Gerd Koenen liest man immer mit Gewinn; ob nun kleinere Interventionen oder große Studien wie Das Rote Jahrzehnt. Er vermag, was in Deutschland so selten ist, das Spannende mit dem Informativen zu verbinden. So auch jetzt in seinen Urszenen des deutschen Terrorismus, einem Horrorbuch, einer Geisterbahn, die der Leser zwischen Gerippen, koketten Sexhysterikern und ideologisierten Fratzen durchsaust: Leichen am Ausgang. Koenen erweist sich als packender Erzähler so gut wie als genau recherchierender Historiker.

In wesentlichen Zügen ist die Geschichte bekannt: vom vaterkomplexgeplagten Sohn des Nazidichters Will Vesper; von der anfangs kreuzbraven Gudrun aus dem schwäbischen Pfarrhaus Ensslin; vom Revolutionsstricher Baader, der so selbstverliebt in von Hans Werner Henze gemopsten Seidenhemden herumschärpte wie in geklauten Porsches herumbretterte. Koenen aber gelingt es, das Geflecht von Motiven, emotionalen Abhängigkeiten und Hassverwurzelungen aufzudecken. Erschreckend, welch faschistoid-antisemitischer Humus das war, aus dem sich das Pflänzchen Bernward Vesper ins diffuse Licht bohrte; der angebliche Widerwille gegen den Nazidichter, schon während des Krieges und bis weit in die fünfziger Jahre Herr auf seinem Gut Triangel, war kein Widerstand, sondern pubertäres Aufbegehren: Gedankengut und Fühlweise des Mannes, "der seine ersten Gedichte hinter dem Pflug schrieb", wurden übernommen. Wie ein Korken auf den Wellen schaukelte der junge Mann, der sich früh als Schriftsteller fühlte, auf der Schmutzgischt seiner Altvordern; mal in unsäglichen Manifesten, mal mit Pennälerversen, die aber bereits auf den Ton "deutsch" eingestimmt waren: "Du gehst hinaus – nie wieder bewohnen wir das / gleiche Elternhaus, / Du gehst die stete Bahn von Fleiß und Müh’ / Wir werden sie zusammen gehen nie. / Du wirst die heiligste der Erde sein, / wirst deutschen Kindern deutsches Leben / schenken. / Ich muss gehen meine Bahn allein, / mein unstet Leben wird der Wind nur lenken."

Das wäre noch komisch, käme nicht alsbald ein rigides Sendungsbewusstsein hinzu – mal sollte, 1963! (nun bereits zusammen mit Gudrun Ensslin, die all diesen gequirlten Abhub tippte), eine Will-Vesper-Gesamtausgabe ediert werden, und mal stellte man eine Anthologie zusammen (Verlagsort Stuttgart-Cannstatt, das Pfarrhaus Ensslin), die den Es zittern die morschen Knochen- Autor Hans Baumann nicht entbehren mochte. Es wurde da ein Sud zusammengebraut, aus dem bald nicht nur Gestank drang, sondern Blut troff. Der junge Bernward Vesper eilte zu den Lippoldsberg-Treffen bei Hans Grimm, wo man "Helm ab"-Gebete für tote Helden sprach, sich der Zeilen aus Rudolf Alexander Schröders Heilig Vaterland erinnerte, mit denen er 1939 in Lippoldsberg patriotisch geduselt hatte "Sieh uns all entbrannt, / Sohn bei Söhnen stehn, / Du sollst bleiben, Land, / Wir vergehn". Sie waren nicht alle vergangen, nicht Hermann Claudius (Urenkel von Matthias Claudius), 1940 Autor eines Treuegedichts für den Führer; nicht Winifred Wagner, angereist in pompösem Automobil (und von Sohn Vesper 1960 in Bayreuth mit einem Riesenbukett roter Rosen besucht); nicht Vater Vesper – ein Foto hält sie in Lippoldsberg, 1958, fest. Koenen summiert:"So konnte noch einmal eine nationalradikale Zeit- und Kulturkritik von rechts einen Teil der Proteststimmungen unter der Nachkriegsjugend artikulieren, bevor die linken Gesellschaftsideen ihre Herrschaft antraten."

Völliges Missverhältnis zwischen Schein und Sein

Es ist eines der großen Verdienste seines Buches, dass Koenen bis zur Schmerzgrenze deutlich die verkrusteten Morastlinien zeigt, an denen entlang sich diejenigen bewegten, die wenig später die Menschheit befreien wollten; und sei es durch Mord. Krassester Antisemitismus – nur löchrig bemäntelt als "Antizionismus" – war, was man "Gedankengut" zu nennen zögert. Die ersten Zurückweisungen quittierte Jung-Autor Vesper so: "Wütend knallte er die Absage des Verlages auf die Schreibmappe. Während das Volk nach ihm rief, wollten die Verleger, geängstigt von der Meinungsmache der Morgenthauboys, nichts von ihm wissen. Emigranten, Marxisten und Juden, die angeblich alle im KZ umgekommen, beherrschten die öffentliche Meinung."

Durchaus war die ehemalige Gruppenführerin beim Evangelischen Gemeindewerk, die später sphinxhafte Ikone der RAF schon dabei, Gudrun Ensslin, Vespers Geliebte und Mutter des gemeinsamen Sohnes Felix, als das holde Paar für seine Traktätchen Anzeigen in der National- und Soldatenzeitung schaltete, in Zeitungen der neu gegründeten NPD, in Reichsruf, Burschenschaftliche Blätter oder Saatkorn. Auch mit dem Militaria-Verlag Druffel wurde eine Zusammenarbeit vereinbart. Lediglich Geschäftsmethoden? Wohl doch mehr.

Wenn Koenen zum Thema seiner Untersuchung macht, dass "über die Anfänge und Ursprünge des Terrorismus in Deutschland weiterhin Unklarheit herrscht", so hat er das Erdenkliche getan, Licht in dieses Dunkel zu tragen. Es war ein fast unentwirrbares Gemengsel aus ödipaler Abnabelung, nationalistisch getöntem Abscheu vor der (gut: wahrlich unerfreulichen) Wirtschaftswunderwelt und Tötungsfantasien aus sexueller Hysterie. Schon 1962 bettelt das Pastorentöchterlein Gudrun ihren "Wolf" – damals noch Vesper – um "eine letzte Chance… ihren Schoß zu erbrechen", ihr, "die alles tut für dich. Auch töten." Fraglos dürfen solche Verschmelzungsfantasien mit dem Namen belegt werden, den sie verdienen: faschistisch. Liebe, Traum und Tod sind alsbald nicht mehr Theaterrepertoire, sondern Revolver-Regie für die Wirklichkeit. Der man übrigens mühelos die eigenen Kinder opferte; es scheint, als habe Gudrun Ensslin ihren Sohn Felix nach der Entlassung aus der Haft wegen der Frankfurter Kaufhausbrandstiftung nie mehr gesehen. Alldieweil man in wechselnder Besetzung nach Paris oder Rom reiste, in den vorderen Orient oder zurück nach Stuttgart, Frankfurt, Berlin. "Votzenbedürfnisse" nannte man die mögliche Fürsorge (etwa Ulrike Meinhofs) um die eigenen Kinder. Es war nicht nur eine "Literarisierung der Politik" (Hans Egon Holthusen im Spiegel, 1968), es war durchaus auch ihre Ästhetisierung. Der Drogentrip zum "Bewusstsein", was immer man unter diesem aus Reich, Bakunin und Marcuse zusammengekochten Brei verstanden haben mochte, musste durchaus schick sein. Revoluzzer-Stars verteilten wie Filmsternchen ihre Porträtfotos, auf deren Rückseite praktischerweise gleich eine Kontonummer notiert war; teure Havanna-Zigarren mussten es sein, modische Che-Anleihe; Buketts roter Rosen nahm man in der Zelle so selbstverständlich entgegen, wie Gudrun Ensslin für ihren Auftritt vor Gericht dem abgestreiften Liebhaber Vesper geradezu befahl, ihr eine "hüftlange Lackjacke, vorzugsweise dunkelrot und möglichst aus dem Hause Selbach", zu besorgen – wie man sich erinnert, trug sie die, als sie lange nach der Baader-Befreiung beim Besuch der Mode-Boutique Linette am Hamburger Jungfernstieg verhaftet wurde, eine schussbereite Pistole in der Tasche. Die unterdrückten Massen traf man da wohl eher nicht – so wenig Gigolo Baader sie in seiner weißen Mercedeslimousine aufsuchte. "Ein völliges Missverhältnis von Schein und Sein" bescheinigt Koenen der RAF. Wie mörderisch/selbstmörderisch das endete, ist bekannt.