Momente gibt’s, da ist klar, dass der Weltgeist existieren muss – und dass er einen recht schwarzen Humor hat. Im Juni fand im dänischen Luftwaffenstützpunkt Karup (Baumeister H. Göring) eine Nato-Konferenz statt. Thema: Die Reform des Bündnisses und die neue schnelle Eingreiftruppe NRF. Die Teilnehmer waren Oberste und Generäle aus (Reihenfolge in abnehmender Drahtigkeit) Großbritannien, Skandinavien, Deutschland und Nato-Aspiranten von Polen bis zur Ukraine. Und der russische Militärattaché. Dieser, von einem Briten nach seinem Vorleben im Kalten Krieg befragt, erwiderte knapp: Offizier der Speznaz – der sowjetischen Sturmtruppe, die als Erste den Eisernen Vorhang gen Westen überrannt hätte. Really? Und was war sein designiertes Einsatzgebiet? Die Antwort, noch knapper: Karup.

Nun also baut das westliche Bündnis, aus dem Kalten Krieg ohne militärische Konfrontation als Sieger nach Punkten hervorgegangen, an der eigenen Sturmtruppe. Bis 2006 soll die NRF mit 21000 Soldaten in fünf Tagen weltweit einsatzbereit sein. Am 15. Oktober wird mit 6000 Mann ein erstes Kernkontingent vorläufig zur Verfügung stehen (Deutschland stellt jetzt 1200, dereinst 5000). Das ist ein Jahr früher als geplant, für die schwerfällige Allianz ein Rekord. Der Befehlshaber für Europa, der Viersternegeneral James L. Jones, ist nämlich ein U. S. Marine, und deren inoffizielles Motto lautet: "Keine Gefangenen machen."

Für das zackige Tempo gibt es allerdings noch mehr Gründe. Die Nato, nach dem 11.September 2001 totgesagt, rackert sich ab, um den Vorwurf der Irrelevanz zu widerlegen: Erweiterung, Übernahme der Isaf-Mission in Afghanistan, "Transformation" im Zeichen des weltweiten Antiterrorkampfs. Die NRF soll ein altes Dilemma lösen: Hunderttausende Soldaten – aber kaum schnell verlegbare Kampftruppen. Eine Spitze für den Speer, sozusagen.

Für Amerika dient die NRF dem Export der eigenen Militärrevolution: Die US-Streitkräfte werden kleiner, feiner – und letaler. Die elektronische Vernetzung von Teilstreitkräften und Waffengattungen zwingt zur Kooperation und ermöglicht neue Flexibilität. Für die Theorie ist der neue "Allied Command Transformation" im Marinehafen Norfolk, Virginia, zuständig. Der europäische Stützpunkt SHAPE im belgischen Mons dagegen wurde, ruck, zuck!, in ein reines Operationshauptquartier umgewandelt, mit einem Kranz spezialisierter Zentren ringsum (in Norwegen, Portugal, Polen – nicht zufällig alle atlantisch gesinnt). Auch die Europäer, alt wie neu, sehen in der NRF eine sinnvolle Investition. Sie soll die USA wieder an das Bündnis binden; und sie hilft, schwierige nationale Reformprozesse unter Dampf zu setzen.

Ein Problem gibt es nur, das dem Herrn von der Speznaz damals fremd war: der Feind. Damals wußte man, wer und wo er war, heute ist er weit schwerer zu bestimmen und zu orten. Ganz zu schweigen davon, dass man sich dann noch darauf einigen müsste, den Speer auch wirklich zu werfen.