Die kurzatmige Aufregung um "eigene" Mehrheiten der rot-grünen Koalition, um Abstimmungsabweichler und das rechte Maß an öffentlich zur Schau getragener Kanzlertreue lenkt von vier Problemen ab, die sich gegenwärtig zur schwersten Krise der Nachkriegs-SPD zu verdichten scheinen. Es sind dies ihr Mitgliederschwund, ihr dramatischer Ansehensverlust in der Bevölkerung, das Fehlen eines erkennbaren politischen Versprechens und ihr Mangel an überzeugendem Nachwuchs.

Erstens: die Mitgliederentwicklung. Sie ist, ähnlich wie in der CDU, durch Überalterung geprägt. Vierzig Prozent der Genossen gehören dem Alter nach in die Arbeitsgemeinschaft Sechzig plus; in jedem Monat sterben der Partei rund tausend Mitglieder weg. Neuzugänge können diesen Trend schon seit Jahren nicht mehr kompensieren. Vor allem aber, und das verunsichert die Partei besonders, häufen sich die Austritte: Mehr als 30000 Mitglieder verließen seit Beginn dieses Jahres die SPD – das entspricht drei Vierteln der gesamten Grünen-Mitgliedschaft. "Anders als zu den Krisenzeiten der Schmidt-Regierung sind es jetzt nicht die Jungen, gerade Anpolitisierten, die gehen", sagt der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter, "sondern Leute, die länger als 20 Jahre dabei waren. Wir reden über ein wirkliches Abschiednehmen."

Zähneknirschend beugen sich die Mitglieder

Im Sommer versuchte die Berliner Parteizentrale, die Flüchtigen mit einem Kanzlerbrief umzustimmen und benannte dabei gleich selbst die Hauptursache für den Verdruss: das umstrittene Reformprogramm der Regierung. "Heute verbindet eine Mehrheit der Deutschen mit der Agenda 2010 Hoffnung, Zuversicht und Aufbruch", schrieb Gerhard Schröder dazu; und unter Vermeidung des vertrauten Genossen-Dus fuhr er fort, er hoffe, "dass Ihr Austritt aus der SPD nicht Ihr letztes Wort ist". In den Wahlkreisen und Kreisverbänden laufen ebenfalls seit den Sommerferien Mitglieder-Rückholaktionen. In Telefongesprächen und bei Kaffeekränzchen bemühen sich Funktionäre und Mandatsträger um die Enttäuschten – bisher ohne erkennbaren Erfolg.

"Natürlich gibt es einen Vertrauensverlust in unsere Politik", sagt Nils Annen, der Vorsitzende der Jungsozialisten, "und der lässt sich auch nicht mit gelegentlichen Kanzler-aktionen stoppen." Die Agenda 2010, auf dem Juni-Parteitag der SPD unter erheblichem Druck des Parteivorsitzenden Schröder beschlossen, werde zwar, erklärt Annen, von der Mehrheit der Mitglieder zähneknirschend mitgetragen. "Aber es ist doch schwierig, wenn niemand diese Politik erklären kann, wenn Mitglieder, Funktionäre und Anhänger nicht daran glauben."

Das scheint – und dies ist das zweite Problem – bei den Wählern erst recht nicht der Fall zu sein. Waren die SPD-Ergebnisse in Hessen (29,1 Prozent) und Niedersachsen (33,4 Prozent) schon vor der Agenda-Rede am 14. März ernüchternd, brachte die Bayern-Wahl Ende September das historische Schrumpfergebnis von 19,6 Prozent. In aktuellen bundesweiten Umfragen kommt die SPD nur noch mit Mühe über 25 Prozent. "Viel weiter nach unten wird es nicht gehen", sagt Parteienforscher Walter. "Jetzt sind die Sozialdemokraten bei den Treuesten der Treuen angelangt. Ironischerweise sind es diese oft als Fossilien verspotteten letzten Traditionswähler, die den Matadoren der Agenda 2010 noch die Stange halten – ohne von dieser Politik überzeugt zu sein." Ünterstützung finde die Agenda im Bürgertum: "Aber das wählt darum nicht SPD."

Utopie? Noch nicht einmal beim Zwei-Liter-Auto

Ähnlich düster beurteilt der schleswig-holsteinische SPD-Landesvorsitzende Claus Möller die Attraktivität der Kanzlerreformen. "Die Leute halten uns in Fragen der sozialen Gerechtigkeit kaum noch für kompetenter als die CDU", meint er, "wenn wir das nicht wieder in den Griff kriegen, bekommt die SPD ein echtes Identitätsproblem." Die Partei müsse endlich wieder darauf achten, dass auch die Lasten des negativen Wachstums gerecht verteilt und nicht nur auf die Schwachen abgewälzt würden.