Falls der rheinische Kapitalismus ein Gesicht hat, sieht es vielleicht wie das von Franz Ruland aus. Im Fernsehen ist es selten zu sehen; der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR) ist kein Mann für flotte O-Töne oder 30-Sekunden-Interviews. Sein Stil ist eher die ebenso dezente wie effiziente Einflussnahme; seine Instrumente sind die komplizierten Stellschrauben des deutschen Sozialversicherungssystems. Die Welt der Beitragsbemessungsgrenzen, Schwankungsreserven und Entgeltpunkte kennt kaum einer so wie er, Vertreter aller politischen Lager nehmen seine Ratschläge seit mehr als zwanzig Jahren an. Bei der Rentenreform des Jahres 2001 wurde am Ende sogar ein Ruland-Vorschlag Gesetz.

Der Mann mit der näselnden Stimme, den dichten dunklen Haaren und dem ausgeprägten Sinn für Ironie macht also Politik, auch wenn er das nie so nennen würde. Verdrießt ihn gelegentlich das Berliner Hin und Her, die abnehmende Verfallsdauer von Entscheidungen? "Das kann ich mir gar nicht leisten", sagt der Verbandschef. "Ein System, das jährlich 250 Milliarden Euro umverteilt, wird immer das Interesse der Politik auf sich ziehen – und es muss sich geschmeidig anpassen, sonst würde es zerbrechen."

Geschmeidig. Was für ein merkwürdiges Wort für eine Sozialversicherung, für ein gigantisches Umverteilungssystem also, in das 50 Millionen Menschen einbezahlen und das 19,5 Millionen Rentner mit Einkommen versorgt – so viele Menschen, wie in ganz Schweden, Finnland und Norwegen zusammen leben. Aber vielleicht ist es doch die richtige Beschreibung für ein System, das sich erstaunlich erfolgreich radikalen Änderungsideen widersetzt. Andere europäische Länder haben ihre Alterssicherungen viel rigoroser umgebaut. Und hierzulande wird über neue Prämiensysteme für Pflege und Gesundheit debattiert; das dritte Sozialsystem, die Arbeitslosenversicherung, ist durch den Statistikskandal dauerhaft in Verruf geraten. Über das Rentensystem wird laut geklagt und kritisch geschrieben – aber letztlich ist die alte Bismarcksche Rentenversicherung geblieben, was sie immer war.

Zwar wurden Leistungen erst ausgeweitet und dann spürbar gekürzt – nach Berechnungen des Regierungsberaters Bert Rürup haben die unterschiedlichen Korrekturen und Sparmaßnahmen seit Anfang der neunziger Jahre die Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung um mehr als ein Drittel verringert. Aber die Systematik blieb erhalten. Zwar wurde mit der Riester-Rente ein staatlich gefördertes kapitalgedecktes Vorsorgesystem eingeführt. Aber sein Volumen wird auf absehbare Zeit weniger als ein Zehntel des Umlagesystems ausmachen. Das ist nicht viel.

Radikale Gegenkonzepte sind immer wieder ins Spiel gebracht worden. Regelmäßig taucht der Plan auf, das Beitragssystem durch eine aus Steuermitteln finanzierte Grundsicherung zu ersetzen: Wenn in Zukunft ohnehin immer weniger Geld an die Rentner gezahlt werden kann, weil es weniger junge Menschen und damit weniger Beitragszahler gibt – warum dann nicht gleich eine staatsfinanzierte Basissicherung?, argumentiert etwa der Sozialforscher Meinhard Miegel. Die rot-grünen Reformpläne würden sowieso für viele Menschen nicht viel mehr als eine minimale Absicherung ermöglichen, sagen andere, nach dem Motto: Die Grundrente kommt, sie heißt nur nicht so.

Als die rot-grüne Regierung 1998 antrat, stand die Grundrente immerhin schon im Koalitionsvertrag. Der spätere Arbeitsminister Walter Riester verkündete vor dem Regierungswechsel in Interviews, das lohnbezogene Rentensystem werde den Anforderungen einer veränderten Arbeitswelt mit ihren Teilzeitkräften, Scheinselbstständigen und Job-Hoppern nicht mehr gerecht. Und bei den Grünen stehen Forderungen nach steuerfinanzierten Sozialsystemen fast schon seit der Gründung im Programm – allerdings wollte die Ökopartei damals vor allem mehr Leistungen für alle, nicht etwa weniger. Folgen für die Regierungspraxis hatte das kaum. Bei der Rentenreform 2001 blieb von der Grundrente das Etikett übrig, aber nicht die Idee: Die damals eingeführte "Grundsicherung" für alte Menschen ist eine Variante der Sozialhilfe, kein Neuanfang.

In der Union war das zeitweise anders. Lange Zeit plante beispielsweise die Herzog-Kommission eine steuerfinanzierte "Sockelrente" innerhalb des Rentensystems; auf diese Weise sollten die Alterseinkünfte für Geringverdiener steigen. Auch daraus wurde nichts: In der letzten, entscheidenden Sitzung der Kommission wurde die Idee verworfen, weil sie als kaum finanzierbar galt. Geblieben ist ein "Prüfauftrag". Spätestens seit dem vergangenen Wochenende ist deshalb klar, dass Regierung und Opposition nur über Korrekturen innerhalb des Systems verhandeln werden. Daran dürfte auch die Klausur von Kabinett und Fraktionsspitzen am übernächsten Wochenende nichts ändern. Und das alles, obwohl die Mängel der deutschen Rentenversicherung so groß sind:

–Die einseitige Finanzierung der Alterssicherung durch Lohnnebenkosten belastet den Arbeitsmarkt; etwa 85 Prozent der Alterseinkünfte stammen aus Zahlungen durch das Beitragssystem. In den meisten Nachbarländern ist der Anteil von Betriebsrenten, privater Vorsorge oder auch steuerfinanzierten Mindestrenten höher.