Jetzt wird das Stück auch am Staatstheater von Hannover gegeben – seit Jahren ein Repertoirerenner an den deutschen Bühnen. Es heißt "Wir sparen kräftig beim Theater" und ist keine Komödie. Wenn es früher im Spielplan auftauchte, war die Besetzung klar. Die Politiker, banausische Kürzer, spielten die Hauptrolle: Sie waren die Schurken. Der Intendant besetzte sich in der Rolle des Helden, der dem Feind furchtlos und großsprecherisch im Namen der Kunst entgegentrat, hinter sich den lautstarken (und manchmal auch nur stummen) Chor des Publikums. Heute ist das anders. Die Politiker laufen nur noch kurz als Statisten durchs Bild, schneiden achselzuckend eine "Wir können leider nicht anders"-Grimasse, überreichen die Kürzungsbeschlüsse und verschwinden wieder. Der Intendant steht dann alleine im Scheinwerferlicht. Natürlich ist er wild entschlossen, trotzdem große Kunst auf die Bühne zu bringen. Aber er darf jetzt um Gottes willen nichts falsch machen. Er könnte sonst die Abonnenten verschrecken. Bleiben sie weg, muss auch der Intendant weg.

Erschrockene Abonnenten

So weit ist es in Hannover noch nicht. Die neue CDU/FDP-Regierung in Niedersachsen hat dem Staatstheater in der Landeshauptstadt die Subvention gekürzt – fünf Millionen Euro in den nächsten drei Jahren. Mindestens 60 Mitarbeiter müssen dafür entlassen werden in der Technik und in der Verwaltung, aber wohl auch beim Chor und im Orchester. Ein rabiater Einschnitt. Und viel einsamer als der Schauspielchef Wilfried Schulz (der gerade um eine Vertragsverlängerung pokert) steht der Opernintendant Albrecht Puhlmann im Scheinwerferlicht. Er hat nämlich bereits die Abonnenten verschreckt. Vor zwei Jahren trat er an, um in Hannover – nach der überlangen, 21-jährigen Amtszeit seines Vorgängers Hans-Peter Lehmann – den großen Opernaufbruch zu initiieren. Er hat schwierige Stücke und umstrittene Regisseure ins Repertoire geholt und in der Stadt eine Debatte um das Musiktheater entfacht, die leidenschaftlicher kaum geführt werden kann. Gelangweilt verlässt in Hannover zurzeit keiner die Oper. Die Leute sind empört oder begeistert. Oder sie bleiben weg. 5000 Abo-Abbestellungen (bei 500 Neubuchungen) musste Puhlmann hinnehmen. Das brachte ihm Mindereinnahmen in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Nach dem harten Sparbeschluss der Landesregierung droht der Staatsoper jetzt der wirtschaftliche Kollaps, und nur eines kann sie davor bewahren – ein volles Haus, Abend für Abend.

In Hannover zeigt sich, wie klein die Spielräume für risikoreiche künstlerische Konzepte an den deutschen Opernhäusern inzwischen geworden sind. Kein Intendant erhält mehr die Zeit, eine neue ästhetische Ausrichtung in Ruhe reifen zu lassen und sie gegen Widerstände durchzusetzen. Zu groß ist der finanzielle Druck. Die Kunst kann es sich nicht mehr leisten, in scharfe Opposition zum gängigen Publikumsgeschmack zu gehen, obwohl das doch einer ihrer wesentlichen Antriebskräfte ist. Puhlmann weiß selbst, dass er in Hannover die Schmerzgrenze der Opernfans getestet hat, die es sich in den vergangenen 20 Jahren mit schönen Abenden und dem immergleichen Repertoire allzu gemütlich gemacht hatten. Er hat Alban Bergs Lulu auf den Spielplan gesetzt, einen Klassiker der frühen Moderne, und wurde dafür mit einer Auslastung von 35 Prozent abgestraft. Er hat in der gleichen Spielzeit Claude Debussys Pelléas et Mélisande auf die Bühne gebracht, wunderbare Musik in einer hoch gelobten Produktion – die Auslastung betrug 50 Prozent. Wie, so fragt man sich, soll sich die Kunstform Oper eigentlich noch erneuern, wenn es den Bühnen nicht einmal gelingt, die gemäßigten Stücke des frühen 20. Jahrhunderts ins Repertoire zu integrieren? Auch auf Bellini (I Capuleti e i Montecchi) wollte sich das Publikum in Hannover nicht recht einlassen, selbst Mozarts La Finta Gardinera habe nicht funktioniert, sagt Puhlmann. Gewiss liegt es nicht immer am Stück, wenn das Publikum nicht zieht, auch die Qualität der Produktion muss stimmen. Trotzdem wird es mehr und mehr ein Repertoire-Bierdeckel, auf dem die Opernintendanten tanzen. Und jedes vermeintliche Wagnis bedarf der Absicherung im Spielplan durch leichte Operettenunterhaltung, weil die Kasse stimmen muss.

Wie in der neuen Traviata von Calixto Bieito, dem katalanischen Inszenierungsungeheuer von Hannover. Ihn hat Puhlmann geholt, um die verkrusteten Sehgewohnheiten gleichsam mit der Brechstange aufzuhebeln. Und an ihm entzündet sich die Empörung wie an keinem anderen Künstler in der Stadt. Mozarts Don Giovanni hat er als Blut-und-Sex-Orgie im spanischen Vorstadtmilieu gezeigt, in Verdis Il Trovatore suchte er nach der Stückwahrheit mit drastischen Folterszenen und Massenvergewaltigungen. In der Traviata nun streicht die Prostituierte Violetta Valery die Scheine glatt, wenn sie vom Pulsschlag des Universums singt. Die sentimentale Tränenzieher-Geschichte von der liebenden, verzichtenden und sterbenden Edelkokotte wird in Hannover nicht gegeben. Gegenwartsmenschen bevölkern die Bühne, Abzocker, Zyniker, Lust- und Wohlstandsmaximierer.

Blutsturz als Sterbe-Porno

Natalia Ushakova trägt als Violetta ihre Dessous wie eine Panzerrüstung gegen die großen Gefühle, und die Liebe auf dem weißen Kunststoffleder ihres Model-Appartements ist nur ein verzweifelter Kopulationsringkampf. Entrückt, wie ferne Utopien erklingen ihre Arien. Bieito glaubt nicht an die kränkelnde Opferexistenz der Traviata, er macht aus ihr eine starke, sarkastische Frau, die den finalen Blutsturz als bizarren Krankenschwester-Sterbe-Porno nur spielt, ihrem Alfredo nach dem letzten Ton rau ins Gesicht lacht und mit gepackten Koffern von der Bühne stöckelt.