Russland Ein Besuch bei Orang-Utan-Press
Alle reden von der Krise des Buches. Aber in Russland ist die Rettung in Wahrheit schon gelungen. Die Tiere haben die Macht in den Verlagen übernommen und das Marketing radikal modernisiert. Eine Satire
Feindselig betrachtete ich die beiden, die mich aus dem Schlaf gerissen hatten. Zwei engnasige Affen erklärten mir höflich, man habe mich der Ehre für würdig erachtet, als persönlicher Gast der Meerkatze Ignatjewna deren Verlag Orang-Utan-Press besuchen zu dürfen. Auf meine Frage, warum denn bloß in aller Herrgottsfrühe, bekam ich zur Antwort, der Arbeitstag der Direktorin sei im Minutentakt eingeteilt, und mit mir wünsche sie im frisch ausgeschlafenen Zustand zu sprechen. Ich versuchte noch zu frotzeln, wessen frisch ausgeschlafener Zustand wohl gemeint sei, aber meine Frage blieb unverstanden und unbeantwortet.
Der Verlag befand sich in einem Hochhaus im Moskauer Stadtteil Krasnaja Presnja. Wir fuhren mit dem Lift ziemlich hoch hinauf und gingen durch einen Korridor voller Bücher. Ich konnte erkennen, dass einige teure Ausgaben nicht etwa nur in Leder, sondern sogar in Pelz gebunden waren. Die Titel dieser Bücher ließen sich ertasten, wenn man sie ihrer Bestimmung entsprechend in der kalten Jahreszeit als Muff verwende, erklärten mir meine engnasigen Begleiter. Die direkt lesbaren Titel anderer Bücher klangen nach einer Reihe: Das Geschlechtsleben der Spinnen , Das Geschlechtsleben der Beuteltiere , Das Geschlechtsleben der Horntiere. Als Ergänzungsband gab es Das Kamasutra für Gliederfüßler . Eine andere Reihe hieß Der tierische Frauenroman ; ihre Einbände zierte eine Zeile aus dem weltbekannten Gedicht Anschwellende Gesäßschwielen der Meerkatze Ignatjewna. Nicht ohne Eifersucht fiel mir wieder ein, dass diese Zeile ja einmal mir gewidmet worden war, einem mittlerweile ganz der Vergessenheit anheimgefallenen Menschen. Im menschlichen Frauenroman der Vorzeit pflegten die Frauen davon zu träumen, vom geliebten Mann feine und teure Unterwäsche geschenkt zu bekommen, während der Mann davon fantasierte, wie er der Geliebten schnurzegal welche Unterwäsche herunterriss, was ihrerseits zu Verstimmungen führte und die Fabel entstehen ließ. Im tierischen Frauenroman dagegen kochte die Leidenschaft so hoch, dass man einander die Haut abziehen wollte, um den Gegenstand seiner Liebe ohne jede äußere Hülle zu besitzen.
„Die Rolle der Wanzen bei der Vermenschlichung der Menschen“
Es folgten Kochbücher, nach Interessen geordnet: Lämmermast in Freilandhaltung , Lammfleisch für Wolfsartige , Rindfleisch für Hyänen oder Vom Schwein zum Schinken, der leckere Weg einer Volksheldin. Auf einem der Einbände war ein lächelndes Lamm in enger Umarmung mit einer charmanten Hyäne abgebildet. Auch in der nächsten Reihe wurden verschiedene nationale Küchen vorgestellt, aber jetzt für Pflanzenfresser. Was sich aus Dung alles zubereiten lässt , Kunstverständiges Abnagen von Baumrind e, Bis wohin Schweine wühlen müssen. Dann kamen wissenschaftliche Arbeiten: Die Rolle der Wanzen bei der Vermenschlichung des Menschen, Wanzenrassen und Menschenrassen, dann Memoiren: Würmer über die Innenwelt des Menschen, dann Soziologie: Die Lehre Freuds und Fragen der Liebesbeziehung einiger Spinnenartiger, Karl Marx und genießbare Tiere, dann, mit unklarer Zuordnung: Probleme der Bestattung von Fossilien.
Im Vorzimmer, wo mir zu warten bedeutet wurde, fiel mir der Comic Mogli in die Hände. Da kommt das Wolfsjunge Mogli in eine anständige Menschenfamilie, wo man es lehrt, auf den Hinterbeinen zu gehen und mit Messer und Gabel zu essen. Das Wolfs-junge wächst heran und frisst Rotkäppchen, seine Schwester, mutmaßlich wegen des großmütterlichen Erbes. Die Ermittlungen übernimmt Sherlock Holmes persönlich. Er raucht lange und vielsagend, bevor er mit der Pfeife auf den unmäßig großen Bauch des Jünglings Mogli zeigt, während Dr. Watson alle zur Verfolgung der pädophilen Holzfäller aufruft, die das vor Mogli flüchtende Rotkäppchen zunächst geschändet und dann mit ihren Beilen in Stücke gehackt hätten. Ungeachtet aller Proteste des Tierschutzvereins schlitzt Holmes dem unglückseligen Mogli den Bauch auf, und zur Verblüffung der Anwesenden entsteigen ihm die noch quicklebendigen Holzfäller, während Rotkäppchen verschwunden bleibt. Die Anwesenden und ein Trupp plötzlich aufgetauchter Intelligenzler fordern, Sherlock Holmes zu lynchen. Doch da zeigt der sterbende Mogli auf die angeschwollenen Bäuche der Holzfäller. Die Intelligenzler schlitzen nun den Holzfällern mit ihren Brillen die Bäuche auf, und gleich aus dem ersten kullert ein Rotkäppchen, das heißt die Kopfbedeckung, und aus den übrigen der Rest des Mädchens. Alle fallen vor dem edlen sterbenden Mogli auf die Knie. „Ihr, Menschen…“ ist alles, was er noch aushauchen kann. Auf der letzten Seite ist ein Mogli-Denkmal zu sehen, das aus irgendeinem Grund vor dem Gebäude des ehemaligen KGBs auf dem ehemaligen Dscherschinskij-Platz steht: ein weinendes Wolfsjunges mit einem roten Käppchen in den Pfoten.
Ich wollte wissen, wer solche Bücher schriebe, aber es war nur ein Autorenkollektiv angegeben, aus dem nicht hervorging, ob die Texte von Menschen oder Tieren stammten. Doch da führte man mich schon ins Arbeitszimmer der Meerkatze Ignatjewna, die mich mit majestätischer Geste zum Sessel wies, während sie noch ein Telefonat zu Ende führte.
„Aber ja doch, natürlich haben wir Bedarf an Krimis! Nein, das ist nun wirklich nicht meine Sache zu erraten, wer bei Ihnen wen erschießt. Ein Mensch einen Menschen? Das wäre freilich banal! Ein bestialischer Mord? Wie, bitte schön, sollte ein Mord denn sonst wohl sein? Er verspeist ihn an-schließend? Wieder so eine Banalität. Wozu jemanden ermorden, wenn man ihn anschließend nicht verspeisen wollte? Ach so, er verspeist ihn bei lebendigem Leib! Aber das ist doch nichts als die chinesische Küche. Banal, banal… Sie müssen mir das Sujet nicht nacherzählen… Wem haben Sie es schon nacherzählt, und wem wurde speiübel davon? Der Schwiegermutter? Was denn nun schon wieder für einer Schwiegermutter? Sagen Sie es doch einfach frei heraus. Sind Sie ein Mensch? Das hätten Sie doch gleich sagen können. Verstehen Sie mich richtig: Markt ist Markt. Orang-Utan-Press ist ein kommerzieller Verlag, auf Erfolg ausgerichtet, der sich in schwarzen Zahlen manifestieren muss. Menschen brauchen wir vorzugsweise als Konsumenten des Massengeschmacks, Schriftsteller haben wir selbst genug. Ein erprobtes Autorenkollektiv. Das müssen Sie verstehen!“
Die Ignatjewna wandte sich mir etwas unsicher zu. Sie trug ein elegantes beigefarbenes Kleid mit Pelzbesatz, der in ein haariges Dekolleté überging.
„Haben Sie auch die russische Klassik im Programm? Wenigstens für Schüler?“
„Aber gewiss. In überarbeiteter Fassung. Die russische Klassik wurde von schöngeistigen Adligen geschrieben, die abgeschnitten waren von der Lebensweise und der ursprünglichen Sprache des Volkes. Tolstoj, Tschechow, Bunin. Im wirklichen Leben haben sie doch alle gar nicht so gesprochen. Wir schreiben die Klassiker um, ausgehend vom heutigen Sozialauftrag. Pavian Nero, unser Minister für Kultur und Verteidigung, zeichnet persönlich federführend für diese Ausgabe verantwortlich. Aber ich theoretisiere! Habe ich Sie schon an meinen Eindrücken von Westeuropa teilhaben lassen?“ Die Meerkatze lehnte sich im Sessel zurück und zündete eine Russische Standard an.
„Ich habe von deinem Triumph gehört. Der Europapreis für die aus Afrika nach Russland Vertriebene. Der Wladimir-Solowjow-Preis für ewige Weiblichkeit. Der Puschkinpreis in Hamburg für die beste russische Lyrikerin.“
„Na ja, na ja“, tat die Ignatjewna bescheiden und senkte den Blick, „mir sind im Kopf schon die Grenzen durcheinander geraten! Die geheiligten Steine Europas, über die mal der eine, mal der andere Fuß Dostojewskijs geschritten ist. Da würde man doch am liebsten auf allen vieren gehen! Wie teuer das alles dem Herzen eines russischen Schriftstellers ist!“
„Das will ich wohl meinen“, ich wusste nicht, wie ich weiter fragen sollte, ohne der Verlagsdirektorin zu nahe zu treten. „Wo hast du denn zum ersten Mal so richtig gespürt, dass du Russin bist?“
„Na, wo schon? Gleich in der Amtsstube. In der Konsularabteilung der Deutschen Botschaft, als mir das Schengenvisum ausgestellt wurde. Ich stellte mich zuerst vor dem Diplomatenschalter an, dachte, man würde mich als Afrikanerin durchgehen lassen. Aber da hatte ich mich geschnitten! Wenn schon im Rahmen des Kulturaustausches, dann müsse ich auch die russische Kultur vertreten. Später hieß es noch, ich brauchte meine Papiere gar nicht erst vorzulegen, man könne auch so sehen, dass ich in Kultur mache und Russin sei!“ Die Direktorin schnippte elegant die Asche in den Aschenbecher, der, wie ich bemerkte, die Form eines geöffneten Buches hatte. Man raucht seine Zigarette aus und schlägt das Buch zu, damit es nicht stinkt. Bequem.
„An den Grenzen“, flüsterte Ignatjewna, „ging es freilich nicht ohne Durcheinander ab. Am Flughafen Scheremetjewo fragten sie, ob ich Grüne, nämlich Dollar dabei hätte, aber ich dachte, die meinten grüne Meerkatzen, die angeblichen Überträger von Aids, was mich ganz schön traf. Und in Frankfurt am Main hieß es gleich, ich sei wohl auf dem Weg zum Parteitag der Grünen. Ich habe genickt, um Fragen auszuweichen, Deutsch kann ich ja kaum, und sie wollten dann nur wissen, ob ich nicht irgendetwas zur Einfuhr Verbotenes in den Backentaschen dabei hätte.“
„Und wie geht das, ohne Sprachkenntnisse Gedichte lesen? Auf Russisch für die Deutschen?“ Ich dachte gehässig, da haben wir sie also, die Kultur im Backentaschenformat.
„Natürlich auf Russisch! Kaum dass ich zu lesen beginne, schallt es aus dem Publikum schon toll, toll, was bei denen so viel heißt wie spitze, klasse! Und dann ließen sich mich gar nicht mehr zu Wort kommen. Ich brauchte nur den Mund zu öffnen – Applaus. Wenn ich das Pfötchen hob und um Ruhe bat, brachen sogleich die Ovationen los. Aber das kam erst nach dem Puschkinpreis.“
„Wurde der Preis irgendwie begründet?“
„Wozu denn begründen! Das sind doch nur Formalien, wenn es um Lyrik geht! Ja, irgend so ein Slawist hat mir zu Ehren eine Rede gehalten, auf Deutsch oder Holländisch, keine Ahnung, aber ich begriff, dass es eine Lobrede war. Er nickte so galant in meine Richtung! Was aber nun die Begründung als solche angeht, so ist es doch nicht nur den Slawisten bekannt, dass Puschkin einem Affen glich. Er stammt übrigens genau wie ich aus Afrika.“ Die Meerkatze sah mich triumphierend mit geröteten Äuglein an.
„Und keine Erklärung dafür, warum der Puschkinpreis ausgerechnet in Hamburg verliehen wird?“
„Warum in Hamburg? Weil die dort Geld haben!“ Das Meeräffchen dachte für eine Sekunde nach und ließ dann seine Belesenheit durchblitzen: „Wo wird der Mond bei Gogol in den Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen gemacht? In Hamburg! Und jetzt verleiht man dort eben den Puschkinpreis!“
„Und wofür hast du das Preisgeld ausgegeben?“
„Gar nicht ausgegeben hab ich’s, sondern angelegt. In das Grundkapital. Womit hat denn der Verlag seinen Anfang finanziert? Doch wohl kaum mit meinen Honoraren als Lyrikerin, obwohl ich die Bestenliste anführe! Und jetzt bereiten wir uns schon auf die Frankfurter Buchmesse vor, wo Russland Themenschwerpunkt ist. Wir haben fantastische Projekte. Ein essbares Buch. Freilich ist es nicht für jeden genießbar, aber unsere Elefanten werden es den Besuchern demonstrieren. Russland ist doch die Heimat der Elefanten! Der Fokus gilt dabei nicht so sehr dem Umstand, dass ein Elefant ein Buch verspeist, sondern ist darauf gerichtet, wann selbiges am andern Ende aus dem Elefanten wieder herauskommt. Wir werden es dann unter den Messebesuchern versteigern, und ich gehe jede Wette ein, dass es einen fantastischen Preis erzielen wird! Außerdem bereiten wir ein Ameisenhaufen-Buch vor. Die Buchstaben wimmeln gerade so auf jeder Seite. Lesen kann man es nur bei strömendem Regen. Ein Buch, in das der Autor wie durch eine Tür eintritt und bloß herauskommt, um Autogramme zu geben. Ein Buch mit sozusagen doppeltem Boden für die Ausfuhr von Devisen wird an allen internationalen Flughäfen vertrieben. Ein Star aus dem Show-Business, deren Namen und sexuelle Neigung ich noch nicht verraten möchte, schreibt für uns ihre Memoiren Mein Intimleben mit einem Flusspferd und agiert im gleichnamigen Film. Fünf Folgen auf fünf Flüssen: Nil, Ganges, Mississippi, Rhein und Jausa (Nebenfluss der Moskwa, Anm. d. Übers.). Aber nicht vergessen werden sollte der Unterschied von Kino und Buch, denn das Buch lesen nicht nur wir, sondern das Buch liest auch uns.“
„Die Kritik der reinen Vernunft“, in Kürze als Fernsehserie
Die Sekretärin, die, seltsam genug, ein Gesicht menschlicher Nationalität hatte, kam auf ihren Hinterpfoten herein und flüsterte der Direktorin etwas zu. Lasttiere wurden hereingebeten, unauffällig gekleidet, aber nicht ohne Schick, denen die Ignatjewna der Reihe nach ein Papier unterschrieb und die aus den Ärmeln hervorgestreckten Hufe drückte.
Im Vorzimmer, wo mich meine engnasigen Begleiter erwarteten, hörte ich noch: „Sie können den Leser wieder fortbringen! Danke!“
Der Lyriker Wjatscheslaw Kuprijanow, geboren 1939 in Nowosibirsk, hat Rilke und andere deutsche Dichter ins Russische übertragen. Zuletzt erschien auf deutsch sein Gedichtband „Zeitfernrohr“ (Alkyon 2003). Unser Text entstammt dem unveröffentlichten Roman „Ihre tierische Majestät“.
Aus dem Russischen von Peter Steger
- Datum 09.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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