In der letzten Woche hat Angela Merkel eine ziemlich große Rede gehalten, ihre größte, die größte des Jahres auch. Es ist ihr gelungen, die Lage des Landes schonungsloser darzustellen, als die Regierung sich traut, und mehr Hoffnung zu wecken, als die meisten Rot-Grün und bisher der Union noch zutrauen. Es war die lang erwartete Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede, fast ohne Blut und Tränen. Dass ihr das gelang, ist alles andere als selbstverständlich. Andere hatten das schon versucht, sie auch. Um den Erfolg zu erklären, muss man vielleicht Frau Merkel noch einmal anders ansehen.

Nehmen wir an, der Ehrgeiz eines Menschen wäre ein Hund. Dann wäre der Hund von Edmund Stoiber meist furchtbar nervös, die Nase im Wind und immer an der Leine ziehend. Der Hund von Gerhard Schröder dagegen wäre ein schläfriges, aber erfahrenes Tier, das nur mit einem kräftigen Tritt in den Hintern zum Jagen gebracht werden kann. Roland Kochs Hund läge zurzeit im Körbchen, die Schnauze auf die Vorderläufe gepresst, beleidigt. Joschka Fischers Ehrgeizhund wiederum wäre überhaupt kein Hund, sondern Fischer wäre ganz Hund. Und Angela Merkel? Ihr Hund wäre sicher nicht kleiner als die der anderen. Doch würde er aufs Wort hören, meist läge er nur unter dem Tisch, die Ohren gespitzt, aber kein Mucks.

Angela Merkel ist die disziplinierteste Politikerin der Republik. Ihre Art zu führen könnte man government by schedule nennen – der Fahrplan ist alles, der Inhalt nichts. Leidenschaft störte nur die Abläufe. Damit ist sie weit gekommen, Vorsitzende der CDU, Fraktionschefin von CDU/CSU und chancenreichste Kanzlerkandidatenkandidatin für 2006. Weil andere Fehler machten, weil sie ihren Ehrgeiz nicht im Griff hatten, weil Merkel selbst Glück hatte. Und doch haftet ihrem Aufstieg etwas unangenehm Mathematisches an. Angela Merkel wurde zu einer Unausweichlichkeit der politischen Republik. Wenn man den Fernseher anstellt, ist sie mit ihren einfarbigen Anzügen immer schon da, wie ein Testbild, ein Bildschirmschoner.

Wenn die Frau plötzlich auch noch ins Kanzleramt einzöge, niemanden würde es wundern. Aber wie viele würden sich darüber freuen? Würde sie sich selbst freuen? Und: Was treibt sie überhaupt an? Immerhin gehört Angela Merkel zu der Hand voll Politiker, die für ihre Spitzenposition enorme Opfer bringen: die Teilmaschinisierung des eigenen Lebens, Funktionieren von morgens bis nachts; wenig Zeit für wenig Freunde, ein Leben in Lauerstellung. Die Macht, natürlich. Aber ist das schon eine Antwort oder nur einfach die nächste Frage? Denn: Was macht man mit der Macht?

Ihr Mann war zu der Zeit der Rede im Ausland, las die Rede in einer Kurzfassung und fragte am Telefon seine Frau, warum denn so viel Aufhebens darum gemacht werde und ob er sie wirklich ganz lesen müsse. Ja, hat sie geantwortet, damit du all das schöne Drumherum auch mitbekommst. Den Anfang zum Beispiel, wo sie mit ihrer ostdeutschen Herkunft kokettiert. Sie nimmt das neue östliche Selbstbewusstsein auf, das aus Filmen wie Good Bye, Lenin! kommt, das Stasi und PDS hinter sich gelassen hat: Ossi Pride. Oder dieser hübsch-hinterhältige Schlenker über die schlechte Wahlbeteiligung in Bayern, wo die über die Maßen umjubelte CSU netto weniger Stimmen hatte als beim letzten Mal.

Hosenträger und Klettverschluss

Angela Merkel ist mächtig stolz darauf, dass ihr etwas Schönes gelungen ist, zumal der Coup fast vor dem Scheitern stand. Denn man wollte sie am Tag vor der Rede fast noch in die Staatsoper umleiten – anstelle des neuen Lichthofs im Deutschen Historischen Museum. Dort, in barocker Umgebung, wäre die ganze Sache womöglich ins Bundespräsidentinnenhafte abgeglitten, was sie sehr fürchtete. Merkel hatte etwas anderes vor, sie wollte mit dieser Rede einen Machtanspruch nicht nur erheben, sondern erstmals auch umfassend begründen. Sie wollte Schröders Wenderede vom 14. März toppen, in die Sinnlücke stoßen, die der Kanzler bei seiner Reformarbeit lässt. Und sie wollte ihre eigene Partei sortieren. Darum hat sie Roland Koch für seinen Subventionsabbau gelobt und Friedrich Merz für seine Steuerpläne, sie hat die beiden Konkurrenten als interessante Farben gepriesen – in ihrem Gemälde.

Dass sie all das wollte, verwundert kaum. Dass es klappte, schon. Bisher ist es ihr nie gelungen, weder in ihren Antworten auf Schrödersche Regierungserklärungen noch in Artikeln über die "neue soziale Marktwirtschaft", eine Wortschöpfung, der man das bloß Kosmetische sofort ansah. Merkel wollte jahrelang geistig auffallen, ohne intellektuell Anstoß zu erregen, sie wollte aerodynamisch sein und charismatisch. Es hat nicht funktioniert. Bis zu dieser Rede am 1. Oktober.