ZEIT.de: Sie haben häufig gesagt, sie haben lernen müssen, mit der Angst zu leben. Werden Sie in Zukunft mit weniger Angst leben können? Shirin Ebadi: Ich hoffe, dass dieser Preis mir etwas die Angst nehmen wird. ZEIT.de: Glauben Sie, dass dieser Nobelpreis die Haltung der konservativen Kräfte im Iran noch unerbittlicher werden lässt? Ebadi: Ich hoffe, dass dies nicht der Fall ist, aber die ersten Reaktionen der Konservativen waren ablehnend. Sie haben gesagt, es ist ein Preis der vom Westen verliehen wurde und haben mich als Kapitalistin und Handlangerin des Westens bezeichnet. ZEIT.de: Sie wurden auch als Frau und Muslimin ausgezeichnet. Vor 25 Jahren haben die Frauen die Islamische Revolution unterstützt, heute sind sie an der Spitze der demokratischen Bewegung. Wie erklären Sie sich das? Ebadi: Sie dürfen nicht vergessen, dass bereits die erste Revolution die Demokratie bringen sollte. Die Frauen haben also folglich immer die Demokratie im Iran verteidigt. Heute sind 63% der Studenten Frauen, also zwei-drittel der jungen Leute mit Hochschulabschluss dieses Landes werden Frauen sein. Diese Frauen werden das Tor zur Demokratie und den Menschenrechten aufstoßen. ZEIT.de: Sie sind Mitglied in einer laizistischen Partei und haben jetzt de facto ein größeres politisches Gewicht bekommen. Haben Sie vor, die Führung einer Partei zu übernehmen? Ebadi: Ich werde nie in die Politik gehen, weil wer immer sich für Menschenrechte einsetzt, per se nicht auf der Seite der Regierung steht. Die Menschenrechte stellen eine Gegengewalt dar. ZEIT.de: Welche Staatsform wünschen Sie sich? Einen islamistischen Staat, der auf demokratischen Institutionen fußt oder einen laizistischen? Ebadi: Ich bin für eine Regierungsform, die von dem iranischen Volk gewählt wird. Wenn die Iraner ein laizistisches Land, mit Trennung von Staat und Religion wollen, bin ich damit einverstanden; wenn die Iraner eine islamische Republik mit demokratischen Institutionen wollen, dann bin ich auch damit einverstanden. ZEIT.de: Ist für Sie dieser Preis nicht auch eine Botschaft an den Westen, Islam und Demokratie als nicht unvereinbar miteinander zu betrachten? Ebadi: Ich arbeite seit zwanzig Jahren daran, zu zeigen, dass der Islam nicht gegen die Menschenrechte ist. Es reicht schon, den Islam auf eine andere, modernere Weise zu interpretieren. In diesem Sinne ist es eine Botschaft an die westlichen Mächte, die zeigt, dass man Muslim sein kann und gleichzeitig ein Verteidiger der Menschenrechte. Das Gespräch führte Alain-Xavier Wurst