Schier unberechenbar ist er, wirft Fragen auf und bereitet Kopfzerbrechen – der Wechselkurs. Zu diesem Ergebnis dürfte kommen, wer die Kursentwicklung zwischen Euro und Dollar mit den gängigen Theorien erklären will. Der Versuch, den Euro-Dollar-Kurs zum Beispiel mit der Leistungsbilanz – also der Übersicht aller außenwirtschaftlichen Tätigkeiten eines Landes – zu erklären, schlägt fehl. Demnach sollte die Währung eines Landes an Wert verlieren, wenn eine Nation etwa mehr Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland bezieht, als sie selbst dorthin exportiert. Doch als das US-Leistungsbilanzdefizit im Jahr 2000 mehr als vier Prozent betrug, schadete dies dem Dollar wenig – nicht er, sondern der Euro sank über Monate.

Andere Überlegungen wie die Kaufkraftparitätentheorie treffen ebenfalls nicht zu. Danach sollte der Wechselkurs die unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit zweier Länder wettmachen, die dadurch entsteht, dass die Preise dort unterschiedlich schnell steigen. Allerdings hat sich die Inflation in den vergangenen Jahren in Europa und den USA recht ähnlich entwickelt, die Wechselkurse aber schwankten stark.

Nach jahrzehntelanger Forschung und zahlreichen empirischen Studien über die Entwicklung des Wechselkurses ist nur eines gewiss – mit der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes hat der Kurs wenig zu tun.

Um so aufschlussreicher könnten daher die Erkenntnisse der neuen Forschungsrichtung Behavioural Finance sein. Dabei gehen die Volkswirte nicht länger vom rational entscheidenden Homo oeconomicus aus, sondern von einem Menschen, der Entscheidungen durchaus aus dem Bauch trifft. Dass die Psychologie in der Volkswirtschaft stark an Bedeutung gewinnt, zeigt auch die Vergabe des Nobelpreises im vergangenen Jahr an Daniel Kahnemann und Vernon Smith in dieser Disziplin. Und so versuchen Ökonomen wie der in Belgien lehrende Paul de Grauwe und der Würzburger Peter Bofinger den Kurs zwischen Euro und Dollar "mit Gefühl zu erklären".

Ausgangspunkt für diese Theorie ist, dass Devisenhändler in einem komplexen Umfeld agieren. Innerhalb von Minuten oder gar Sekunden müssen sie neue Kurse nennen und werden zugleich mit einer Fülle von Informationen überflutet, die sie längst nicht alle verarbeiten können. Selbst wenn sie es könnten – in einem spekulativen Markt wie dem Devisenmarkt zählt nicht allein die eigene Überzeugung, sondern die der Mehrheit. Denn in ihrem Sinne wird sich der Kurs dann auch entwickeln. Der britische Ökonom John Maynhard Keynes bezeichnete dieses Phänomen als "Information dritten Grades". Folglich kommt es auf dem Devisenmarkt darauf an, möglichst früh zu erkennen, wie die anderen Marktteilnehmer auf die neue Information reagieren.

Der Kurs fiel 60 Monate lang

Angesichts dieser Herausforderungen greifen Devisenhändler auf einfache Daumenregeln zurück. Sie orientieren sich vor allem daran, was alle anderen machen. Konkret heißt das in diesen Wochen: Dollar verkaufen, Euro kaufen! Das funktioniert natürlich nur so lange, wie sich alle – oder zumindest die meisten – einig sind, in welche Richtung sich der Kurs entwickeln wird. Steht die Richtung erst einmal fest, dann nehmen die Devisenhändler nur noch die Nachrichten wahr, die in ihr Bild passen – alle anderen werden ignoriert. So ist zu erklären, dass ein Trend, wenn er sich erst einmal durchgesetzt hat, lange anhält. Beispielsweise lief die Abwertung des US-Dollar gegenüber dem Yen von April 1990 bis April 1995 über einen Zeitraum von 60 Monaten.

Was bedeutet all dies für die Entwicklung des Wechselkurses zwischen Euro und Dollar? Bis zum Tiefststand des Euros im November 2000 herrschte Einigkeit unter den Devisenhändlern, dass die Einheitswährung wenig wert sei, argumentiert der Ökonom Bofinger. In dieser Zeit überwogen die schlechten Nachrichten vom alten Kontinent: Die Kritik über die mangelnde politische Einheit wurde laut, die OECD ermahnte die europäischen Mitglieder in regelmäßigen Abständen, Strukturreformen durchzuführen. Dass die USA ein Leistungsbilanzdefizit aufwiesen, das den Höhenflug des Greenbacks kaum rechtfertigte, fand indes wenig Beachtung. Was die Devisenhändler beeindruckte, waren allein die hohen Wachstumsraten aus Übersee.