Von Koblenz nach Bingen fuhr der Dampfer, vom Deutschen Eck zum Mäuseturm, abendländisches Märchengelände mit Bergen, Burgen, Beethoven. Beethoven? An Deck befand sich ein ganzes Sinfonieorchester und ließ die Fünfte erklingen, in der bekanntlich das Schicksal an die Pforte hämmert. Das Orchester spielte nicht für Touristen; es war auf Protestfahrt. Die Rheinische Philharmonie steht auf der Sparliste des Landes Rheinland-Pfalz – wie auch zwei weitere Orchester, die in Ludwigshafen und in Mainz. Knapp zwei Millionen Euro jährlich will Kultusminister Jürgen Zöllner (SPD) ab 2005 bei den Musikern sparen. Das geht nicht ohne Amputationen. Oder doch?

Der Sparschock an Rhein und Main ist nicht so prominent wie das Gezerre um die Berliner Opernhäuser. Aber was ihm folgt, könnte bundesweit Modellcharakter haben. Sparzwang herrscht überall, mit 138 Kulturorchestern hat Deutschland nach wie vor die weltweit höchste sinfonische Dichte –, und das ist teuer. Nicht, dass die Musiker im Schnitt viel Geld bekämen. In Koblenz etwa, einem "B"-Orchester für Oper und Konzert, müssen sie teils mit 1500 Euro netto klarkommen, doch die Träger, Land und Stadt, bezahlen pro Stelle das Dreifache.

Das liegt an den Nebenkosten, die es in anderen Jobs ebenso gibt, aber auch an zahlreichen Spezialregeln, die in die Tarifverträge einbetoniert sind und zum Beispiel genau festlegen, wie viele Arbeitsstunden einem Musiker in einer bestimmten Zeit abverlangt werden dürfen – wodurch Engpässe entstehen, die wiederum den Einsatz von Aushilfen nötig machen. Kurz, wer als Minister um die 60 Stellen bei drei Orchestern streicht (von denen eins zur "A"-Kategorie zählt wie die Staatsphilharmonie Ludwigshafen), hätte seine zwei Millionen Euro schon gespart – aber drei schwer beschädigte Klangkörper hinterlassen. Darum wollte Minister Zöllner eigentlich einen Phönix aus der Asche zaubern.

Die Mainzer und die Ludwigshafener Philharmoniker, so ging die glitzernde Vision, sollten zu einem Spitzenorchester fusioniert werden, das einer trüffelspeienden Wollmilchsau geähnelt hätte. Es sollte von Berlin bis Tokyo in internationaler Konkurrenz den Ruhm von Rheinland-Pfalz mehren, zugleich den heimischen Bedarf an Sinfoniekonzerten decken und in Mainz Opern spielen, mit denen die Ludwigshafener Musiker freilich keine Erfahrungen haben. Das Koblenzer Orchester sollte von 77 auf 56 Stellen reduziert werden und neben diesem Superorchester als Barockensemble wirken. Und die allerorten gekündigten Instrumentalisten sollten per "Seiteneinstieg" Musiklehrer werden.

Eine Musiker-Task-Force

Die Weltferne dieser Reformidee hatte den Vorteil, neben Protesten auch Fantasie für alternative Strukturen auszulösen. Es erwies sich, dass die drei Orchester ja untereinander aushelfen könnten, anstatt Einspringer zu bezahlen. Die Orchestergewerkschaft bekannte sogar, einige Musiker hätten nichts gegen die Flexibilisierung ihrer Arbeitszeit. Aber der Vorschlag von Rainer Neumann ging ihr dann doch zu weit. Der Intendant des Koblenzer wie des Ludwigshafener Orchesters möchte 30 Musiker mit halben Stellen in einer Art Task-Force versammeln, die einspringen würde, wo die verkleinerten Orchester Bedarf hätten.

Die Idee vom locker gefügten Musikerpool als Alternative zum traditionellen Orchester ist da eingeflossen. Ein Pool freilich, der die Mitglieder nicht weit weg von der Wildbahn der tariflosen freien Musiker ansiedeln würde. Und damit ist er für die Deutsche Orchestervereinigung indiskutabel, auch mit Verweis auf die künstlerische Geschlossenheit der Ensembles. Die Gewerkschaft selbst hat eine "Orchesterakademie" ins Spiel gebracht, durch die jährlich bis zu 25 Studenten als Praktikanten (und kostengünstige Aushilfen) auf die Ensembles verteilt werden sollen.

Auf der Fusionsidee vom Superorchester besteht der Minister längst nicht mehr. Er sammelte Vorschläge von Arbeitsgruppen, ein 55 Seiten starkes Papier wurde erstellt, der Landtag hat sich in einer Anhörung darüber informiert. Denn so etwas wie die deutsche Orchesterlandschaft darf man nicht einfach begradigen, bis neben den ICE-Strecken der Starorchester nur noch sporadischer Busbetrieb von "Durchschnittsgrundbedarfsorchestern" läuft. 100000 Unterschriften konnten die drei Ensembles gegen ihre Amputation sammeln. "Vielen Menschen", teilt die Orchestergewerkschaft mit, sei "teilweise erst jetzt der eigentliche Wert dieser Kulturträger bewusst geworden". Mitglieder ebenjener CDU, die in Niedersachsen mit der Axt an die Oper geht, riefen in Rheinland-Pfalz zu Demonstrationen für die Musiker und die von ihnen bespielten Häuser auf. Und die Instrumentalisten entwickelten im Protest Ideen, die auch fürs Marketing taugen. Es muss ja nicht bei einer Dampferfahrt bleiben.