Die meisten jüngeren Autoren deutscher Sprache schreiben keine Stücke mehr; sie stellen "Textflächen" her. Auf ihnen finden keine linearen Handlungen statt, sondern wilde Ausritte hinaus aus der Zeit und dem Raum. Textflächen dulden keine festen Rollenzuschreibungen und keine Dramaturgie. Auf ihnen können sich vier bis zirka 400 Spieler niederlassen und ausgraben, was die Dramatiker verborgen haben. Tanz auf der Textfläche - Sylvana Krappatsch, Rebecca Klingenberg und Caroline Peters (von links) in "Sieben Sekunden"

Textflächen sind Versuche, den alten Gesetzen des Dramas zu entkommen: dem Zwang zur Objektivität, der Diktatur des Augenblicks, den Mühen des Polyperspektivischen. Der Dramatiker dieser Tage hat auch vom zähen Spiel der Rede und Gegenrede genug, und Charaktere interessieren ihn sowieso nicht mehr. Also schreibt er wesenlos, uferlos, nicht für Figuren, sondern über sie hinweg: Seelenfunkverkehr, Wortoratorien. Und seltsam: Zwar wird auf der Textfläche mit vielen Stimmen gesprochen, das aber ergibt in der Summe ein einziges großes Raunen, eine Art Mahnpredigt. Die Textfläche ist der ideale Ort für Orakel und düstere Prophezeiungen.

Am Zürcher Schauspielhaus sind jetzt neue Stücke von Falk Richter und Roland Schimmelpfennig uraufgeführt worden. Da in beiden vom Krieg die Rede ist, hat man sie zur Megatextfläche zusammengeschoben, auf der Falk Richter auch Regie führt. Seine Spieler, fünf Frauen, vier Männer, machen Vorkriegskabarett in strenger Ensembledisziplin: Wir leben noch? Hurra, aber nicht mehr lange! Der Erde wird erst geholfen sein, so suggeriert Richter, wenn sie ihren Parasiten, den Menschen, abgeschüttelt hat.

Auf in den Kampf, Exhibitionisten

Richters Stück Sieben Sekunden handelt vom magischen seelischen Austausch zwischen US-Kampfpiloten in der Luft und ihren Angehörigen am Boden. Oben am Himmel rast der Pilot dahin, sucht bin Laden und wirft seine Ladung in irgendeinem fernen Osten ab, unten, auf amerikanischem Grund, sitzt die Pilotengattin und isst Donuts. Von der Textfläche tönt Hohn: "Etwas mehr als 70 Quadratkilometer hat er" – der Pilot – "in seiner Laufbahn schon dem Erdboden gleichgemacht. (…) Auf dieser Fläche, die er befreit hat, wird kein Anschlag mehr geplant werden, von dort geht keine Gefahr mehr aus für Marge und die Kinder."

So ist Amerika: Während Bill, Joe und Jim den Teufel jagen, knabbern Marge, Gladis und Kimberley Gebäck. Jet oder Donut – eine andere Wahl hat der Amerikaner nicht. Der Alteuropäer Richter geht frech dazwischen und lässt den Piloten am Ende abstürzen.

Roland Schimmelpfennigs Stück Für eine bessere Welt wird an Sieben Sekunden nahtlos angehängt. Es ist, wie man so sagt, das komplexere Werk: Es verliert sich in den Innenwelten von Soldaten, die sich beim blutigen Einsatz an ihr friedliches Vorleben, an Schwimmbad und erste Liebe erinnern.

In beiden Stücken werden Front und Hinterland, Schlacht und Frieden konfrontiert wie zwei Seiten derselben Münze. Fein-paranoid hängt bei Richter und Schimmelpfennig alles zusammen: Die Amerikaner bekämpfen im Feind die eigenen düsteren Aspekte. Kein Wunder, dass ihre Soldaten derart durchtrainierte Körper haben. "…könnten auch allesamt ohne Probleme eine Hauptrolle in einem Pornofilm spielen", heißt es bei Richter, dem Dramatiker, "…was sie natürlich – nein klar niemals, niemals – machen würden, denn sie glauben ja an Gott." Natürlich spielen sie doch in einem Porno mit, sagt Richter, der Regisseur, nämlich im großen Porno des sexualisierten Krieges.