Berlin

Schröders Freunde haben Recht. Diese Rücktrittsdrohung hätte es nicht gebraucht. Alle Welt weiß, dass ein Scheitern der Reformgesetze das politische Ende Gerhard Schröders bedeutet.

Aufgeschrieben hatte ihm diese Worte niemand, als er die Festrede vor der in Berlin versammelten Prominenz der deutschen Technikwissenschaften hielt. Schröder wollte dort am 30. September eigentlich nur über die Bedeutung sprechen, die er Forschung und Innovation beimisst. Das tat er auch. Aber an diesem Tag hatte Roman Herzog, der in der ersten Reihe saß und Schröders Rede ebenso lauschte wie Siemens-Chef Heinrich von Pierer, der CDU seinen Bericht zur Reform der Sozialsysteme vorgelegt. Dem Kanzler steckte außerdem noch die Abstimmung über die Gesundheitsreform in den Knochen (die sechs Gegenstimmen wurmten ihn mehr, als er öffentlich einräumte). Was Wunder, dass also Aktuelles einmal mehr nach draußen drängte, Gedanken über die Notwendigkeit radikaler Veränderungen, über den Zeitpunkt ("…vielleicht spät, aber nicht zu spät"), über "weitgehende" Gemeinsamkeiten der Herzog- und der Rürup-Analysen, über Konsequenzen, die man daraus miteinander vielleicht ziehen könnte ("Da werden Sie Erstaunliches feststellen"), na ja, und eben auch über die Schwierigkeiten, die sich der Durchsetzung von gewonnenen Einsichten in den Weg stellen. Er wisse, wie schwer das ist, sagte der Kanzler, und nach einer kurzen Denkpause fügte er dann diese Worte hinzu: "Aber ich sage ihnen eines, mein politisches Schicksal will ich ganz bewusst verbinden mit der Durchsetzung dieser Reformforderung…" Das war sie: die Drohung!

Aber war es wirklich eine weitere – die dritte? fünfte? achte? – Warnung an die SPD? Im Wortprotokoll nachgelesen wirkt sie eher so, als habe hier einer aus seinem Innenleben berichtet, als wollte er seinen Zuhörern mit Nachdruck klar machen, dass es hier nicht um Taktik geht. Und als ahnte oder wüsste Schröder, dass man ihn weithin für einen Routinier des Alltags hält, nicht für einen Mann mit Grundsätzen, fügt er der "Drohung" noch eine persönliche Erklärung an: "…weil ich fest davon überzeugt bin – und das ist auch ein Prozess gewesen, bei mir wie bei anderen, das muss man auch jedem zugestehen." Auch dem Bundeskanzler. Auch er habe gelernt, das möge man ihm bitte glauben. Das ist die eigentliche Botschaft dieser Rede. Hier wird nicht mehr gespielt. Herbst 2003, das ist der Ernstfall.

Gewiss, das Praktische hat ihn schon immer mehr interessiert als die Theorie. Die alten Meister der Linken faszinierten ihn nie, die neuen auch nicht sehr. Über Marx, Marcuse, Adorno wusste er das Wichtigste, aber sein Ehrgeiz konzentrierte sich auf anderes. Darin unterschied Schröder sich wenig von der Mehrzahl der 68er. Nicht, dass er sich verweigert hätte. Der Jurastudent und Juso-Funktionär nahm durchaus an linken Arbeitskreisen in Göttingen teil, gemeinsam mit anderen, die später akademische Karriere machten und weniger ans Praktische dachten. Aber sein Hauptaugenmerk galt seinem politischen Handwerk in der SPD.