Das war keine sehr gute Ernte nach diesem Sommer. Zu viel ist vertrocknet. Drei Wochen früher als sonst durchziehen Stoppelfelder die elsässische Landschaft am Oberrhein, in einer Region, die sich – nach der Poebene – die zweitgrößte Maiskammer Europas nennt. Olivier Pageard hat jetzt viel zu tun. Der Agraringenieur ist Qualitätsmanager in der Coopérative Agricole de Céréales (CAC) in Colmar – für 1500 Mitglieder seiner Vermarktungsgenossenschaft. Ausgerechnet in diesen arbeitsreichen Wochen musste der Bauernsohn auch noch zu einem Hearing des EU-Parlaments nach Brüssel fahren. Denn auf dessen Tagesordnung steht eine Zeitenwende der europäischen Landwirtschaft. Und für deren Zukunft sind er und seine Bauern quasi Avantgarde.

Schon bald werden in Europa vermutlich die ersten gentechnisch veränderten Gewächse zugelassen werden. Und weil die Colmarer Coopérative ihr Anbaugebiet im Elsass schon vor Jahren zur "gentechnikfreien Zone" erklärt hat, wollten die Politiker von Pageard wissen, wie sich künftig das friedliche Nebeneinander von Gen-Tech- und Biopflanzen gestalten könnte.

Während in Ländern wie den USA und Kanada "gentechnisch veränderte Organismen" (GVOs) längst in großem Stil angebaut werden, haben in Europa kritische Verbraucher dies bislang verhindert. Seit 1998 gilt in der gesamten EU ein Moratorium für die kommerzielle Zulassung der gefürchteten Genfrüchte. Begründet wurde es mit "weiterem Forschungsbedarf" über die Risiken der GVOs. Doch konkrete Folgen für die Gesundheit konnte die Forschung bislang nicht nachweisen. Auch aus anderen Gründen beginnt die politische Mauer zu bröckeln: Die Bio-Tech-Industrie und die Saatgut-Hersteller drängeln. Vor allem aber haben die USA bei der Welthandelsorganisation WTO ein Verfahren gegen die Europäer wegen unerlaubter Importbeschränkungen angestrengt: Sie wollen auf ihren Genprodukten nicht länger sitzen bleiben. Der EU-Kommission bleibt – trotz fortdauernder Skepsis der Verbraucher – kaum etwas anderes übrig, als den rechtlichen Rahmen für den Anbau der High-Tech-Pflanzen vorzubereiten; und diesen wird dann auch die Bundesregierung umsetzen.

Der kleinste gemeinsame Nenner der stets uneinigen EU-Länder heißt derzeit "Wahlfreiheit". Damit die Europäer auch in Zukunft zwischen Bioprodukten, konventionell erzeugten Lebensmitteln und Gen-Food entscheiden können, sollen diese streng gekennzeichnet werden und sich jeweils bis zum Erzeuger zurückverfolgen lassen. Nach dieser Brüsseler Friedensordnung folgte im Sommer der zweite Schritt: Die EU-Kommissare einigten sich, Futter- und Lebensmittel auch dann als "gentechnikfrei" anzusehen, wenn sie einen GVO-Anteil von maximal 0,9 Prozent beinhalten.

Nun steht die Entscheidung über einen weiteren Schwellenwert an – und dazu wurde auch Pageard nach Brüssel geladen. Es geht um die Frage, wie stark bereits Saatgut ohne Wissen der Bauern gentechnisch belastet werden darf. Bei den ersten Pflanzen, von denen Gensorten schon auf dem Markt sind – Raps, Soja, Mais, ein paar Gemüse wie Tomaten und Chicorée –, hat die Kommission sich festgelegt. Maissaat gilt erst dann als Genmais, wenn das Saatgut mehr als 0,5 Prozent GVOs enthält. Ende Oktober soll der Saatgutausschuss in Brüssel diesen Sack endgültig zumachen.

Damit kommt auf Bauern und Händler jedoch eine Flut von Problemen zu. Führt die zugelassene GVO-Menge von 0,5 Prozent zur schleichenden Ausbreitung der Gen-Tech-Pflanzen? Kann man "GVO" und "Non-GVO", wie die Experten neudeutsch sagen, überhaupt trennen? Ist eine friedliche "Koexistenz" der beiden Anbausysteme möglich? Welche Kosten bedeutet das für die Bauern? Genau weiß das noch niemand. Doch Olivier Pageard kann zumindest für den Mais schon heute aus eigener Erfahrung sagen, was es heißt, auf strenge Gentechnikfreiheit zu achten.

Denn der elsässische Mais, erzählt der jungenhafte Franzose, werde nicht als Tierfutter vermarktet, sondern "zum großen Teil unmittelbar von Menschen verzehrt". Per Schiff wird er über den Rhein direkt bei Mühlen und Stärkefabriken angeliefert, bis nach Holland. "Die machen daraus Maismehl, Speisestärke oder knusprige Snacks." Deshalb habe es in der Genossenschaft 1998 besonders heiße Diskussionen gegeben, als erstmals gentechnisch veränderte Maissorten auf dem Markt auftauchten: "Sollen wir, oder sollen wir nicht?" Die Entscheidung hätten die Fabriken den Genossen abgenommen, berichtet Pageard. "Sie hatten Angst vor der Angst der Verbraucher. ,Wenn ihr uns nicht garantieren könnt, dass euer Getreide sauber ist, dann kaufen wir nicht mehr bei euch.‘" Die Mühlen bestanden auf einem Gen-Tech-Anteil unter 0,01 Prozent, die Stärkeproduzenten auf maximal 0,1 Prozent Gentechnikspuren.