Endlich. Ein Nobelpreis wird verliehen, und eigentlich kennen alle die preiswürdige Arbeit schon – die meisten sogar aus eigener Erfahrung. Nicht unbedingt angenehm zwar, wenn man in diese Röhre geschoben wird. Das Rattern der Maschine betäubt die Ohren, und stillhalten muss man auch noch. Aber da waren doch letztes Jahr die unklaren Rückenschmerzen beim Schwager, dieser schreckliche Bandscheibenvorfall vom Onkel, der Verdacht auf Multiple Sklerose beim Nachbarn. In fast jedem Bereich der Medizin – wenn hochaufgelöste Bilder aus dem Körper gebraucht werden – landen die Patienten vor einer Tür, darüber ein Leuchtschild MRI ABTEILUNG, dahinter die Röhre. Sie erlaubt Einsichten, die Doktoren schwärmen lassen.

Diesen Blick ins Körperinnere verdanken wir den Arbeiten des Briten Sir Peter Mansfield von der University of Nottingham (doppelte Gratulation – er feiert am Erscheinungstag dieser ZEIT- Ausgabe seinen 70. Geburtstag) und des Amerikaners Paul Lauterbur, 74, von der University of Illinois in Urbana-Campaign. Lauterbur fand heraus, wie man aus Magnetresonanzdaten zweidimensionale Bilder erzeugen kann. Und Mansfield gelang die Verbesserung der Technik, sodass letztlich tatsächlich MRI-Geräte für Schnappschüsse aus dem Körperinneren konstruiert werden konnten. Am Ende zauberten sie in den letzten 30 Jahren aus einer Anwendung der Quantenmechanik eine präzise medizinische Bildtechnologie hervor. "Absolut überfällig" sei dieser Nobelpreis gewesen, meint der deutsche Durchleuchtungsexperte Jens Frahm vom Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie. Der "völlig überraschte" Mansfield, inzwischen emeritiert, doch noch immer Inhaber von Pilotenscheinen für Flugzeug und Hubschrauber, kommentierte die Ehrung mit steifer Oberlippe: Er nehme doch an, jeder Wissenschaftler sei auf die Auszeichnung scharf. Er persönlich allerdings habe die Hoffnung auf den Preis "schon vor Jahren aufgegeben". Kollege Lauterbur ist praktisch orientiert: "Vor allem glaube ich, die Arbeit hat vielen Menschen sehr genützt. Schön, dass dies wahrgenommen wurde."

Tatsächlich war es schwer zu übersehen. Was die beiden älteren Herren entwickelt hatten, das Magnet Resonance Imaging, wird jedes Jahr über 60 Millionen Mal in Kliniken, Arztpraxen und Forschungsinstituten überall auf der Welt benutzt. Schon Anfang der achtziger Jahre standen die ersten, im Vergleich zum heutigen Leistungsstandard steinzeitlich anmutenden Apparate in den Kliniken. Inwischen rattern weltweit etwa 22000 MRI-Röhren, um detaillierte Bilder aus dem Körper zu erzeugen.

Das ist allerdings teuer. Um die 1,5 Millionen Euro sind für moderne MRI-Röhren fällig, zwischen 150 und 600 Euro kostet der scharfe Blick des Orthopäden ins lädierte Kniegelenk oder die Spähmission der Krebsmediziner, wenn sie den Erfolg einer Chemotherapie, Operation oder Bestrahlung begutachten wollen. Auf der anderen Seite hilft die Technik aber auch, Kosten zu sparen, durch bessere OP-Ergebnisse, kürzere Rekonvaleszenz und den Wegfall anderer Diagnoseverfahren.

Doch für klaustrophobisch veranlagte Patienten kann der Aufenthalt in der Röhre ziemlich unangenehm sein. Und dieses Rattern, muss das sein? Muss sein, jedenfalls noch, sagt Harald Treuer, Chefphysiker an der Kölner Uniklinik für Stereotaxie und funktionelle Neurochirurgie. Um die Bilder zu erzeugen, braucht man magnetische Gradientenfelder in der Röhre. Dabei würden sehr starke elektrische Ströme geschaltet – "bis zu 300 Ampere in Millisekunden", was wiederum starke Magnetkräfte erzeuge. "Und die", sagt Treuer, "wirken dann auf die Hülle der Maschine und erzeugen jedes Mal einen Knall." Aber er hat gute Nachrichten: Da gebe es ein neues Gerät von Toshiba, das heiße Pianissimo…

Vorerst freut es die Patienten, dass ihre Ärzte die Schnappschüsse ohne potenziell belastende Röntgenstrahlung schießen können – die MRI-Technik arbeitet mit Magnetfeldern und Radiowellen. Außerdem eignet sie sich, anders als herkömmliche Röntgenverfahren, gut zur Darstellung weicher Gewebe, vor allem von Hirn, Rückenmark und inneren Organen. Besonders geschätzt wird die Magnetresonanztomografie daher bei den Neurologen und Hirnchirurgen. Denn der große Vorteil des MRI-Verfahrens ist für sie oft Bedingung: Der Blick ins Hirn muss scharf sein und darf ganz bestimmt nichts kaputt machen. Für Hirnchirurgen ist die MRI-Durchleuchtung daher Voraussetzung ihrer täglichen Arbeit. Nur sie kann verraten, auf welchem Weg etwa ein Tumor in einer sensiblen Region des Gehirns entfernt werden kann, ohne dass durch die Operation schwere Schäden entstehen.

Ein Ende der Entwicklung ist noch lange nicht in Sicht. Längst ermöglicht MRI auch bewegte Echtzeitaufnahmen zum Beispiel vom Herzen. Eine echte Revolution hat mit der Technik aber in der Hirnforschung eingesetzt. Da gerät der Physiker Treuer so richtig ins Schwärmen: "Dem Gehirn des Menschen beim Denken zuzuschauen, das ist das Faszinierendste."