Piep. Piep. Pööp. Wer dieser Tage in Schlitz oder Eiterfeld, Wilsdruff oder Lauchhammer, Marzahn oder Pankow, Süderbrarup oder Wuppertal-Ronsdorf einen Aldi-Laden betritt, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Denn vielleicht ist es schon zu spät. Dann hat die Filiale ihren Termin schon gehabt. Und die Kasse macht piep, piep und pööp. Zum Hintereingang aber wird in einer schwarzen Kiste hinausgeschafft: die Aldi-Kassiererin.

Aldi-Süd tat es schon vor drei Jahren. Jetzt folgt Aldi-Nord. Seit Monaten werden Zug um Zug die Filialen nördlich des Albrecht-Äquators (von Wesel nach Eschwege und dann südschwenkend; die neuen Länder sind "Nord") von der herkömmlichen manuellen Kasse auf das Scannerkassen-System umgestellt. Dabei erfasst eine Optik den Strichcode am Marmeladenglas, und es macht piep. Bei mehreren Marmeladengläsern drückt der Bediener die Wiederholtaste, es macht pööp. Bediener? Jawoll, Bediener! Eine Aldi-Kassiererin ist das nicht mehr. Eine Aldi-Kassiererin ist, war…

Eine Kassiererin aus Bremen schaffte 6000 Produkte pro Stunde

…eine wie Tanja. Mutter, Halbtagskraft bei Aldi in einer Kleinstadt bei Bremen. Hübsch, fröhlich und vor allem schnell. Beängstigend schnell. Über 6000 Produkte jagte sie pro Stunde durch die Kasse. Lächelte. Sprach mit den Kunden, derweil ihre Finger über die Tastatur flogen. Vergeblich bemühten sich manche, die Ware so schnell vom Band zu schaffen, wie Tanja sie einbongte. Niemals gelang es einem. Waren endlich die letzten Kartoffeln verstaut und kramte man nach der Geldbörse, hielt Tanja das Wechselgeld schon bereit. Sie konnte vorhersehen, dass man einen 50-Euro-Schein hervorziehen würde.

So wie Tanja waren sie alle, die Aldi-Kassiererinnen. Frauen mit einer offensichtlichen Spezialbegabung (wenn sich bei schlimmer Schlangenbildung mal der Filialleiter zur Verstärkung an eine Kasse verirrte, erlebte man die Hilflosigkeit des Normalbegabten). Diese Frauen eigneten sich ebenso gut zur mythischen Verklärung wie der Volkschampagner für neun Euro, der Aldi-Computer oder die hauseigene Plastiktüte. Seriöse Herren gesetzten Alters verliebten sich in die Aldi-Feen. Dichter besangen sie. Sie waren das schöne Gesicht, hinter dem sich die Fratze des Kapitals verbarg. Denn in Wahrheit war die Aldi-Kassiererin natürlich mitnichten eine zufällig in der Discounter-Tristesse zwischen halb offenen Pappkartons erblühte Blume. Wie ja auch die beiden Brüder Karl und Theo Albrecht nicht zufällig zu den vier reichsten Männern der Welt gehören.

"Als ich bei Aldi anfing", erzählt Tanja, "bekam ich zuerst ein Kartenspiel." Einen dicken Packen von Kärtchen, auf deren einer Seite, zum Beispiel, das Bild von einer Gurke zu sehen war. Auf der anderen Seite stand eine dreistellige Nummer – die Codenummer. Dann hieß es: auswendig lernen. Beim Kochen, beim Fernsehen, beim Zubettgehen. Zucker hatte die 023. Die 014 stand für Vollmilch, die 015 für fettarme Milch. 203 war Whisky. Alle Dosen fingen mit einer 8 an, MoPro (Molkereiprodukte) mit der 1. Etwa 800 Codenummern auswendig zu lernen war aber nur die erste Hürde. Die zweite: blindes Kassieren. Wehe, der Chef entdeckte, dass man beim Einbongen auf die Tastatur schaute. Dabei brauchte er nicht mal aufzupassen. Abends spuckte der Computer ohnehin aus, wie viele Waren jede Kassiererin eingebongt hatte. Waren es weniger als 3000 in der Stunde, setzte es einen Rüffel. Nicht nur vom Filialleiter. Auch untereinander gab es Druck, denn Aldi-Mitarbeiter sind umsatzbeteiligt. Die flink-fröhliche Aldi-Kassiererin ist in Wirklichkeit eine schwer schuftende Akkordarbeiterin, die nebenher Paletten abladen, Ware auspacken, Pappen entsorgen und nach Ladenschluss auch noch putzen muss. Immerhin verdient sie besser als sonst in der Branche üblich. Einen kaputten Rücken wiegt das allerdings nicht auf, fand Tanja irgendwann. Heute arbeitet sie in der Gastronomie.

Die Codenummern für die einzelnen Artikel aber wird die Aldi-Kassiererin wahrscheinlich noch auf dem Totenbett herbeten können. Sie waren allerdings ein reines Nord-Phänomen. In Karl Albrechts südlicher Einflusssphäre wurden bis 2000 noch die tatsächlichen Preise eingetippt. Damit auch hier keine Zeit verschenkt wurde, passte man die Preise an die Eingabeergonomie an: erstens möglichst viele gleich teure Produkte. Zweitens nur Preise, die eine flüssige Eingabebewegung auf der Tastatur erlauben. Hin-und-her-Preise wie 1,94, die eine Zickzackbewegung der Hand erfordern, kosten Sekundenbruchteile, und viele Sekundenbruchteile zusammen machen eine weitere Stelle nötig.

Jahrelang waren die Süd-Kassiererinnen und ihre Nord-Schwestern gleich schnell. Dann kam der Euro. Und mit ihm kamen Probleme für Karl. In Theos Norden konnte der Computer die Preise umrechnen, der Code für die Artikel blieb unverändert. Doch im Süden hätten auf einen Schlag 800 neue Preise gelernt werden müssen. Und was für Preise! Krumme und schiefe und mühsam einzugebende. Darum ließ Karl Albrecht schon im Jahr 2000 überall Scannerkassen installieren. High-Tech-Geräte mit einem aufwändigen optischen Lesesystem, das stehende und liegende, zerknitterte und sogar unterbrochene Striche erkennen kann. Außerdem hatte er seine ganze Marktmacht eingesetzt und die Lieferanten verdonnert, ihre Produkte rundum mit Strichcodes zu versehen. Damit erledigte sich das mehrfache Vorbeischieben der Ware am Scanner, das Glattstreichen mit dem Fingernagel, das Nesteln nach der Lesebrille, um dann doch Einzelziffern einzugeben. Und doch machte Aldi ein erstaunliche und eigentlich sogar wunderbare Erfahrung: Die tollen Scannerkassen waren trotz der technischen Raffinesse langsamer als die flotten Handkassiererinnen.