Es gibt Bücher, die man vor einer Reise nach Südafrika gelesen haben sollte. Mein Verräterherz von Rian Malan gehört zu diesen Büchern, Allister Sparks’ The Mind of South Africa und natürlich Nelson Mandelas Der lange Weg zur Freiheit. Und Schande von J. M. Coetzee, der brillanteste Roman nach dem Untergang der Apartheid. Und dennoch lässt sich diese Pflichtlektüre nur mit einer Vorwarnung empfehlen, denn sie verdunkelt den Blick auf das Land und seine Leute. Es geht darin um die kollektive Gemütslage der Weißen, der Nachfahren jener Kolonialisten, deren Ankunft unermessliches Leid über die Afrikaner bringen sollte. Es geht um Schuld und Scham. Und um die Vergeblichkeit wirklicher Versöhnung.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum J. M. Coetzee den Nobelpreis erst jetzt bekam, obwohl er seit Jahren ganz oben auf der Liste der Schwedischen Akademie stand. Er zwingt uns, in Abgründe zu schauen, in die wir eigentlich nicht schauen wollen, aber vor denen wir unseren Blick nicht mehr abwenden können. Seine Topoi wollen nicht in die epochale Wende am Kap passen, in das weltweit gefeierte "Wunder" der friedlichen Selbstauflösung eines rassistischen Wahngebildes. Coetzee entlarvt die Vision von der neuen, farbenblinden rainbow-nation als schönen Mythos. Weiß und Schwarz sind keine Farben des Regenbogens.

Schande zählt zu den düstersten Romanen, die am Ende des düsteren 20. Jahrhunderts geschrieben wurden. Coetzees Protagonisten ergeht es wie den Untoten in Samuel Becketts Spiel, die im Licht der Erinnerung dazu verdammt sind, ihre eigene Vergangenheit zu durchleben, immer wieder von vorne, bis zum Ende aller Zeiten. Nur den erlösenden Trost, den der Ire Beckett spendet, das Komische, Groteske, Aberwitzige, das allem Unglück anhaftet, erhalten sie vom Südafrikaner Coetzee nicht. Seine Ästhetik des Scheiterns ist absolut.

J. M. Coetzees "intellektuelle Ehrlichkeit zersetzt alle Grundlagen des Trostes und distanziert sich vom billigen Theater der Reue und des Bekenntnisses", schreibt die Akademie in Stockholm. Die schonungslose Ehrlichkeit hat ihm eine mitunter feindselige, im besten Falle gleichgültige Haltung seiner Landsleute eingetragen. Im Ausland wurden seine Werke preisgekrönt, den Booker Price, Englands begehrteste Literaturtrophäe, erhielt er als einziger Schriftsteller gleich zweimal. Daheim in Südafrika löste die Veröffentlichung von Schande eine erbitterte Debatte im Parlament aus. Der Roman lege den Weißen nahe, das Land zu verlassen, weil es nicht mehr das ihre sei, erklärte die Regierungspartei African National Congress vor zwei Jahren. Nun fordert die Opposition eine Entschuldigung, und Präsident Thabo Mbeki tut sich schwer, dem Laureaten zu gratulieren.

Wie einfach war es doch gewesen, als Nadine Gordimer anno 1991 die höchste Schriftstellerehre zuteil wurde. Der großen alten Dame mangelte es zwar an literarischem Glanz, aber sie war eine furchtlose Vorkämpferin gegen das Unrechtssystem. Man liebte oder man hasste sie. Coetzee aber, der zweiflerische Philologe und Schriftsteller, steht zwischen allen Fronten. In den Augen des alten Regimes war er ein Staatsfeind im Gewand des Dichters. Der spärlichen schwarzen Leserschaft hingegen schrieb er zu "weiß". Heute halten ihn viele Weiße für einen Misanthropen und Defätisten, ja, für einen Scharlatan, der "nichts kann", wie ein Kritiker vier Tage vor der Verleihung des Nobelpreises giftete. Man weiß nicht viel über diesen Sonderling, er ist publikumsscheu und geradezu pressefeindlich. J. M. Coetzee blieb ein Enigma, man rätselte sogar über seinen Vornamen. John Maxwell? Oder Jean Marie? Seine Studenten an der Universität Kapstadt nannten ihn "Gott".

Coetzees erster Schlüsselroman Warten auf die Barbaren erzählt von einem geschichtsfernen, ortlosen Reich, dessen Herrscher foltern und morden, um ihre heilige Zivilisation zu bewahren. Die Untertanen leben in ständiger Furcht vor den Wilden, und ein jeder ist unauflösbar verstrickt in das kafkaeske System des Terrors. Dieser Roman ist eine Parabel über die Dialektik zwischen Herr und Knecht, Unterdrücker und Aufständischem. Schöngeister haben ihn gern als Allegorie, Fabel oder gar Legende gelesen. Allein, das grausame Reich hat einen Namen: Südafrika. Warten auf die Barbaren entstand 1980, in jenem Jahr, als Apartheid-Polizisten den schwarzen Studentenführer Steve Bantu Biko totprügelten.

Die ewigen Albträume am Kap

Doch der Zeitzeuge Coetzee verfasst kein empörtes J’accuse. Er seziert die Herrschaftsmaschinerie mit der Präzision eines Mathematikers, indem er die Verrohung und Niedertracht freilegt, die es in den Menschen anrichtet. Sein Stil ist kühl, klar, lakonisch. Die Rationalität und der Irrsinn, das Politische und das Poetische werden gleichsam lautlos verzahnt. Am Ende steht eine universelle Anatomie über das Wesen totalitärer Macht.