Aufwärts in den neunten Himmel

China möchte Großmacht im All werden. In diesem Monat sollen die ersten beiden Chinesen in einem Raumschiff die Erde umkreisen

Wer erinnert sich noch an die Neujahrsversprechen? Wollte China nicht im Oktober seinen ersten Mann in den Weltraum schießen? Doch wehe dem, der vor dem großen Start die Ruhe stört! Seit Wochen wagt die staatlich zensierte Presse kaum eine Zeile über den bevorstehenden Countdown zu drucken. Radio und Fernsehen schweigen über das sonst so beliebte Thema Raumfahrt, als hätte Mao Tse-tung nie gedichtet: „Mein Wille schon immer / die Wolken zu erreichen.“

Dabei besteht kein Zweifel, dass bald der erste Chinese in den Weltraum startet. Schon haben sich die verantwortlichen Ingenieure der Akademie für Raumfahrttechik in Shanghai zur Abschussrampe in die Wüste Gobi begeben, um den Start vorzubereiten. Vor Ort sind auch die meisten Mitarbeiter des Pekinger Fachblatts China Space News. Ihnen wurde vom Propagandaamt der Partei ausdrücklich verboten, vor dem Start mit ausländischen Journalisten zu sprechen. Irgendetwas könnte ja schief gehen. Dann würden die chinesischen Medien Kurzmeldungen verbreiten und weiter schweigen.

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Doch niemand rechnet mit einer Katastrophe, wie sie zuletzt die amerikanische Raumfahrt mit der Explosion der Columbia heimsuchte. China ist, abgesehen von einer Phase der Verunsicherung nach einer Unfallreihe Mitte der neunziger Jahre, stolz auf seine Weltraumbilanz. Von siebzig Starts seit Zündung der ersten chinesischen Rakete vom Typ „Langer Marsch 1“ am 24. April 1970 missglückten nur sieben. Der letzte größere Fehlschlag, bei dem nach einer Raketenexplosion in 2000 Meter Höhe sechs Menschen in Nähe der Startrampe ums Leben kamen, liegt über sieben Jahre zurück. Seither gelangen 28 Flüge hintereinander. Und vier von ihnen trugen die ersten chinesischen Raumschiffe. Ihren Namen Shenzhou („Göttliches Schiff“) wählte Expräsident Jiang Zemin persönlich aus.

Affe, Hund und Hase flogen bereits voraus

Die göttliche Mission läuft bisher nach Plan. Sie begann 1999 mit Shenzhou 1, die als erste chinesische Raumkapsel heil auf den Grassteppen der Inneren Mongolei landete. Zwei Jahre später flogen mit Shenzhou 2 ein Affe, ein Hund und ein Hase an sieben Tagen 108 Erdumdrehungen und kehrten unversehrt zurück. Shenzhou 3 nahm dann im März 2002 Testpuppen und Hühnereier mit an Bord, aus denen nach der Rückkehr auf die Erde Chinas erste Weltraumküken schlüpften. Worauf im vergangenen Dezember Shenzhou 4 mit einem Roboter startete, der die menschlichen Funktionen im All testete. Als auch der wieder heil gelandet war, sprach Präsident Jiang von einem „historischen Erfolg“, und die Raumfahrtbehörde kündigte ihren ersten bemannten Raumflug für diesen Oktober an.

Mitte September stellte Wissenschafts- und Technikminister Xu Guanhua einen „extrem reibungslosen“ Verlauf der Vorbereitungen fest, sodass sich die Spekulationen in der freien Hongkonger Presse in den letzten Tagen überschlugen. Als frühestmöglicher Starttermin von Shenzhou 5 gilt den Hongkonger Gerüchten zufolge der 10. Oktober.

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