Mit der Auszeichnung der iranischen Schriftstellerin und Juristin Shirin Ebadi hat das norwegische Nobelpreiskomitee die Welt positiv überrascht. Die erste muslimische Nobelpreisträgerin wurde für ihre "Bemühungen für Demokratie und Menschenrechte" in ihrem Land geehrt. In diesem Zusammenhang ist sie die dritte Frau, der seit 1990 der Preis verliehen wurde, nach der Birmanerin Aung San Suu Kyi (1991) und der Guatemaltekin Rigoberta Menchu (1992).

"Als Anwältin, Richterin, Professorin, Schriftstellerin und Aktivistin hat sie sich klar und stark in ihrem Land, aber auch grenzüberschreitend geäußert", erklärte das Komitee, dessen Vorsitzender Ole Danbolt Mjös betonte: "Ich hoffe, dass die Friedenspreisverleihung an Ebadi die Sache der Menschenrechte im Iran stärken und unterstützen kann." Shirin Ebadi reagierte zuerst "geschockt", bevor sie ihren Preis "allen Iranern, die für Demokratie kämpfen" widmete. "Ich bin sehr zufrieden und stolz. Es ist sehr gut für mich, sehr gut für die Menschenrechte und für die Demokratie im Iran, und besonders für die Kinderrechte."

Außer unter den Fachleuten der Menschenrechtsorganisationen war die Iranerin weitestgehend unbekannt, obwohl sie bereits 2001 den norwegischen Rafto Preis für Menschenrechte gewonnen hatte. Geboren 1947, studierte Shirin Ebadi in Teheran Jura und wurde 1974 als erste Frau im Iran zur Richterin ernannt. Nach der Islamischen Revolution von 1979 wurde sie gezwungen, von ihrem Amt zurückzutreten. Im Gegensatz zu vielen ihrer gebildeten Landsleute blieb sie im Iran. Die wiederkehrende Drohungen, inhaftiert zu werden (sie war im Juli 2000 drei Wochen in Haft), erschütterten ihre Zielstrebigkeit nicht. Sie setzte sich immer mehr für Frauenrechte ein: "Unsere von Männern dominierte Gesellschaft ist krank. Sie achten nicht mehr die Mütter, die ihnen das Leben gaben", sagte sie.

Die offizielle iranische Pressagentur berichtete kommentarlos, dass eine iranische Anwältin den Friedensnobelpreis gewonnen habe. Regierungssprecher Abdollah Ramesansadeh meinte, es gebe keine offizielle Stellungnahme zum Friedensnobelpreis. Der Iran machte dieses Jahr regelmäßig Schlagzeilen, beispielsweise wegen der großen Studentenproteste dieses Sommers und der zahlreichen Verhaftungen von Intellektuellen und Journalisten durch die Konservativen.

Die Entscheidung des Nobelpreiskomitees richtet die Aufmerksamkeit nicht nur auf die Menschenrechte im Iran, sondern auch auf einen weiteren Aspekt. Die Verleihung an eine Frau, die "bekennende Muslimin" ist, werde vielleicht auch dem Westen zu verstehen helfen, dass der Islam nicht notwendig im Widerspruch zur Demokratie stehen muss: "Ebadi repräsentiert den reformierten Islam und kämpft für eine neue Interpretation des Islamischen Rechts, die mit grundlegenden Menschenrechten wie demokratischen Grundsätzen, der Gleichheit vor dem Gesetz, Glaubensfreiheit und Redefreiheit in Einklang stehen soll. Was die Glaubensfreiheit betrifft, so bezieht Ebadi auch die Mitglieder der Bahai-Gemeinschaft (eine religiöse muslimische Schisma-Minderheit, d.R.) mit ein, die seit ihrer Gründung Probleme im Iran hat. (...) Es ist dem Norwegischen Nobelkomitee eine Ehre, den Friedenspreis einer Frau zu übergeben, die Teil der muslimischen Welt ist und auf die die Welt stolz sein kann – wie auf all diejenigen, die für die Menschenrechte kämpfen, wo auch immer sie leben." Die Unterstützung durch den Nobelpreis hat auf jeden Fall die Position der Menschenrechtler im Iran gestärkt.

Eine einzige Stimme hat sich gegen diese Entscheidung ausgesprochen, die des ehemaligen polnischen Präsidenten Lech Walesa: "Ich halte das für einen großen Fehler, einen schlimmen Fehler, einen unglücklichen Fehler", sagte er. "Ich habe ja nichts gegen diese Frau, aber wenn jemand auf dieser Welt diese Auszeichnung verdient, ist das der Heilige Vater." Der Papst Johannes Paul II. und der tschechische Ex-Präsident Vaclav Havel wurden häufig als mögliche Preisträger zitiert.