Von dem Schriftsteller Matthew Arnold stammt die Bemerkung, der Streit zwischen Jerusalem und Athen, Hebräern und Griechen, Monotheisten und Polytheisten "bewege unsere Welt". Mal schlage in der Geschichte des Abendlandes das Pendel zur einen, mal zur anderen Seite aus. Wenn man Arnolds unhistorische Sichtweise für einen Moment übernimmt, kann man sagen, dass sich der Zeitgeist, der es sich leicht macht, derzeit auf die Seite des Polytheismus neigt, während die monotheistischen Religionen, mehr oder minder verdeckt, für das Unglück der Welt verantwortlich gemacht werden – für den Fundamentalismus des Unbedingten und den Kampf bis auf den letzten Blutstropfen. Der Monotheismus ist der Sündenbock der globalisierten Gegenwart. Wer wirft den ersten Stein?

Eine wichtige Stimme im Konzert derer, die an den "Preis des Monotheismus" erinnern, ist der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann. Vor einigen Jahren provozierte er die akademische Welt mit der These, erinnerungsgeschichtlich betrachtet sei Moses der Widergänger des ägyptischen Pharaos Echnaton, eines unerbittlichen Bilderstürmers und brachialen Monotheisten. Aber erst Assmanns zweite These sorgte weit über die Fachgrenzen hinaus für Unruhe. Sie lief auf die Behauptung hinaus, auf der "mosaischen Unterscheidung", dem Bund zwischen Moses und dem einen Gott, auf der dreitausend Jahre alten Grundlogik aller monotheistischen Religionen, ruhe kein Segen. Mit der normativen Aufladung des Spirituellen, genauer: mit der Unterscheidung von wahrem Gott und falschen Göttern habe sie den Hass und die Sünde in die Welt gebracht. Die Religion, die im Namen des Ethischen auftrat, sei selbst eine Quelle von Gewalt.

Dass im Streit um Assmanns Thesen die Nerven oftmals blank lagen, wird nur verstehen, wer sich vor Augen hält, dass der Antimonotheismus, jedenfalls in seiner politisierten Fassung, zum geistigen Marschgepäck der intellektuellen Rechten gehört. In einer perfiden Spekulation behaupten sie, der Bund Gottes mit Moses habe die glückliche Ordnung der heidnischen Antike gesprengt und der barbarischen Neuzeit den Weg bereit. Genealogisch betrachtet, seien die Juden für den Antisemitismus des 20. Jahrhunderts selbst verantwortlich.

Gegen solche politischen Nachbarschaften verwahrt sich Assmann zu Recht, und es spricht für seine intellektuelle Souveränität, dass er am Ende seiner Verteidigungsschrift einige seiner Kritiker zu Wort kommen lässt, darunter auch den Freiburger Germanisten Gerhard Kaiser. Erkennbar ist Assmann um Abgrenzungen und Klarstellungen bemüht. Er revidiert sein Urteil über Freuds Der Mann Moses, und auch die Furcht vor falschen Bündnispartner ist zu spüren, hat doch Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers gezeigt, wie niedrig die Hemmschwelle ist, an der ein politischer Antimonotheismus in antijudaistisches Ressentiment umschlägt. Kurz, Assmann macht dem Leser klar, dass es ihm nicht um neuheidnische Alternativen, sondern um eine Bilanz jener Verluste zu tun ist, die uns die folgenreichste Revolte der Weltgeschichte, die mosaische Unterscheidung, eingetragen hat.

Der Schachzug, mit dem er seine Gegenrechnung eröffnet, ist eine schlichte Inversion. Assmann macht sich die Ur-Entdeckung des Monotheismus zu Eigen, die Umkehrung des Blicks und den Wechsel der Perspektive. Er beschreibt, wie sich die Auflösung der kosmotheistischen Welt aus ägyptischer Sicht darstellt, aus der Sicht der "Ausgegrenzten", also von der Rückseite des Bundes am Sinai aus betrachtet.

Was dies welthistorisch bedeutete, daran lässt Assmann keinen Zweifel. Der Monotheismus schneidet in die Raum-Zeit-Fläche des ägyptischen Universums ein und trennt das Ungeschiedene – Kosmos und Welt, Götter und Macht. Er trennt das Kontinuum in vorher und nachher, Schuld und Unschuld, Freund und Feind. Damit zerstört die Unterscheidung zwischen wahrem Gott und falschen Göttern nicht nur die Einheit von Herrschaft und Heil; sie setzt ein Trennungsgeschehen in Gang, an dessen Last die entzweite Moderne bis heute zu tragen hat.

Muss der eine Gott die vertriebenen Götter fürchten?