Geschichte Sehnsucht nach dem Messias
Hans-Ulrich Wehlers grandiose „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“: In seinem vierten Band deutet er Hitler und den Nationalsozialismus neu
Als Hans-Ulrich Wehler vor sechzehn Jahren die ersten beiden Bände einer veröffentlichte, da wurde dieses Unternehmen zu Recht als ein Ereignis gefeiert. Denn der Bielefelder Gelehrte hatte sich damit als erster Historiker überhaupt an das Wagnis gemacht, die Entwicklung der deutschen Gesellschaft seit der frühen Neuzeit unter konsequent sozialgeschichtlicher Perspektive zu beschreiben – ein gigantisches Projekt, das die Arbeitskraft eines einzelnen Forschers zu überfordern schien.
Schon damals mochte man zweifeln, ob die für 1990 und 1991 angekündigten Anschlussbände wohl rechtzeitig würden fertig gestellt werden können. Tatsächlich erschien der dritte Band, der vom Scheitern der 1848er Revolution bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs führt, erst im Jahre 1995 – mit über 1500 eng bedruckten Seiten fiel er fast so umfangreich aus wie die ersten beiden Bände zusammengenommen. Und es mussten noch einmal acht Jahre ins Land gehen, bevor nun endlich der vierte Band veröffentlicht wird. Er umspannt die Zeit von 1914 bis zur Gründung der beiden deutschen Teilstaaten 1949 und weist mit fast 1200 Seiten wiederum ein beachtliches Volumen auf.
Wehler selbst erklärt die zeitliche Verzögerung mit der immens angewachsenen Literatur und der Vielzahl offener Forschungsprobleme. Das ist gewiss einleuchtend, und man kann nicht umhin, der asketischen Disziplin, mit der er sich seit nunmehr zwei Jahrzehnten der Vollendung seines Opus magnum widmet, Bewunderung zu zollen. Doch hat das verspätete Erscheinen von Band 3 und 4 wohl auch etwas mit einem veränderten politischen und wissenschaftlichen Umfeld zu tun.
Wehler konnte, als er 1987 die ersten beiden Bände abschloss, noch nicht ahnen, dass nur zwei Jahre später das kommunistische System und mit ihm die DDR sang- und klanglos untergehen würde. Diese Wende blieb nicht ohne Einfluss auf die Gesamtkonzeption. Neben die Zäsur von 1933 als negativem Fluchtpunkt der Darstellung tritt nun, gewissermaßen als positives Korrektiv, die Vereinigung der beiden Teilstaaten, die aus der Trümmermasse des ersten deutschen Nationalstaats hervorgegangen waren. Anders als ursprünglich geplant, wird das Gesamtprojekt daher auch nicht mit 1949 enden, sondern in einem abschließenden fünften Band bis 1990 fortgeführt.
Aber auch die innerwissenschaftlichen Koordinaten haben sich mittlerweile verschoben. Als Wehler sein Werk konzipierte, galt die theoriegeleitete Gesellschaftsgeschichte Bielefelder Provenienz noch als Nonplusultra des wissenschaftlichen Fortschritts in der Bundesrepublik. Inzwischen hat sie Patina angesetzt, und seit einigen Jahren sieht sie sich vehement herausgefordert durch die Anhänger einer „neuen Kulturgeschichte“. Nicht auf die Analyse anonymer Strukturen und Prozesse, so lautet, grob vereinfachend, das Credo, komme es in erster Linie an, sondern darauf, wie diese von den Individuen erfahren und gedeutet wurden, wie sie ihr Fühlen, Denken und Handeln bestimmten. Gegen den Überlegenheitsanspruch der historischen Kulturwissenschaft verteidigt Wehler im Vorwort des neuen Bandes entschieden den Primat der Gesellschaftsgeschichte. Doch derStachel sitzt tief, und wenn man genau liest, erkennt man, wie sehr der Nestor der Sozialgeschichtsschreibung bemüht ist, Anregungen der Konkurrenzdisziplin aufzunehmen und in sein Konzept zu integrieren.
Freilich – das Grundgerüst ist geblieben. Wehler gliedert seinen Stoff in vier „Grunddimensionen“, auch „Achsen“ genannt: Wirtschaft, Sozialstruktur, politische Herrschaft und Kultur. Alle vier Bereiche stehen jeweils für sich, werden aber durch zusammenfassende Kapitel miteinander verklammert. Eine bestimmte Rangordnung ist damit nicht präjudiziert. Während für die Jahre der Weimarer Republik die Wirtschaft als entscheidende Triebkraft erscheint, die alle anderen Dimensionen in ihren Bannkreis zieht, gibt Wehler im Kapitel über das „Dritte Reich“ dem Komplex der politischen Herrschaft den Vorrang – und das völlig zu Recht, weil die Errichtung der Hitler-Diktatur für zwölf Jahre die entscheidenden Bedingungen auch für Wirtschaft, Sozialstruktur und Kultur setzte.
Im Mittelpunkt des vierten Bandes steht – wie könnte es anders sein? – die Frage, warum Deutschland „als einziges hochzivilisiertes Industrieland den ,Zivilisationsbruch‘ seines mörderischen Radikalfaschismus begehen konnte“. Wehler knüpft ausdrücklich an das Konzept einer „Historisierung des Nationalsozialismus“ an, wie es bereits Mitte der achtziger Jahre von Martin Broszat vorgeschlagen wurde. Hitlers Herrschaft dürfe nicht als Fremdkörper betrachtet werden, der sich einer rationalen Analyse entziehe; vielmehr komme es darauf an, sie möglichst genau und umfassend aus den Bedingungen der deutschen Geschichte zu erklären.
Unter diesem Gesichtspunkt erweist sich bereits das Kapitel über die gesellschaftlichen und mentalen Umbrüche während des Ersten Weltkriegs als aufschlussreich. Vieles, was erst nach 1933 zur vollen, verderblichen Reife gelangen sollte, war, wie gezeigt wird, bereits hier angelegt. Vor allem zwei Elemente der Kontinuität hebt Wehler hervor: zum einen den radikalen Nationalismus, der sich, je länger der Krieg dauerte, mit einem rabiaten Antisemitismus verband. In der 1917 gegründeten Deutschen Vaterlandspartei erkennt der Autor ein „Sammelbecken aller gefährlichen Traditionen und künftigen Giftstoffe“ – die erste präfaschistische Massenorganisation.
- Datum 09.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie politisches buch
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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