Eine Tiefgarage bringt Russlands renommiertes Verlagshaus Vagrius ins Wanken. Seit auf dem Nachbargrundstück im boomenden Moskau die Erde ausgehöhlt wird, neigt sich das zweistöckige Domizil von Vagrius bedenklich in Richtung Abhang. Im Verlag herrscht Chaos, zwischen Umzugskartons und Möbelpackern findet der Chefredakteur erst im Hinterzimmer zwei bestaubte Plüschsessel fürs Gespräch. Auf der Flucht ins Behelfsquartier schaut Aleksej Kostanjan eher bedrückt auf den russischen Buchmarkt.

Seit seiner Gründung 1992 widmet sich Vagrius vor allem der zeitgenössischen Prosa. Der Anfang war, wie es sich gehört: ein 20 Quadratmeter enger Kellerraum, darin zehn Köpfe voll weitreichender Pläne. An die Bucheuphorie zum Ende der Sowjetunion erinnert sich der 44-jährige Kostanjan mit Nostalgie: "Damals gab es Kafka-Auflagen von 100000 Stück. Jetzt wären 2000 ein Erfolg. Für die Händler ist das Buch mittlerweile eine Ware wie ein Kubikmeter Holz." Das Überleben des Literaturprogramms von Vagrius müssen heute Bestseller wie die Tschetschenien-Erinnerungen des Generals Gennadij Troschew sichern. Seiner Ernüchterung begegnet Kostanjan mit Trotz: "Andere Verlage machen Bijouterien, wir erstellen eben Fabergé-Eier."

Der 29-jährige Wladimir Jermilow sieht die Lage weniger melancholisch: "Der Markt hat bei einem jährlichen Umsatz von einer Milliarde Dollar noch ein großes Potenzial", sagt der Chefredakteur der Branchenzeitung Buchrundschau-PRO mit dem Pragmatismus seiner Generation. Vier Bücher kauft jeder Russe statistisch pro Jahr – in manchen westlichen Ländern sind es mehr als zehn. Vor allem bei Fachbüchern zur beruflichen Weiterbildung (Marketing zu hundert Prozent) und bei Comics sieht Jermilow Wachstumschancen. Auch die klassische Literatur wird noch gelesen, doch als bildende Masseninstitution wie in der Sowjetzeit hat sie ausgedient.

Russland entdeckt den Krimi

Dann brach mit Gorbatschows Liberalisierung der Markt über das sozialistische Buchwesen herein. "Die Druckerei hatte kein Papier, die Zellulosefabrik kein Holz, und Geld war wertlos", erzählt Jermilow. "Also fuhr der Verleger selbst nach Nordrussland zu einem Gefängnislager. Dem Direktor verschaffte er eine Ladung Büchsenfleisch für die hungernden Insassen. Die schlugen dafür Holz ein, das er zur Fabrik brachte. Von dort ging es mit dem Papier zur Druckerei. Eine solche Kette konnte zehn Stationen umfassen." Am Ende winkten Gewinnspannen von 500 Prozent.

Gedruckt wurde meist ohne Lizenz alles Neue oder bis dahin Verbotene: Bulgakow und Wojnowitsch, Erfolgsratgeber von Dale Carnegie und sexuelle Aufklärungsbüchlein mit jugendfreien Positionsbildchen. Agatha Christie ersetzte Gogol und Puschkin als Lektüre in der Metro. "Doch schon bald langweilte die Lösung eines Mordes über 200 Seiten", erinnert sich Kostanjan. "In derselben Zeit wurden vor dem eigenen Fenster fünf Menschen erschossen." Der Siegeszug der russischen Krimis setzte ein. Anfangs waren sie bluttriefend und sexbesessen, dann ließen Autorinnen wie Alexandra Marinina oder Polina Daschkowa weiblichen Grips über Brutalität siegen; sie erzielen bis heute Millionenauflagen.

So konnte sich Russlands Buchmarkt, der Mitte der neunziger Jahre an Dynamik verlor, stabilisieren. Rund 5000 private Verlage gibt es heute, von denen 20 mit Massentiteln die Hälfte der Gesamtauflage produzieren. Die Kleinen retten sich in Nischen. Neureiche Russen kaufen pompöse Kunstbildbände mit metallbeschlagenen Ecken, und für die gehobene Beamtenschaft gibt es patriotische Geschichtswerke mit dem Faksimile-Autogramm Putins. Lyrikbände erscheinen wieder in Samisdat-Auflagenhöhe. Die verbliebenen Staatsbetriebe drucken nur noch zehn Prozent der Gesamtauflage, meist Lehrbücher.

Doch nicht alle russischen Besonderheiten haben die westlichen Marktverhältnisse abgeschliffen. Nach der Zerschlagung des sowjetischen Versandnetzes Sojuskniga gibt es bis heute kein gesamtrussisches Vertriebssystem. Die aufwändigen Lieferwege können den Preis eines Buches vervierfachen. Der ist allerdings aus westlicher Sicht gering: Ein Roman kostet noch heute kaum mehr als zwei Flaschen Bier. Höhere Preise, glauben die Verleger, seien nicht durchsetzbar. Aus Kostengründen wird auf Zeitungspapier gedruckt, das freilich als Hardcover gebunden wird – noch immer gilt ein Buch als Lebensanschaffung. "Als ich das erste Mal ein Buch wegwarf, einen Schundroman", erinnert sich Jermilow, "hatte ich noch lange Zeit ein schlechtes Gewissen. Das ist für uns eine besondere Form des Vandalismus."