhetische Anstrengung, in den Minuten ihres Wirkens überschreitet. Wer zuhört, meint, Sirenen zu lauschen. Nach dem letzten Ton schlägt man die Augen auf und erblickt: einen älteren Mann im Rollstuhl.

Genau 30 Jahre ist es jetzt her, dass Wyatt, dieser Sonderling der britischen Musikgeschichte, sich selbst dorthin brachte. Beim Versuch, eine alkoholselige Party über ein Fenster im vierten Stock zu verlassen, stürzte er hinaus. Seither ist er von der Hüfte abwärts gelähmt, auf die Pflege von Alfreda angewiesen, einer Malerin und Illustratorin. „Alfie“, die auch viele der Texte zu seinen Songs schreibt, serviert Tee, Feuerzeuge, neue Zigaretten. Sie bringt das klassisch-britische künstliche Kaminfeuer im Wohnzimmer zum Glühen, das installiert wurde, seit die Geschäfte die Investition erlaubten, und holt journalistische Gäste aus dem benachbarten Market Rasen ab, dem letzten Ort vor der Küste mit Eisenbahnanschluss. Robert: „Es war ein wirklich guter Karriereschritt für mich, mir das Rückgrat zu brechen.“ Galgenhumor eines Überlebenden.

In den Sechzigern und frühen Siebzigern, als junger Mann, war er einmal fast so etwas wie ein Star. Mit seiner Band The Soft Machine schien die Verschmelzung von Jazz, Folk und Pop zu einer damals neuartigen, „experimentellen“ Musik zu gelingen. Man verstand sich als Kollektiv zur dauerhaften Veränderung der Welt im Geiste des Fortschritts. Doch die Zwänge des Marktes, das ewige Touren, die beginnenden Egotrips – schon nach der vierten Platte nahmen die zentrifugalen Kräfte überhand. Noch heute spricht Wyatt, Sänger, Schlagzeuger, gelegentlich auch Keyboarder und Blechbläser, ein wenig verbittert über seinen Rauswurf bei The Soft Machine, als sei dies die größte Wunde: in einer Zeit, als der Strand gleich unter dem Pflaster zu liegen schien, nicht weiter hinaus ins Offene gelangt zu sein.

Risiken und Nebenwirkungen gab es freilich schon damals: „Wenn ich an unsere Auftritte zurückdenke, stellt sich jedes Mal das Bild einer Horde betrunkener Soldaten in einem besetzten Land ein.“ Zu den Machoattitüden, dem großen ödipalen Zauber des gerade entstehenden Rockzirkus passte Wyatts fragile Klangwelt noch nie. Statt offen aufzubegehren, sucht sie die Identifikation mit dem Weichen, dem Weichenden: dem Samt (und dem Whisky) in den Stimmen von Sängerinnen wie Dionne Warwick oder Betty Carter, die ihn als Kind erreichten, der Traumnähe von Surrealismus und Dadaismus, den historischen Avantgardebewegungen, mit deren Bewegungsgesetzen sein Vater, ein Psychologe, ihn vertraut machte.

Nur scheinbar im Widerspruch dazu steht das Engagement für die Kommunistische Partei, der ein desillusionierter, seiner Zeit fremd gewordener Robert Wyatt in den Achtzigern beitrat – kein wirklich glücklicher Schritt, wie Alfie im Nachhinein findet. Immerhin bereicherte er das politische Lied Englands um einige interessante, da wenig orthodoxe Coverversionen. Die von Elvis Costello und Clive Langer wie eigens für Wyatt geschriebene Falkland-Ode Shipbuilding etwa, oder Stalin Wasn’t Stallin’, ein Gospel aus Zeiten, als Amerikaner und Russen Seit’ an Seit’ gegen Hitler standen. War oder ist Wyatt Stalinist, wie gelegentlich behauptet wurde? Unsinn, sagt Alfie: eine Journalistenlegende, die von einem zum nächsten kolportiert wurde – „Die Kommunistische Partei war in den Thatcher-Jahren nun einmal der einzige Ort, wo zwei verrückte alte Künstler Zuflucht fanden. Außerdem konnte man nur hier sicher sein, nie ein rassistisches Wort zu hören.“ Nicht auszuschließen, dass eines Tages Leichen dort draußen gefunden werden, sagt Robert, und zeigt auf den Gemüsegarten hinterm Haus.