Baden-Baden

So müssen sich Konservative ein Idyll vorstellen: Fröhliche Kinder, die auf dem Schulhof herumtollen. Eine sittenstrenge Lehrerschaft, der Disziplin, Leistung und ein liebevoller Umgang mit ihren Schützlingen gleichermaßen wichtig sind. Ein gemeinsames Gebet zu Beginn und am Ende eines jeden Schultags. Eine hoch zufriedene Elternratsvorsitzende. Ein begeisterter Schulamtsleiter. Eine ganze Stadt, in der Eltern versuchen, ihre Kinder irgendwie auf diese eine Grundschule zu bekommen. Was ließe sich Besseres über eine Schule sagen?

So wie die Klosterschule Lichtental in Baden-Baden müssten sich Konservative ein Idyll vorstellen, sollte man meinen. Aber die konservative Regierung des Bundeslandes Baden-Württemberg hat in den vergangenen fünf Jahren alles dafür getan, dass diese Schule, jedenfalls in ihrer gegenwärtigen Form, für verfassungswidrig erklärt und geschlossen werden könnte. Nicht dass die Regierung das jemals beabsichtigt hätte – es ging in dem fraglichen Verfahren überhaupt nicht um die kleine Klosterschule. Ihr Ende wurde lediglich, sozusagen als Kollateralschaden, in einem viel größeren und wichtigeren Konflikt in Kauf genommen.

Es ging, natürlich, um das Kopftuch. Baden-Württemberg gegen Fereshda Ludin, das christliche Abendland gegen den vordringenden Islam. Dass dieser Streit nun eine der ältesten Grundschulen Deutschlands erreicht, liegt daran, dass die Klosterschule Lichtental zum Zisterzienserkloster Lichtenthal gehört. Seit fast 200 Jahren bringen die Schwestern des weißen Ordens hier den Kindern der Umgebung das Lesen und das Schreiben bei. Sie unterrichten seit jeher in der vollen Tracht der Zisterzienserinnen, im weiten weißen Gewand mit schwarzer Schürze, dem Skapulier, und, natürlich, unter dem Schleier. Eng wie ein Taucheranzug, umschließt er das Gesicht und verbirgt, ganz wie das Kopftuch der Muslimin Ludin, das Haar der Lehrerin.

Seit 1948 ist die Klosterschule die einzige staatliche Pflichtgrundschule in einem Schulbezirk mit mittlerweile gut 7000 Einwohnern; vier der fünf Ordensschwestern in dem 17köpfigen Kollegium sind Beamtinnen.

Ist das ein Problem? Im Prinzip ja.

Denn aus Sicht des Landes Baden-Württemberg sind religiöse Bekenntnisse von Lehrkräften, seien sie nun Christen, Muslime oder Hindus, an öffentlichen Schulen allesamt des Teufels – das jedenfalls war die Rechtsauffassung, die das Land dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe vortrug, als es um das Kopftuch ging. "In öffentlichen Pflichtschulen" seien Kinder "ohne jede Parteinahme des Staates und der ihn repräsentierenden Lehrkräfte für christliche Bekenntnisse wie für andere religiöse und weltanschauliche Überzeugungen zu unterrichten und zu erziehen" – diesem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, ergangen in der Sache Ludin gegen Baden-Württemberg, schloss sich das Land in seiner Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht ohne jede Einschränkung an.

Wie kann man einer Muslimin ein solches Urteil entgegenhalten, wenn man zugleich Lehrerinnen in der Tracht eines christlichen Ordens an einer staatlichen Pflichtschule duldet?