Der Slazenger V600 lag gut in der Hand. Der Theaterregisseur Paul Kelleher hatte ihn gerade gekauft, extra für diesen Museumsbesuch im Juni 2002. Kurz nur holte Kelleher aus, dann schlug er mit voller Wucht gegen den Kopf der zwei Meter hohen Marmorstatue. Der Kricketschläger prallte ab und flog durch den Saal des Museums in der Londoner Guildhall. Kurzerhand griff Kelleher nach dem Messingständer, an dem die Absperrkordel baumelte, und schleuderte ihn gegen die Statue. Der Kopf von Margaret Thatcher brach ab und sauste zu Boden. Die steinerne Lady war geköpft.

Als die Polizei kam und Kelleher verhaftete, verteidigte er seine Tat als gerechtfertigten Protest. "Politische Führer wie Margaret Thatcher", rief er, "haben ein Wertesystem eingeführt, das irreparablen Schaden angerichtet hat".

An die meisten Politiker, die aus dem Amt scheiden, erinnert sich zwölf Jahre später kaum jemand. Margaret Thatcher hingegen ist im politischen Bewusstsein Großbritanniens heute so präsent wie zu ihrer Amtszeit. Gehasst oder verehrt, war sie die einflussreichste Premierministerin seit Winston Churchill. Eine Frau der Tat, eine Regierungschefin, die durchgriff, deren Markenzeichen die Konfrontation war. Thatcher schuf sich lieber Feinde, die sie durchschauen konnte, als Freunde, denen sie nicht trauen mochte. Selbst ihre Minister missachtete sie. Am Kabinettstisch in der Downing Street 10 fühlte sie sich "als Tigerin, die von Hamstern umgeben war".

Wäre so jemand nicht auch in Deutschland vonnöten? Jemand, der den Karren Bundesrepublik aus dem gigantischen Misthaufen zu ziehen vermag, in dem die Konsensdemokratie angeblich steckt? Ja, sagten Politiker wie der FDP-Chef Guido Westerwelle. Ja, heißt es neuerdings in Leitartikeln und Essays. Ja, sagt auch der Historiker Dominik Geppert, der gerade ein Buch veröffentlicht hat, in dem er für Maggie Thatchers Rosskur wirbt. "Thatcherismus" ist in.

Thatcherismus – dass ein Politikername zum politischen Programm wird, ist allein schon selten. Meist gelingt das, wenn dahinter ein simpler Gedanke steht. Mrs T. kannte ein einziges Dogma: weniger Staat. Was zwischen 1979 und 1990 in Großbritannien geschah, lässt sich auf diesen einen Grundgedanken kondensieren. Aber war sie erfolgreich? Was, außer aufwallenden Emotionen, ist von ihr geblieben?

Als Margaret Thatcher 1979 als erste Frau die Regierungsspitze übernahm, lag Großbritannien am Boden. Während Amerika und Europa nach dem Krieg wirtschaftlich aufgeblüht waren, hatten sich die Briten dreißig Jahre lang damit beschäftigt, ihren Niedergang zu managen. 1979 erreichte die Inflationsrate 29 Prozent, im Staatshaushalt klaffte ein Loch von fünf Milliarden Pfund, und mehr als 1,5 Millionen Menschen waren arbeitslos. Großbritanniens Wirtschaft war "sklerotisch", sagt Lord Tebbit heute, Arbeitsminister im ersten Thatcher-Kabinett und Schlüsselfigur des Thatcherismus. Dazu kam der Ärger mit den Gewerkschaften. Die hatten sich seit der Verstaatlichung aller Schlüsselindustrien unmittelbar nach dem Krieg zu einer immer einflussreicheren außerparlamentarischen Kraft entwickelt. Streiks setzten sie nicht mehr nur zur Durchsetzung von Lohnforderungen ein, sondern als Mittel der politischen Mitbestimmung. Im Winter 1978/79 erreichte die Macht der Arbeiter ihren Höhepunkt. Das Land kam vollständig zum Erliegen. Krebspatienten in Krankenhäusern bekamen kein Essen mehr, die Städte versanken in Müllbergen, sogar der Strom musste rationiert werden.

Der Staat als verantwortliche Institution für weite Teile der Wirtschaft hatte versagt. So gesehen, war weniger Staat die logische Alternative. Thatcher schlug einen streng monetaristischen Konsolidierungskurs ein. Als herrschende Instanz über die Zentralbank reduzierte die Regierung die Geldmenge und verringerte die Staatsausgaben. Anschließend betrieb die Premierministerin die konsequente Privatisierung der britischen Wirtschaft. Alle großen staatlichen Unternehmen entließ sie auf den Markt: British Airways, British Petroleum und British Leyland, Schiffswerften und Stahlwerke, Kohlegruben und Flughäfen.

Durch den Börsengang von British Telecom im November 1984 entstand die erste Volksaktie. Mehr als zwei Millionen Menschen kauften BT, mehr als 500000 waren Erstkäufer. Großbritannien, Nation der Aktionäre – das war einer der Grundgedanken des Thatcherismus, der fest an die Unfehlbarkeit des Marktes glaubte und in neokonservativer Manier die Schaffung von Wohlstand als das oberste Ziel der Gesellschaft ansah. "Die Idee war", erklärt der ehemalige Schatzkanzler Geoffrey Howe, "den Menschen, die noch nie in ihrem Leben Kapital besessen hatten, das Gefühl von Eigentum zu geben."