Meine Weinernte beginnt wie viele andere schöne Karrieren in der Kneipe. Hier warte ich auf Laurence, und da kann ich lange warten, aber das weiß ich noch nicht. Laurence ist eine Freundin meiner Frau. Die beiden haben besprochen, dass es mir gut bekommen würde, einmal richtig zu arbeiten. Weinernte zum Beispiel, mit Bücken und Schleppen, mit Schwitzen und mit Blasen an den Händen. Ich habe mich nicht gesträubt, denn es ging hier nicht um irgendeinen Wein: Banyuls sollte ich pflücken. Das ist ein natursüßer Wein, und die einen sagen, ein bisschen wie der toskanische Vino Santo, andere: in etwa zwischen Madeira und Porto. Auf jeden Fall kommt Banyuls aus einem kleinen Gebiet am Mittelmeer. Er darf nur in den letzten vier Gemeinden vor der spanischen Grenze hergestellt werden. Laurence lebt in Banyuls, der Wein heißt wie die Stadt, und sie findet auch einen Weinbauern, der einen wie mich nehmen würde. Am 10. September soll die Weinernte anfangen. Pünktlich angereist, sitze ich in meinen besten Arbeitsklamotten um sieben Uhr morgens in der Kneipe und warte. Warte auf Laurence, die auch mitmachen und mich abholen will. Weil das dauert, bestelle ich ab und zu einen neuen Kaffee. Langweilig wird mir nicht. Es gibt genug zu gucken.

Die Bar des Platanes hat sogar einen Fernseher. Es läuft ein französischer Musiksender. Das zieht, wegen der Mindestquotierung französischer Musik, auch heikle Momente nach sich. Normalerweise finde ich zum Beispiel den Liedermacher Francis Cabrel ganz schwierig. Jetzt läuft ein Stück von ihm, aber hier, an diesem wunderschönen Fleck, den Blick hinüber zur Promenade, an den Palmen vorbei in die Bucht, hinaus aufs Meer und dazu der viele Kaffee – ich kann gar nicht anders, als gute Laune zu behalten. Trotzdem könnte Laurence allmählich kommen. Es ist inzwischen halb neun. Ich mache mir aber keine Sorgen und wende mich lieber an den Nebentisch. Dort sitzen zwei etwa 80-jährige Männer und bieten mir von ihrem Frühstück an. Für Wein ist es mir doch noch zu früh, aber ich nasche vom Ziegenkäse ("Ist der mit Kräutern?" – "Nein, handgemacht!") und von der Wildschweinsalami, weil ich hier zwischen Einheimischen sitze, und da gilt es natürlich, Vertrauen aufzubauen.

Die Wartenden schauen verächtlich auf meine geputzten Schuhe

Später läuft im Fernseher ein uraltes Chris-Isaak-Video. Helena Christensen tanzt am Strand einer Südseeinsel, und sie trägt nichts als eine Feinrippherrenunterhose, und Feinripp, da denke ich sofort an hart schuftende Arbeiter, und mir fällt wieder ein, warum ich hier bin. Es ist elf Uhr und keine Spur von Laurence. Weinlesen kann ich für heute vergessen. Bis zum nächsten Morgen habe ich unsere Freundin nicht gesehen, ich habe sie überhaupt nie wieder gesehen, und so muss ich mir wohl selbst Arbeit suchen. Wie das geht, haben mir die Leute in der Bar des Platanes erklärt.

Stehe also um 6.30 Uhr neben dem Kriegsdenkmal gegenüber vom Rathaus. Um mich zwei Dutzend Typen. Die sehen alle weinernteerprobt aus, ohne dass ich wüsste, woran genau das zu erkennen sein soll. Die haben so etwas Ernstes, Fokussiertes. Sie werfen nicht eben bewundernde Blicke auf meine gut geputzten Stiefel, und weil es noch ziemlich dunkel und kühl ist, ziehen sie ihre Schultern hoch, stemmen die Hände in die Hosentaschen und lachen heiser. Die Verwegensten tragen ihre eigenen Gartenscheren in Ledertaschen am Gürtel. Nach und nach kommen die Bauern, und die ein, zwei, drei Männer, die sie jeweils brauchen, steigen nach ein paar Worten zu ihnen in die Kleintransporter und Pick-ups. Und was machen die noch Wartenden? Die drehen sich eine Zigarette. Ein paar machen das mit nur einer Hand! Sie drehen die Zigarette mit nur einer Hand, während sie hier auf ein paar Tage Arbeit in den Weinbergen warten, zusammenstehen und über die Bauern tuscheln, und sie nicken sich ernst in die Gesichter, und ich bin unendlich beeindruckt.

Wie sah die bisherige berufliche Laufbahn dieser Männer aus, dass sie sich eine solche Fähigkeit aneignen konnten? Ich denke an John Steinbeck, an Früchte des Zorns, da geht es ja auch um menschliche Würde, um Wanderarbeiter und um einhändig gerollte Zigaretten. Ob ich es je so weit bringen werde? Immerhin stehe ich ein paar Stunden später tatsächlich auf einem Weinberg. Und was für einem! Von einem der ersten hohen Gipfel hinter der Stadt schaut eine kleine weiße Kapelle, die Chapelle de la Salette, auf die Stadt und auf das Meer. Direkt neben der Kapelle ernten wir. Ich habe also Arbeit gefunden. Morgens auf dem Platz hatten die Bauern zuletzt schon von weitem den Kopf geschüttelt, wenn sie mich sahen. Aber jedes Pech endet einmal. In Banyuls gibt es an jeder Straßenecke eine cave, eine Kellerei, wo die Trauben angeliefert und verarbeitet werden. Gleich bei der ersten bestieg ein Team gerade die Autos – ich fragte und war dabei.

Und dann stehe ich neben der Kapelle und bin erstaunt, dass die Stadt nach dieser ewigen Kurverei über ausgewaschene, holperige Pisten noch immer so nah ist. Der Blick über das Meer und die Küste ist einfach eine Wucht. Diese letzten Kilometer Mittelmeer vor der spanischen Grenze heißen Côte Vermeille, und Vermeille bedeutet vergoldetes Silber. Die Pyrenäen schieben sich bis an den Strand; das Ufer ist felsig und zerklüftet, mit vielen Buchten und Vorsprüngen, manche nennen diese Landschaft deshalb auch Côte Rocheuse, die Felsenküste. Halb rechts hinter den Bergen liegt Cerbère, die letzte Stadt vor der Grenze, auf der linken Seite kommen, auch hinter Bergen verborgen, Port-Vendres und schließlich Collioure, und mit dem unter mir liegenden Banyuls-sur-Mer haben wir sie dann auch schon, die vier Ortschaften, die Banyuls herstellen dürfen. Aber ich bin nicht nur zum Staunen hier.

Ich trage einen großen umgedrehten Plastikkegel auf dem Rücken, die hotte. Die Jobverteilung ging sehr schnell. Der Chef sah mich kurz an: "Er ist groß, er ist stark, dann ist er bestimmt nicht schlau, er trägt!" Also stehe ich zwischen den Stöcken, die anderen sammeln die Reben in Zehnlitereimern, und wenn die voll sind, kippen sie sie in den Bottich auf meinen Rücken. Zehn pflücken, zwei tragen. Wenn die hotte voll ist, wiegt sie 50, 60 Kilo, und ich schleppe sie zum Sammelplatz. Dort stehen lange Reihen mit Plastikkisten. In die schütte ich die Trauben. Und dann geht es wieder hoch. Die Weinberge sind schon ziemlich steil. Klein und steil. Damit darauf überhaupt etwas hält, legen die Weinbauern seit vielen hundert Jahren Terrassen an, die sie mit kleinen Steinmauern sichern, den murets. Und weil es im Winter heftig regnen kann, durchziehen Gräben die Weinberge fächerförmig von außen talwärts nach innen. So kann das Wasser ablaufen, ohne das bisschen Erde vom Schieferboden zu reißen. Diese Schlepperei hoch den Berg, runter den Berg, über die Mauern klettern, und wehe, ein Steinchen löst sich, dann wird der Bauer böse, und all dies bei 30 Grad noch im September – mir wird warm. Aber ich gebe nicht auf, und deshalb befördert mich der Chef bald zum Schneider.