Mitbewohner können manchmal ganz hilfreich sein. Zum Beispiel der Zimmergenosse von Alexej Abrikosow im Moskauer Studentenwohnheim, der eines Tages seltsame Messdaten aus dem Labor mitbrachte. Abrikosow fand die passende Theorie dazu, und am Dienstag dieser Woche wurde er dafür mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet. Die Preissumme von 1,1 Millionen Euro teilt er sich mit seinem Landsmann Witalij Ginzburg und dem amerikanisch-britischen Physiker Anthony Leggett.

Eigentlich hatte Alfred Nobel in seinem Testament verfügt, dass der Nobelpreis für Arbeiten aus dem vorangegangenen Jahr vergeben wird. Die Testamentsvollstrecker legten diesen Wunsch etwas großzügiger aus. Auch in diesem Jahr wird wieder einmal Lehrbuchwissen prämiert, das ein halbes Jahrhundert alt ist.

Ginzburg (87), Abrikosow (75) und Leggett (65) werden für ihre "bahnbrechenden Arbeiten in der Theorie über Supraleiter und Supraflüssigkeiten" gewürdigt. Supraleiter leiten den Strom ohne einen elektrischen Widerstand, Supraflüssigkeiten fließen bei tiefen Temperaturen reibungslos über Oberflächen und kriechen gegen die Schwerkraft eine Wand nach oben. Das ist nicht neu und wurde schon mit diversen Nobelpreisen belohnt. Doch die Theorie ist kompliziert genug für eine Fortsetzung. In der Szene wird die Entscheidung denn auch als "wohlverdient" und "absolut gerechtfertigt" gefeiert.

Abrikosow, der seit 1991 in den USA forscht, wäre fast um seinen Ruhm gebracht worden. Sein Doktorvater Lew Landau, dessen Lehrbücher sogar in der Moskauer U-Bahn verkauft wurden, war der Zar unter den russischen Theoretikern. Und Landau hielt die Theorie seines Schülers für falsch. Schließlich hatte Landau zusammen mit Ginzburg gezeigt, warum Magnetfelder die Supraleitung zerstören. Abrikosow erklärte dagegen, dass manche Supraleiter – zum Beispiel die seines Zimmergenossen – auch in hohen Magnetfeldern ihre magischen Eigenschaften beibehalten. Erst mit zweijähriger Verspätung durfte er seine Arbeit publizieren. Der Nobelpreis versöhnt nun beide Seiten und feiert Ginzburg als Wegbereiter von Abrikosows Theorie. Landau erhielt den Nobelpreis bereits 1962 und starb sechs Jahre später an den Folgen eines Autounfalls.

Das Forschungsgebiet der Laureaten ist nicht ganz so esoterisch, wie es klingt. Supraleiter, die sich mit Magnetfeldern vertragen, sind sogar die interessantere Version der widerstandslosen Materialien. Mediziner nutzen supraleitende Magnete, um hohe Magnetfelder zu erzeugen. Eine lukrative Anwendung ist die Kernspinresonanz, und fast scheint es, als hätten die Jurys für den Physik- und den Medizin-Nobelpreis sich in diesem Jahr abgesprochen (siehe oben). Supraleiter erwärmen sich nicht wie normale Metalldrähte und können daher viel höhere Ströme verlustfrei leiten. Ökoforscher träumen von supraleitenden Kabeln, die Solarstrom aus der Sahara nach Europa transportieren.

Leggetts Theorie der Supraflüssigkeit in Helium-3 ist dagegen vor allem für Theoretiker interessant. Heliumatome formieren sich bei tiefen Temperaturen nämlich zu einer "Quantenflüssigkeit". Ähnlich wie die Elektronen in einem Supraleiter paaren sich dabei immer zwei Atome und verbinden sich anschließend zu einer Art Superatom. Es kann mehrere Zentimeter groß sein und dennoch die bizarren Eigenschaften der Quantenphysik besitzen. Besonders kurios ist, dass diese Flüssigkeit ein ruhendes Magnetfeld hervorruft, das für atomare Maßstäbe gigantisch groß ist – seine Stärke beträgt ein Zehntel des Erdmagnetfelds.

Diese Eigenschaft konnte Legett erstmals erklären; er zeigte, dass es sich dabei um eine Art "Quantenverstärkung" handelt. Die mikroskopischen Magnetfelder der Atompaare werden in dem Superatom quasi gleichgeschaltet und addieren sich so zu einem Monstermagnetfeld.