Herrscherinnen: Mit Gift und Rubens
Ein seltener Genuss: Anka Muhlstein zeigt, was weibliche Herrschaft bedeuten kann
Warum nicht die Onkel? Nein, die Witwen verstorbener Könige waren es, die in Frankreich aus einer Tradition des Mittelalters heraus die Regentschaft für ihre Söhne antraten und die höchste Macht im Land beanspruchten. Die verfassungsrechtliche Autorität dieser Königinmütter bestand in erste Linie darin, dem Kronrat vorzusitzen, seine Entscheidungen zu lenken. Darüber hinaus ist die weibliche Herrschaft schwer zu fassen. Sie bestand aus dem Rang der Damen, ihrer Klugheit, ihrer Einflussnahme auf den Thronerben.
Drei dieser Regentinnen hat die französische Historikerin Anka Muhlstein ihre Sammelbiografie Königinnen auf Zeit gewidmet. Das Sujet ist fruchtbar und seine Bewältigung spannend und lehrreich. Die Frauen, die sie Revue passieren lässt, gehören allerdings ohnehin zur ersten Garnitur europäischer Gestalten: Katharina von Medici, Maria von Medici und Anna von Österreich, Mutter Ludwigs XIV., die uns aus sämtlichen Verfilmungen der Drei Musketiere als Gegnerin Richelieus und vermeintliche Geliebte des Herzogs von Buckingham geläufig ist.
Allen drei Damen, die für ihre minderjährigen Söhne regierten, ist eines gemein: Sie wurden vom Leben gebeutelt und revanchierten sich für ihre Leiden in einer Weise, dass ein heutiger Durchschnittscharakter – und andere haben wir kaum – nach fünf Minuten aus einem Fenster gesprungen wäre. Die Fulminanz, der Pomp und Jammer ungeschützter Leben der Spätrenaissance und des Frühbarock treten dem Leser aus dem Buch schauerlich verführerisch entgegen. Im Vergleich zu französischen Königinmüttern scheinen wir vakuumverpackt zu leben, aber auch nur die dementsprechende Ausstrahlung zu haben.
Von ihrem Gemahl Heinrich II. wurde Katharina von Medici verschmäht. Nacheinander regierte sie für drei ihrer kranken oder wahnsinnigen Söhne. Als die „Schlächterin der Bartholomäusnacht“, 70-jährig, aushauchte, hatte sie ihre zehn Kinder überlebt, und man kümmerte sich um die machtlos Sterbende so wenig „wie um eine tote Ziege“. Katharina, die Drahtzieherin, die Giftmischerin, die schwer geprüfte Mutter, war Frankreichs „Schwarze Königin“. Aus dem Hintergrund lenkte sie in dunkler Robe die Geschicke der von Religionskriegen zerrissenen Nation. Gerechtigkeit lässt die Autorin dieser übelst beleumundeten Frau widerfahren. „Wie ein Hund seine Knochen“ verteidigte Katharina die Herrschaftsrechte ihrer Söhne, die nie aus dem Schatten der Mutter herauszutreten vermochten.
Katharina war kein Monster, vielmehr eine Politikerin gefährlichen Formats. Natürlich mordete sie eher, als dass sie sich ermorden ließ. Über eine Blutspur manövrierte sie Frankreich zu einem neuen Ufer, der Friedensepoche Heinrichs IV., des ersten Bourbonen.
Falls die regierenden Frauen sich nicht selbst schulten, blieben sie für die Lenkung eines Reichs unausgebildet. Das sagt jedoch wenig über Erfolg oder Misserfolg ihrer Handhabung der Staatsgeschäfte. In Gemächern – nicht auf Schlachtfeldern – mussten sie die Gegenwart regulieren und die Zukunft von Dynastie und Nation einleiten.
Maria von Medici, die Mutter Ludwigs XIII., gibt in der Galerie der Regentinnen das schlechteste Bild ab. Die reiche Erbin war machtgierig, launisch und dumm. Wenn derzeit in Feuilletons vor der Überschätzung des Matriarchats und dem Ende der Männerwelt gewarnt wird, so lässt sich auch Richelieus Bewertung der zweiten Mediceerin in die Diskussion bringen: Frauen, so der Kardinal, „sind sonderbare Tiere. Man glaubt, daß sie keiner bösen Tat fähig seien, weil sie zu nichts Gutem fähig sind: Aber ich versichere nach bestem Wissen und Gewissen, daß es nichts gibt, was eher imstande wäre, einen Staat ins Verderben zu führen.“



