Wer hätte es gedacht? Die Vorzeigeunternehmen der Dotcom-Ära sind wieder da. Da ist zum Beispiel die kleine Firma Google am Stadtrand des kalifornischen Mountain View. Schon in der Eingangshalle sieht es so aus, als habe der Technologiecrash im Frühjahr 2000 nie stattgefunden: Da stehen lustige knallrote Riesensofas, Lavalampen, ein Klavier und eine Holzeisenbahn; in den eigentlichen Arbeitsbereich haben einige Mitarbeiter ihren Nachwuchs mitgebracht, der zwischen all dem Spielzeug herumtobt, und für die Erwachsenen gibt es einen hauseigenen Masseur. Handfeste Produkte stellt hier, wie zu den besten Zeiten der wilden neunziger Jahre, keiner her. Die Firma bietet auf ihrer Web-Seite Wegweiser durchs Internet an, und die sind für jedermann kostenlos. Und trotzdem: Im vergangenen Jahre setzte die Firma nach Analystenschätzungen 100 bis 150 Millionen um, binnen Jahresfrist stieg dieser Umsatz um die Hälfte, und weltweit waren 500 Mitarbeiter beschäftigt. In der Empfangshalle stehen Bewerber in Krawatten und Sportschuhen Schlange. Und Google ist kein Einzelfall. Eine Flugstunde weiter südlich, in Pasadena, macht zum Beispiel das Unternehmen Overture Schlagzeilen in der Wirtschaftspresse: Es schreibt nämlich anhaltende Gewinne, obwohl die Geschäftsidee lautet, Anzeigen im Internet zu platzieren. Dabei war dieses Geschäft längst totgesagt, und nicht mal konventionelle Werbeagenturen kommen in diesen Flautejahren auf einen grünen Zweig. Jetzt will ein wohl bekannter Internet-Riese, der Verzeichnisdienst Yahoo!, die kleine Firma Overture für spektakuläre 1,6 Milliarden Dollar übernehmen.

Die E-Biz-Überraschung titelte das amerikanische Unternehmermagazin Business Week schon euphorisch. "Es war nicht alles Hype." Etliche der verloren geglaubten Dotcom-Unternehmen schreiben wieder schwarze Zahlen, im Silicon Valley wie in Deutschland. Die Technologiebranche und ganz besonders die Dienstleister rings um das Internet stellen sich nach der langen Flaute auf ein Comeback ein. Heißt das, dass die in den neunziger Jahren bejubelte Internet-Revolution nun doch noch passiert?

Ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte lässt vermuten, dass der große Technologiecrash tatsächlich nicht das letzte Wort zu diesem Thema war. Großbritannien zum Beispiel machte in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts ganz ähnliche Erfahrungen mit der so genannten Eisenbahn-Revolution: Ein Unternehmen nach dem nächsten eröffnete damals seine Gleise und Stationen, eine Flutwelle von Spekulationskapital finanzierte mehrere Bahnhöfe pro Stadt und mancherorts gleich doppelte Bahnstrecken. Am Ende wurden Eisenbahnaktien in London sogar auf der Straße gehandelt, und kein Inselbewohner wollte mehr ohne die heißen Papiere dastehen. Bis 1845 die Aktienkurse wegen der offensichtlichen Überkapazitäten zu purzeln begannen, 1847 die Börse kollabierte und Hunderte Bahnunternehmen samt ihren Anlegern Bankrott gingen.

Doch auf den großen viktorianischen Eisenbahncrash folgte wenig später erst recht eine goldene Ära. Für solide geführte Bahnfirmen, Spediteure und Dienstleister gerieten die Jahre nach dem Crash zur Boomzeit, und 65 Jahre später hatte sich das Gleisnetz verzehnfacht. Eigentlich ist so etwas in der Wirtschaftsgeschichte immer wieder passiert. Zum Ende des 18. Jahrhunderts war es der Ausbau der britischen Kanäle, der erst zu einer Spekulationswelle führte und 1793 viele Anleger ruinierte. Doch in den Jahrzehnten danach verdoppelte sich das Kanalnetz und leistete einen wesentlichen Beitrag zur industriellen Revolution. Zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren es die amerikanischen Automobilhersteller, deren Zahl bis zum Jahr 1909 auf 274 anschwoll – und danach kollabierte. 1955 gab es bloß noch sieben Firmen, aber das Automobil hatte die Welt verändert. Eine Rückbesinnung auf die Old Economy? Das wäre wirklich mal was Neues.

Stattdessen ist auf technologisch inspirierte Spekulationsblasen häufig eine Next Economy gefolgt, eine Art Revolution im zweiten Anlauf. Der amerikanische Ökonom Raymond Vernon sprach von der "Reifephase" neuer Technologien, die venezolanische Soziologin Carlota Perez beschrieb "goldene Zeitalter", und im Grunde ist immer vom Gleichen die Rede. Die wildesten Experimente sind vorbei, die neue Technik ist allgemeiner verfügbar, meist zu Ausverkaufspreisen, und es finden sich Hunderte neuer Anwendungsfelder. Unternehmer haben aus dem Crash gelernt, welche Geschäftsmodelle nicht funktionieren, und einige verdienen jetzt richtig Geld. Wiederholt sich die Wirtschaftsgeschichte auch im Zeitalter der Bits und Bytes? Erweist sich die Informationsrevolution mit Verspätung doch noch als würdige Nachfolgerin der Industrie, der Eisenbahn- oder der Elektrizitätsrevolution?

So bunt und auffällig sie auch daherkommen mögen: Die Googles, Expedias und die vielen anderen – neuerdings erfolgreichen – Dotcom-Firmen können die Antwort allein nicht liefern. Denn grundlegende Umwälzungen in der Wirtschaft sind mehr als der Erfolg einer Reihe neuer Unternehmensmodelle. Die interessantere Frage lautet, so Microsoft-Gründer Bill Gates, ob die Berge von Computertechnik und die immer enger verflochtenen Datenstränge allmählich auch "der alten Wirtschaft neue Nerven" verschaffen können. Und ob diese Technologien, wie einst die Eisenbahn oder das Telefonnetz, unsere Art des Wirtschaftens quer durch alle Branchen umkrempeln können. Denn davon wurde zwar in den neunziger Jahren viel geredet, aber passiert ist es nicht.

"Der Anteil der Informationstechnologie an der gesamten Wertschöpfung ist ziemlich klein", hat Brent Moulton einmal ausgerechnet, ein Ökonom, der beim Bureau of Economic Analysis (BEA) des amerikanischen Kongresses für die Ermittlung des Bruttoinlandsproduktes zuständig ist. Statistiker, Ökonomen und Unternehmensberater haben sich in den vergangenen Jahren an Schätzungen versucht, welche Wirtschaftsbereiche überhaupt von der neuen Technologie profitiert haben – und je nach Rechenart und Daumenstärke kommen sie auf vier, fünf, zwölf, 18 oder sogar 33 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung. Recht wenig, und das im Heimatland der Computer- und Internet-Technik. Wirklich nützliche Verwendungen der neuen Technik gebe es ohnehin nur in "jenen Branchen, die Informationstechnik entweder herstellen oder besonders intensiv nutzen", sagt Kevin Stiroh, ein Ökonom bei der Federal Reserve Bank of New York. Der prominente Ökonom Robert Gordon riet aus solchen Gründen schon, man möge den Begriff von der "informationstechnischen Revolution" bitte streichen.

Auch die Dampfmaschine setzte sich erst nach Jahrzehnten durch