Russland Ein Besuch bei Orang-Utan-PressSeite 4/4

„Gar nicht ausgegeben hab ich’s, sondern angelegt. In das Grundkapital. Womit hat denn der Verlag seinen Anfang finanziert? Doch wohl kaum mit meinen Honoraren als Lyrikerin, obwohl ich die Bestenliste anführe! Und jetzt bereiten wir uns schon auf die Frankfurter Buchmesse vor, wo Russland Themenschwerpunkt ist. Wir haben fantastische Projekte. Ein essbares Buch. Freilich ist es nicht für jeden genießbar, aber unsere Elefanten werden es den Besuchern demonstrieren. Russland ist doch die Heimat der Elefanten! Der Fokus gilt dabei nicht so sehr dem Umstand, dass ein Elefant ein Buch verspeist, sondern ist darauf gerichtet, wann selbiges am andern Ende aus dem Elefanten wieder herauskommt. Wir werden es dann unter den Messebesuchern versteigern, und ich gehe jede Wette ein, dass es einen fantastischen Preis erzielen wird! Außerdem bereiten wir ein Ameisenhaufen-Buch vor. Die Buchstaben wimmeln gerade so auf jeder Seite. Lesen kann man es nur bei strömendem Regen. Ein Buch, in das der Autor wie durch eine Tür eintritt und bloß herauskommt, um Autogramme zu geben. Ein Buch mit sozusagen doppeltem Boden für die Ausfuhr von Devisen wird an allen internationalen Flughäfen vertrieben. Ein Star aus dem Show-Business, deren Namen und sexuelle Neigung ich noch nicht verraten möchte, schreibt für uns ihre Memoiren Mein Intimleben mit einem Flusspferd und agiert im gleichnamigen Film. Fünf Folgen auf fünf Flüssen: Nil, Ganges, Mississippi, Rhein und Jausa (Nebenfluss der Moskwa, Anm. d. Übers.). Aber nicht vergessen werden sollte der Unterschied von Kino und Buch, denn das Buch lesen nicht nur wir, sondern das Buch liest auch uns.“

„Die Kritik der reinen Vernunft“, in Kürze als Fernsehserie

Die Sekretärin, die, seltsam genug, ein Gesicht menschlicher Nationalität hatte, kam auf ihren Hinterpfoten herein und flüsterte der Direktorin etwas zu. Lasttiere wurden hereingebeten, unauffällig gekleidet, aber nicht ohne Schick, denen die Ignatjewna der Reihe nach ein Papier unterschrieb und die aus den Ärmeln hervorgestreckten Hufe drückte.

Im Vorzimmer, wo mich meine engnasigen Begleiter erwarteten, hörte ich noch: „Sie können den Leser wieder fortbringen! Danke!“

Der Lyriker Wjatscheslaw Kuprijanow, geboren 1939 in Nowosibirsk, hat Rilke und andere deutsche Dichter ins Russische übertragen. Zuletzt erschien auf deutsch sein Gedichtband „Zeitfernrohr“ (Alkyon 2003). Unser Text entstammt dem unveröffentlichten Roman „Ihre tierische Majestät“.
Aus dem Russischen von Peter Steger

 
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