Am Nationalfeiertag haben sich in Berlin die deutschen Theaterleute getroffen, um die Krise ihrer Branche zu bereden. Natürlich wurde dabei gejammert, wie immer, wenn in Deutschland Verbandsvertreter zusammensitzen. Man saß ja auch am symbolischen Ort, in jenem Schiller-Theater, das vor zehn Jahren abgewickelt worden war.

Das ganz große Gezeter ist aber trotzdem ausgeblieben. Es wurde erfreulich rücksichtslos nach dem eigenen Anteil an der Krise und nach Auswegen gefragt. Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, meinte, dass viel zu wenige Häuser heute Stätten eines "ästhetisch-politischen Diskurses" seien. Und der Thalia-Intendant Ulrich Khuon warnte die Theatermacher, immer nur "als Statuspaniker" an die Öffentlichkeit zu treten. Ein junger Schauspieler erklärte es gar zur Ehrensache, Festanstellungen zu meiden.

Etwas bewegt sich: In der Theaterszene wächst die Gewissheit, dass die in fetten Jahren gewachsenen Strukturen in Zeiten knapper Kassen das Theater als "moralische Anstalt" ruinieren. Die Bühnen wären also in hervorragender Lage, einen allgemeinen "ästhetisch-politischen Diskurs" zu führen. Sie kennen die Reformprobleme der Gesellschaft, die sich in diesem Herbst zuspitzen wie noch nie zuvor. Leider lässt das Manifest der deutschen Theater, in Berlin verabschiedet, aber offenbar schon zuvor verfasst, davon nichts ahnen. Schuld an der Krise seien, liest man da nämlich in gewohnter Diktion, die "kalte Kosten-Nutzen-Rechnung" und "das ökonomische Prinzip des Mehrwertes".

Die jüngsten Schwierigkeiten der Berliner Opernreform widerlegen dies. Die Krux der Opernstiftung, wie sie jetzt laut Gesetzentwurf zum Januar errichtet werden soll, ist nämlich gerade die Aushebelung ökonomischer Prinzipien. Den drei Opern, die unter einem Dach zusammengefasst werden sollen, wurde wirtschaftliche Eigenständigkeit versprochen. Nun aber wird ihnen ein Generaldirektor mit unbeschränkten Vollmachten vorgesetzt, der über die Wirtschaftspläne in die einzelnen Häuser hineinregieren kann. Der Quersubventionierung werden Tür und Tor geöffnet. Das wirtschaftlich gesunde Haus, die Staatsoper, wird wohl für die beiden anderen, die Deutsche und die Komische Oper, bluten müssen und schlimmstenfalls am Ende auch erkranken. Der Hauptsponsor der Staatsoper, Peter Dussmann, will ein staatsnahes "Kulturkombinat" wie die Opernstiftung nicht weiter fördern.

Kommt das Operngesetz durch, hängt alles daran, wer der allmächtige Generaldirektor wird. Peter Ruzicka soll abgelehnt haben, dem Staatsopern-Geschäftsführer Georg Vierthaler hingegen werden gute Chancen nachgesagt. Auch der Weimarer Theaterreformer Stephan Märki und der Hamburger Opernintendant Louwrens Langevoort werden hoch gehandelt. Das Operngesetz verwandelt die ungelösten Strukturfragen am Ende in eine Personalie. Wer auch immer waghalsig, idealistisch oder nur verzweifelt genug ist, den Job zu übernehmen, sollte sich auf die Rückkehr des Verdrängten einstellen. Jörg Lau