Tanjuschka war aus St. Petersburg gekommen, perfekt geschminkt, mit zart modellierten Schläfenlöckchen. Sie trug existenzielles Schwarz, Hose mit Schlag, Bluse mit Spitzen, hochhackig die Schuhe. Vor der Abfahrt in die Provinz musste sie eine rauchen und dann noch eine. Die Provinz, man hörte die urbane Verachtung heraus. Als der japanischstämmige Minivan sich schließlich in Richtung Uralgebirge in Bewegung setzte, stand der Frühmorgenvollmond über dem Lenin-Monument am Platz der Revolution, und wir verließen Tscheljabinsk, das zu verlassen nie ein Fehler ist, um uns auf die Suche nach einem Mythos zu machen.

"Die was? Russische Seele?"

Im Lächeln des Fahrers fand der Spott seine Fortsetzung. Gewiss, die "russische Seele" ist ein Relikt des romantischen 19. Jahrhunderts, eine diffuse Vermutung, und vielleicht, nein sicher ist das mit der Seele mittlerweile sogar ein Klischee, und bestimmt ein sehr deutsches.

Im Kloster an der Petrowkastraße in Moskau, im Departement für religiöse Bildung und Katechismus des Patriarchiats, hatte vor Tagen der schöne, junge und gescheite Prior Daniil diagnostiziert, die russische Seele sei krank, entstellt, heillos, das gebrochene Volk, die Russen, auf der Suche nach einer, nach ihrer Identität im globalen Kapitalismus, die Regierung habe das erkannt, habe erkannt, dass es nach dem Herztod der kommunistischen Utopie eine neue Idee geben müsse, das Volk zu einen, weswegen die Politiker und die Russen in die Vergangenheit stiegen, in die Tiefe der Geistigkeit, die nie verloren gegangen sei, denn wer die Vergangenheit nicht verstehe, habe keine Zukunft. So der Prior Daniil.

Natürlich kommt die Provinz schneller als gedacht, weil der Zufall eine Abzweigung mit sich bringt, die, sich zu einer Straße verschlankend, am See entlangführt, an einer mit Minarett versehenen Kirche vorbei, den schief steckenden Stromleitungspfählen folgend. "Von der russischen Seele", sagt der Fahrer, biegt erneut ab und beginnt, wenig erfreut, ab sofort Schlaglöchern und Kratern auszuweichen, "ist nicht mehr viel geblieben." Wenn nicht mehr viel geblieben ist, muss etwas da gewesen sein, etwas, das nach der Umwertung fast aller Werte vielleicht allmählich zurückkehrt. "Auf dem Land wird nur noch gesoffen", sagt der Fahrer, und Tanjuschka übersetzt engagiert, weil sie die weitere Fahrt über die Dörfer zu verhindern trachtet. Tanjuschka ist 23, studiert Ballett und Choreografie, kennt das Leben aus der Kunst und der Literatur und beschäftigt sich sehr mit der Frage, warum man mit Anfang 20 ohne Ehemann und Kinder als Jungfer verpönt und eine Frau über 25 in Russland eine Alte sei. Moskau, St. Petersburg, sagt Tanjuschka mit Gouvernantenstrenge, das Land mache Fortschritte. Natürlich tut es das, aber Russland beginnt dort, wo der Asphalt aufhört und sich mit hochhackigen Schuhen schlecht gehen lässt.

1. Bruce, Sascha, die Angst und das Nichts