GeschichteStolperstein für Neugierige

Alexander Demandt galoppiert durch die Weltgeschichte von Wilfried Nippel

Als die heilsgeschichtliche Deutung der Weltgeschichte ihre Verbindlichkeit verlor, stellten sich die Fragen, unter welchen Gesichtspunkten man die Vielzahl historischer Vorgänge organisieren und ob dies ein einzelner Autor noch leisten könne. Seit 1736 erschien in England eine von zahlreichen Autoren verfasste, vielbändige Universal History, die das Modell lieferte, das sich mit der Spezialisierung der Geschichtswissenschaft seit dem 19. Jahrhundert durchsetzen sollte. Rankes Alterswerk (1880 bis 1888) einer neunbändigen, von der Antike bis ins 12. Jahrhundert reichenden Weltgeschichte erntete harsche Kritik. Der Althistoriker Eduard Meyer warf ihm vor, die Ergebnisse eines halben Jahrhunderts wissenschaftlicher Arbeit ignoriert zu haben.

Der Althistoriker Alexander Demandt hat keine Scheu davor, sich mit seiner von den alten Hochkulturen bis in die unmittelbare Gegenwart gespannten Darstellung der Kritik auszusetzen. Leider äußert er sich nicht zu den Kriterien, nach denen er seine Auswahl aus einer unendlichen Stofffülle trifft und seine von Selbstzweifeln unbelasteten Deutungen vorträgt. Er verweist nur auf Kants "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht". Aber Kant hatte ein anderes Genre gewählt als die "empirisch abgefaßte Historie", die Demandt mit einer Vielzahl von Daten bietet.

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Demandt wendet sich gegen eine Verkürzung der Geschichte aus der Perspektive der Gegenwart, räumt mediterranen und asiatischen Hochkulturen, dem Islam und dem europäischen Mittelalter fast die Hälfte seines Textes ein. Unter "weltbürgerlichen" Gesichtspunkten hätte es zum klassischen Athen Wichtigeres mitzuteilen gegeben, als dass die Länge der Marathonstrecke nicht der Entfernung zwischen Marathon und Athen, sondern der zwischen Windsor und London entspricht. Gleich zweimal, zu Juden und Muslimen, erfährt man, dass die Beschneidung ein "steinzeitliches Fruchtbarkeitsopfer" gewesen sei.

Für die Neuzeit steht die Europäisierung der Welt und die Globalisierung der Gegenwart im Vordergrund. So kommen die außereuropäischen Gesellschaften nur insoweit zur Sprache, als sie Objekt der europäischen beziehungsweise amerikanischen Vorherrschaft werden. Im Anschluss an Tocquevilles Prognose, dass Europa von Russland und den USA machtpolitisch überflügelt werde, behandelt Demandt deren Aufstieg im 18. und 19. Jahrhundert in einem gemeinsamen Kapitel, sodass die amerikanische Revolution erst später als die französische behandelt wird, auf die sie doch so große Auswirkungen hatte. Wenn es richtig ist, dass sich in den heutigen Industriestaaten die parlamentarische Demokratie durchgesetzt hat, hätte man gern mehr zur Bedeutung der englischen Revolutionen des 17. Jahrhunderts erfahren, als zuvor gesagt wird.

Man merkt dem Text die Herkunft aus Vorlesungen an, die den Hörern Auflockerung durch kulturhistorische Details bieten sollten. Das gilt auch für manche Formulierung, die gedruckt an Charme verliert: "Hätte Kolumbus nicht der Zufall Amerika in den Weg gelegt, so wäre er auf dem Ozean verhungert." – "In Spanien hat Napoleon Inquisition und Folter abgeschafft, in Deutschland feste Besoldung für Lehrer eingeführt."

Dennoch, nicht nur Lehrern kann das Buch empfohlen werden – als Fundgrube für Details, Anstoß zum Nachdenken über welthistorische Zusammenhänge und zu hoffentlich produktivem Ärger.

π Alexander Demandt: Kleine Weltgeschichte

C. H. Beck Verlag, München 2003; 368 S., 24,90 ¤

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