Gegen Ende des 20. Jahrhunderts ist das politische Ordnungsmodell des Staates, dem kurz zuvor noch alternativlos die Zukunft zu gehören schien, in eine schwere Krise geraten. Weniger betroffen sind Westeuropa, Japan und Nordamerika, wo sich diese Krise der Staatlichkeit nur in Überschuldungsproblemen und einer schwindenden wirtschaftlichen wie fiskalischen Steuerungsfähigkeit des Staates äußert, umso mehr hingegen Asien, Afrika sowie Lateinamerika: Nur noch teilweise und manchmal überhaupt nicht mehr sind hier die Staaten in der Lage, ihre ursprüngliche und eigentliche Kernaufgabe wahrzunehmen – den Schutz der Menschen vor Gewalt. Staatszerfall ist inzwischen zu einer der größten Herausforderungen der internationalen Politik geworden.

Lange Zeit ist übersehen worden, dass die in der Generalversammlung der UN dargestellte Ordnung, wonach die Landoberfläche der Erde staatlich aufgeteilt ist und von diesen Staaten restlos kontrolliert wird, eher eine Fiktion darstellt als eine Realität. Tatsächlich ist die Staatenordnung in weiten Teilen zusammengebrochen oder nie wirklich zustande gekommen, und es ist inzwischen zunehmend fraglich, ob dies noch nachgeholt und der Staat als Monopolist des Politischen durchgesetzt werden kann. Dabei ist, was vor zwanzig, dreißig Jahren für manchen linken Intellektuellen ein Wunschtraum gewesen ist – das Verschwinden des Staates –, inzwischen zu einem Schreckensszenario für alle geworden, ganz unabhängig von ihrer politischen Positionierung.

Der Augsburger Soziologe Peter Waldmann hat sich mit den Problemen fragiler Staatlichkeit in Mittel- und Südamerika seit vielen Jahren beschäftigt und ist deswegen gegen die Versuchung gefeit, für das Scheitern des Staates immer bloß dessen erklärte Feinde, von der Stadtguerilla der frühen siebziger Jahre in Uruquay bis zu den kolumbianischen Kokain-Partisanen, verantwortlich zu machen. Mindestens ebenso hat die ununterbrochene Abfolge von Militärputschen und Militärjuntas das Entstehen einer robusten Staatlichkeit nach europäischem Vorbild in Lateinamerika verhindert. Nicht nur Bürgerkriege standen der Ausbildung institutioneller Strukturen und eines entsprechenden Ethos der Bürokratie entgegen, sondern auch die immer wieder durchschlagende Auffassung der oberen Schichten, der Staat sei nichts anderes als ein Mittel, die Armen und Rechtlosen unten zu halten.

Der Zerfall staatlicher Ordnung hat viele Ursachen; Terrorismus und Bürgerkrieg sind nur zwei davon. Die Auseinandersetzung gerade mit ihnen liegt freilich darum nahe, weil sie mit politischen Willen verbunden sind. Waldmann kann zeigen, wie schnell die diesen Willen leitenden Motive erodieren oder ins Gegenteil umschlagen, sobald sie sich des Mittels der Gewalt bedienen. Hinzu kommt ein genauer Blick für die Grammatik der Gewalt – etwa wenn Waldmann die gewandelte Funktion von Racheritualen an der Peripherie der Wohlstandszonen untersucht: Hatten sie früher eine Struktur hervorgebracht, die sich der Ordnung des Staates widersetzte, aber Regeln unterlag und durch ihre strenge Form der Ritualisierung nicht ins Belieben einzelner Gewalttäter gestellt war, so eskalieren die Rachemechanismen inzwischen, wie Waldmann an den Beispielen Albanien und Kolumbien zeigt, zu einer Abfolge von Gewalttaten, die sozial nur noch destruktiv sind, weder Ordnung noch Gesittung hervorbringen und bei denen alle zuvor vorhandenen Regelungsinstanzen weggefallen sind. Und vor allem: Statt um Ehre geht es nur noch um Geld und Gewinn.

Die eindringenden Modernisierungsschübe haben die Regeln und Rituale der traditionalen Gesellschaften ausgehebelt, aber sie haben die Zivilität und Affektkontrolle der Menschen, wie sie sich parallel zur Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols entwickelt haben, nicht in Kraft setzen können. Nicht die pure Rückständigkeit der Dritten Welt ist es, was in Waldmanns Analysen für die Gewalteruptionen dort und das Überschwappen der Gewalt von der Peripherie in die Wohlstandszonen verantwortlich ist, sondern der Zusammenprall zwischen geschwächten Traditionen und einer entfesselten Globalisierung.

Freilich macht Waldmann es sich nicht so einfach, die Ursachen für Bürgerkriege und Terrorismus allein in den Prozessen der Globalisierung zu suchen. Im Gegenteil: Durch eine Reihe von Vergleichen der verschiedenen Typen, etwa der baskischen Eta und der IRA in Nordirland, sucht er tiefer in die Motivationslagen und Organisationsprinzipien der Terrorgruppen einzudringen. Dabei beobachtet er ausgeprägte Formen der Ritualisierung und Sakralisierung der Gewalt, die schließlich dazu führen, dass diese sich aus einem Instrument zur Erreichung politischer Zwecke in eine Lebensform verwandelt, die nicht selten innerhalb einer Familie von Generation zu Generation fortgeerbt wird.

Was die Planer der Anschläge erreichen wollen