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Kleine Erkundung der russischen Seele

Über Elend und Hoffnung, Musik, Liebe, Suff, die Rückkehr zum Glauben und die Sehnsucht nach dem Zaren

Tanjuschka war aus St. Petersburg gekommen, perfekt geschminkt, mit zart modellierten Schläfenlöckchen. Sie trug existenzielles Schwarz, Hose mit Schlag, Bluse mit Spitzen, hochhackig die Schuhe. Vor der Abfahrt in die Provinz musste sie eine rauchen und dann noch eine. Die Provinz, man hörte die urbane Verachtung heraus. Als der japanischstämmige Minivan sich schließlich in Richtung Uralgebirge in Bewegung setzte, stand der Frühmorgenvollmond über dem Lenin-Monument am Platz der Revolution, und wir verließen Tscheljabinsk, das zu verlassen nie ein Fehler ist, um uns auf die Suche nach einem Mythos zu machen.

"Die was? Russische Seele?"

Im Lächeln des Fahrers fand der Spott seine Fortsetzung. Gewiss, die "russische Seele" ist ein Relikt des romantischen 19. Jahrhunderts, eine diffuse Vermutung, und vielleicht, nein sicher ist das mit der Seele mittlerweile sogar ein Klischee, und bestimmt ein sehr deutsches.

Im Kloster an der Petrowkastraße in Moskau, im Departement für religiöse Bildung und Katechismus des Patriarchiats, hatte vor Tagen der schöne, junge und gescheite Prior Daniil diagnostiziert, die russische Seele sei krank, entstellt, heillos, das gebrochene Volk, die Russen, auf der Suche nach einer, nach ihrer Identität im globalen Kapitalismus, die Regierung habe das erkannt, habe erkannt, dass es nach dem Herztod der kommunistischen Utopie eine neue Idee geben müsse, das Volk zu einen, weswegen die Politiker und die Russen in die Vergangenheit stiegen, in die Tiefe der Geistigkeit, die nie verloren gegangen sei, denn wer die Vergangenheit nicht verstehe, habe keine Zukunft. So der Prior Daniil.

Natürlich kommt die Provinz schneller als gedacht, weil der Zufall eine Abzweigung mit sich bringt, die, sich zu einer Straße verschlankend, am See entlangführt, an einer mit Minarett versehenen Kirche vorbei, den schief steckenden Stromleitungspfählen folgend. "Von der russischen Seele", sagt der Fahrer, biegt erneut ab und beginnt, wenig erfreut, ab sofort Schlaglöchern und Kratern auszuweichen, "ist nicht mehr viel geblieben." Wenn nicht mehr viel geblieben ist, muss etwas da gewesen sein, etwas, das nach der Umwertung fast aller Werte vielleicht allmählich zurückkehrt. "Auf dem Land wird nur noch gesoffen", sagt der Fahrer, und Tanjuschka übersetzt engagiert, weil sie die weitere Fahrt über die Dörfer zu verhindern trachtet. Tanjuschka ist 23, studiert Ballett und Choreografie, kennt das Leben aus der Kunst und der Literatur und beschäftigt sich sehr mit der Frage, warum man mit Anfang 20 ohne Ehemann und Kinder als Jungfer verpönt und eine Frau über 25 in Russland eine Alte sei. Moskau, St. Petersburg, sagt Tanjuschka mit Gouvernantenstrenge, das Land mache Fortschritte. Natürlich tut es das, aber Russland beginnt dort, wo der Asphalt aufhört und sich mit hochhackigen Schuhen schlecht gehen lässt.

1. Bruce, Sascha, die Angst und das Nichts

In dem Moment, da irgendeiner der grundlos empörten Hähne kräht, ein leer laufender Hyundai die Stille zerreißt und Bruce auf die Straße rennt, tritt rein zufällig Fjodor Abitow in verdreckter, zerlöcherter Hose aus dem von Wellblech eingerahmten Vorgarten hervor und will wissen, wie es sein kann, dass es Fremde mit solchen Schuhen ins Dorf Priozernja verschlägt, das, wie alle anderen russischen Dörfer, zum Sterben verurteilt ist, so wie die Familien zum Sterben verurteilt sind, weil ein Leben, wie sie es hier führen, keinen Sinn macht. "Gestern ist im See ein Mensch ertrunken", erzählt Fjodor ohne jede Vorsicht. "Die Taucher wollen 2000 Rubel, damit sie ihn rausholen." Jetzt wartet das Dorf, bis die Leiche auftreibt. 2000 Rubel, 60 Euro. Ein Vermögen! "Ein Vermögen!", bestätigt Tanjuschka, den Schuh vom Schlamm befreiend, und Fjodor nickt. Ein paar Sätze mehr, schnell wachsende Vertrautheit, und nach zehn Minuten weist seine Hand den Weg ins Haus, wo die kohlzupfende Ludmilla die Gast gewordenen Seelensucher begrüßt. Bruce, der Wirbelwind, pest durch die Küche, woraufhin die 13-jährige Anastasia mit kurzem Jeansrock, nacktem Bein und gelben Plateauschuhen verschlafen aus ihrem Zimmer schlurft.

"Was willst du einmal werden, Nastassja, sag es dem Mann ..."

Das Mädchen dreht den Kopf und versteckt sich hinter der Mama, was nicht wirklich schwierig ist.

"Sie soll mal Jura studieren, aber sie will Ärztin werden ..."

Die Mama lächelt zwei Goldzähne frei. Ein Satz, in dem die Worte Jura und Arzt vorkommen, macht sie stolz, weswegen sie ihn wiederholt, leiser. Nach einer kurzen Pause aber, ohne ihren schönen Satz zu genießen, spricht sie weiter, als gebe es keinen Stolz auf irgendwas, als gebe es keinen Grund für schöne Sätze. Wer kein Geld und keine Beziehungen habe, Ludmillas Lächeln friert ein, der komme zu gar nichts im heutigen Russland. "Wir nennen die Demokratie Scheißokratie", sagt Fjodor. Keiner lacht oder lächelt. Der Kühlschrank hoppelt auf der Stelle. Ludmilla will ein Hühnchen schlachten. Heute ist zwar Samstag, aber für die Fremden will sie trotzdem ein Hühnchen schlachten. Hühnchen ist wie ein Weihnachtsessen. Ein-, zweimal im Jahr leistet man sich ein Hühnchen aus dem Stall. Seit zehn Jahren hat Fjodor kein Gehalt bekommen, man schreibt auf, was er kriegen soll, und bezahlt wird dann mit Brot, oder auch nicht, denn meistens gibt es kein Brot, nur einen guten Willen, aber welcher Wille ist schon gut, wenn jeder gegen jeden kämpft? Manchmal zimmert Fjodor oder fährt Metalle von hier nach dort oder ackert im Wald als Aushilfsförster, jeder macht das so, und die Abitows haben neuerdings drei Schweine und Kartoffeln, Karotten und Kohl, das sowieso. "Wir leben, um zu überleben", sagt Fjodor. "Leben ist das nicht", sagt Ludmilla. 80 Rubel Kindergeld erhalten sie vom Staat. 400 Rubel für fünf Kinder. 14 Euro im Monat. Neue Sandalen kosten 320 Rubel. Entweder Essen für alle oder Sandalen für eines der Kinder. "Ich kenne Nachbarn, die essen dasselbe wie ihre Hühner", sagt Ludmilla. Kürzlich war Fjodor ganz ohne Arbeit, die Abitows dachten an den Tod. Doch plötzlich keimte Hoffnung, denn Ludmilla entdeckte in der Zeitung einen Fragebogen der Partei Einiges Russland. Froh war sie, denn Politiker wollen schließlich helfen, und da baten die Abitows um mehr Tiere. Da haben die von der Partei angerufen und gefragt, wozu?, und dann haben die von der Partei es vergessen.

Statt Hilfe kommt die Mafia, die Strukturen reichen bis nach Priozernja, ab und an fahren die großen Typen in den dunklen Autos vorbei, und sie erinnern Fjodor an die "schwarzen Raben", die Wagen von Stalins Geheimpolizei, obwohl das eine andere Zeit war und doch auch wieder nicht, sie haben ja nur die Etiketten gewechselt, sagt Fjodor, früher stand Kommunismus drauf, heute Kapitalismus, und die Polizei, schiebt er nach, mache für Geld alles, die halten die Autos an, ein verdrecktes Nummerschild reicht, und dann kostet es bis zu 200 Dollar. Dollar? Ja, Dollar. "Schmiergeldkultur", nennt Fjodor die kapitalistische Demokratie. "Verbrecher sind sie alle."

Verbrecher. Verräter. Nie fällt sein Name direkt. Immer steht er im Hintergrund: der Präsident. Ludmilla: "Um heute in Russland überleben zu können, braucht man Beziehungen oder muss kriminell sein." Die Abitows leben. Beziehungen haben sie keine. Russland ist eine Korruptionshölle. Betrug scheint zum Wert an sich geworden zu sein. Niemand tut was dagegen. Verräter. Verbrecher. Und Putin interessiere das einen Kehricht. Der lasse Anschläge organisieren und Theater stürmen, um es den Tschetschenen in die Schuhe zu schieben, nein, bescheidet Fjodor, kein Zweifel möglich, keine Verschwörungsfantasie.

Das Naturrecht ist zurückgekehrt. Das Recht des Stärkeren und Süchtigeren. Die Leute trinken tags und nachts. Man trinkt, was brennt. Wodka, reinen Alkohol, Eau de Cologne, Haut- und Gesichtsreinigungsessenzen, Nagellackentferner, 50 : 50 mit Wasser verdünnt, das ist billiger. Früher hat Ludmilla Wodka gebrannt, um die Familie zu ernähren, das war nicht erlaubt, aber sie bekam 15 Rubel pro Flasche. Dann bekam sie Bruce und musste sich nachts ausruhen, und jemand anders brannte Wodka und versorgte die Männer im Dorf. Tanjuschka muss eine rauchen, die Provinz setzt zu. Die Abitows schlafen auf ausgezogenen Liegesofas. Bettlaken hat niemand. Die Polster sind verratzt. Bruce hat ein Mickey-Mouse-Kopfkissen. Trostlosigkeit ist das Gefühl, dass nichts mehr kommt. Es kommt nichts mehr. Im Haus steht die Stille. Alle Uhren gehen falsch. Aber sie gehen. Bald wird es Abend. Der Hahn kräht. Draußen streunen ein paar apathische Hunde. Ladas und Wolgas und Nissans ruckeln durch die Schlaglöcher vor- und seitwärts, und Bruce rast mit dem Fahrrad auf und ab.

Wer in Priorzernja die russische Seele sucht, wird eine gedemütigte, verzweifelte, sehnsüchtige finden. Früher, da war Kommunismus, und das war ein Segen fürs einfache Volk. "Wir sind das einfache Volk", sagt Fjodor. Früher gab es Wohnung, Schule, Studium. Alles umsonst. Da blühten Wissenschaft und Medizin. Da kannte man keine Drogen und wusste nichts von Mord auf Bestellung. Breschnjew ist der Held des einfachen Volkes, Gorbatschow der große Verbrecher. Nach der Perestrojka sei alles niedergegangen. Wer einen kleinen Garten in die "Scheißokratie" retten konnte, durfte von Glück reden. Die anderen saufen. Vor der Volkskantine, die Straße runter, gegenüber der Betonruine mit schwarzen Grafittiherzen, sitzen Wladimir Iwanowitsch und drei seiner Kumpels in dunkelblauen und türkisfarbenen Trainingsanzügen. Das einfache Volk trägt gern Trainingsanzüge, Nike-Imitate. Wie alt Wladimir ist, weiß er nicht. Er ist zu besoffen, um die Frage zu verstehen. Die Kumpels sind 18 und 25 und lernen Metallarbeiter, ihre Kumpeline ist 16 und hat ein blaues Auge. Es ist zwölf Uhr, und Wladimirs Freunde sind genauso blau. Morgens sitzen sie auf der Bank an der Straße und saufen. Mittags, nachdem sie eine Krautsuppe gegessen haben, sitzen sie vor der alten Volkskantine und saufen. Abends sind sie "flanieren", danach sitzen sie auf den Treppen des Supermarkts und saufen. Dann schlagen sie sich. Danach saufen sie. Im Dorf gibt es einen Club. Der Club ist zu. Die neue Musikanlage wurde gestohlen. "Das Stehlen ist das größte Problem in Russland", sagt ein athletischer Typ im Namen hoher Vernunft. Die anderen begrüßen ihn männlich. Eine Hand aus Stahl. Kurzer Blick. Wegsehen. Zupacken. Loslassen. Nicht mehr anblicken. "Russland ist unbesiegbar", sagt er. Er sagt es nochmals. Kurzes Schweigen. "Wie alt schätzt du mich?" - "27." - "Warum 27?" - "Du siehst reif aus." - "Das Leben hat mich reif gemacht." Eine Ziege meckert, Wolken huschen fort im Westwind, und ein Karren holpert vorbei, beladen mit einer bekopftuchten Babuschka, deren zahnloser Alter seitwärts auf dem Esel sitzt.

"Sascha", sagt er, nickt kurz, steckt sich eine Kent von Tanjuschka an und raucht in James-Dean-Pose. Er trägt eine dunkelblaue Trainingshose und einen Hugo-Boss-Blouson. 21 ist er, und er hat gesehen, wie sie seinem Kameraden den Kopf abgeschlagen haben. 77 Elite-Fallschirmspringer sind nach Tschetschenien rein. Nach den sechs Pflichtmonaten kamen 27 zurück. Der Präsident hat ihm einen Orden verliehen. Putin ist okay. Sascha ist ein Held Russlands. Seine Coolness ist der Kokon einer zerbrochenen Seele. Jeden Tag die Angst, jede Nacht. Seinen 19. Geburtstag haben sie in Tschetschenien auf einem Hügel gefeiert, 2250 Meter. Sascha schwärmt von der schönen Natur, der Weite, dem Licht. Er saugt an der Kippe. "Entweder du bringst sie um, oder sie bringen dich um." Mehr sagt er nicht. Er wirkt wie einer, der erzählen will und nicht kann. In manchen Momenten scheint es, als suche er Liebe. Seine Frau ist 17. Sie kannten sich zwei Tage, dann haben sie geheiratet. Sein Sohn ist zwei Monate alt. Gerade hat er seine Frau verlassen. Ihre furchtbare Eifersucht, obwohl er sich für schüchtern hält. Sascha arbeitet in Tscheljabinsk und bewacht ein Handelszentrum. Tscheljabinsk ist zweiter Sieger. Mehr Gewalt gibt es nur in Moskau. Viele Tschetschenienheimkehrer arbeiten im Security-Business. Sie können mit der Waffe umgehen. Der Krieg verlässt einen nicht mehr. Das Verhängnis der Bilder. Das Misstrauen. Das Zusammenzucken bei schnellen Bewegungen.

Sascha will ein totes Dorf zeigen, drei Kilometer entfernt. In diesem Dorf leben die, die untergegangen sind. Vor fünf Jahren wurde hier seine große Liebe erschossen. Leise fluchend kämpft der Fahrer den Minivan durch halb getrockneten Schlamm, und niemandem entgeht, dass Tanjuschkas Rücken schmerzt. Im Brackwasser machen Schwäne Männchen, und Gänse schnattern im Spalier. Das Dorf hat keinen Namen. Es heißt Dorf. Es ist totgesoffen. Früher war hier ein beliebter Club. Der Club ist abgebrannt. "Sind alle Deutschen Faschisten?", fragt Sascha. Rauch zieht übers Land. "In der Provinz brennt es immer irgendwo", bemerkt Tanjuschka kenntnisreich und zieht an der Kent. Da ist Olga. Sascha kennt sie. Olga nähert sich sehr vorsichtig. Drei Männer sitzen auf dem Traktor vorm Haus und rauchen. Ihr Vater, ihr Bruder, ihr Mann. Olga ist 19. Ihr Nasenbein ist blau und geschwollen, und am linken Auge blüht ein Bluterguss. Jede Frage bringt sie in Verlegenheit, deswegen hört man bald zu fragen auf. Olga antwortet leise, nein, ja, nein. Die Männer saufen, und dann schlagen sie ihre Frauen, um am nächsten Tag vor ihnen auf die Knie zu fallen und sie wieder zu schlagen, weil eine vergebende Frau zu stark wird. "Mir geht es gut", sagt Olga. Und die anderen, was machen die? "Rumtreiben. Und saufen." Vor der Volkskantine von Priozernja steigt Sascha plötzlich aus dem Minivan, rasch geht das, ohne Sentimentalität, ohne ein Pathos des Abschieds. Wehmütig sieht Tanjuschka ihn an. Er nuschelt: "Vergesst uns nicht", sagt "uns" und meint "mich", dreht sich um und geht fort, ohne sich noch einmal umzuschauen.

Ohne Kinder hätten sich die Arbitows längst aufgehängt. Mit Kindern darben sie. Die Kinder sind ihr Schicksal. Sie sind ihrem Schicksal ergeben. Ludmilla blickt auf den Boden. Nah an den Tränen. "Wenn ich die Chance hätte, würde ich als Sklavin nach Deutschland gehen", sagt sie. Die Erniedrigung des Menschen durch das Leben, das ist der Alltag auf dem sterbenden Dorf. Alles kaputtgesoffen. "Wir werden langsam zu Sklaven", sagt Fjodor. "Nein, zu Müll", sagt die Nachbarin, deren Rente für nur ein Medikament reicht. "Entweder man säuft sich tot ..." Oder?

Bruce soll einmal in Deutschland studieren. Träumen ist doch nichts Schlimmes, oder? "So leben wir", sagt Fjodor, " ... wenn man das Leben nennen kann", sagt Ludmilla. Dann holt sie eine gerahmte Fließbandikone. "Das ist unser Gott. Ohne unseren Gott könnte ich nicht weiterleben." Der Glaube sei das Wichtigste, er sei das Fundament der russischen Seele, wenn das mit der Seele nicht nur ein Quatsch ist. "Man hat uns erzogen in der Überzeugung, es gebe keinen Gott. Jetzt dürfen wir wieder an ihn glauben." Sie bittet um die Adresse der neuen Freunde, nimmt den Zettel mit der deutschen Adresse, sieht zu Bruce und seinem Schwert hinüber und holt zum Abschied aus der Tiefe eines Spanplattenverschlags zwei große Gläser mit eingelegten Früchten. Irgendwie ist es ein Tausch: eingelegte Früchte gegen Rührung. Ein Moment erhandelter menschlicher Wärme. Nah an den Tränen. In diesem Moment ist Wärme wichtiger als jeder Rubel, Wärme, die Hoffnung gibt, das Nichts irgendwann zu überwinden, dem Warten auf den Tod ein Schnäppchen zu schlagen, mit Bruce und mit Christus.

2. Tränen, Gott und Richard Wagner

An jenem Abend hält fast jede sichtbare junge Frau in Tscheljabinsk eine Dose oder eine Plastikflasche Bier in der Hand, und fast jeder junge Mann tut es prinzipiell, das ist normal, es ist doch Wochenende. Man wird die figurbetonte Stadt-Jeunesse mindestens um Chic bemüht nennen können. Die Mädchen tragen und zelebrieren eng anliegende Jeans, schwarze Kunstlederjacken, Miniröcke und beigefarbene Lederstiefel, schwarze Stilettos, bunte Blusen, Pferdeschwanz und Pony, und die Jungs, die gern durch die Zähne ausspucken, lieben ausrasierte Nacken, kahle Köpfe und glänzende Sportanzüge. Wer in den überfüllten Trambahnen sitzt, weicht allen Blicken aus, stiert durchs beschlagene Fenster oder auf den Rücken des Vordermanns, wenige lesen Zeitung, einer löst Kreuzworträtsel, keiner spricht oder lacht, und auf den Straßen taxieren die Frauen kurz und erprobt vor allem ihresgleichen auf vermeintlich größere Attraktivität. Tanjuschkas metropolitane Erkenntnis ist jene, dass in der Provinz die Frauen in erster Linie an Sex interessiert seien, was, wie sie dann doch anfügt, in St. Petersburg ja nicht anders sei. Es bedarf nicht einmal des Regens, um Tscheljabinsk depressiv zu finden. Bunt sind allein die Lichter der Ampeln, die um alte Holzlaternen gegürtet sind, an denen auch die Stromkabel schaukeln. Tscheljabinsk ist das schönheitsfeindliche Zentrum der russischen Schwermetallindustrie. Im Krieg wurde hier der Großteil der sowjetischen Panzerproduktion geleistet, und natürlich gab es hier viele Helden der Arbeit, die Messingtafeln und Statuen sind pedantisch gepflegt.

Die Luft ist kalt, man schmeckt den abziehenden Smog des Tages. Am Ende wird Pater Alexander weinen, wenn er von der Schönheit der deutschen Musik spricht, am Ende einer Begegnung, die ihm die Hoffnung schenkt, dass der Westen den Osten nicht vergesse, dass Russland nicht verloren gehe, am Ende eines Privatissimums über Leid und Erlösung, Transzendenz und Tristesse. Zwei Stunden vorher hatte ein zweistimmiger Chor russisch-orthodoxe Gesänge intoniert und Väterchen Alexander die Freitagabendmesse in seiner Dreieinigkeitskirche mit dem Segen beendet. Frauen in Kopftüchern und Männer hatten sich am Altar vor der Ikone des Tages verneigt, schlanke Honigkerzen angezündet, die Ikone geküsst, sich vorm Kerzenständer verneigt, sich, den Kopf verbeugend, dreimal bekreuzigt, den Oberkörper gebeugt, die Taille befasst, sich dreimal bekreuzigt, hatten, in die Knie gehend, den Boden berührt und sich dreimal bekreuzigt. Und als eine junge Frau ihr Väterchen hatte gehen sehen, war sie zu ihm geeilt, hatte geknickst und ehrerbietig seine Hand geküsst, und da hatte man gesehen, dass sie einen Minirock trug und schwarze Lederstiefel. Demütig hatte sie sich schließlich vor der Ikone am Kirchenpfeiler verneigt, sich ebenso dreimal bekreuzigt, wie es weiter vorn jetzt ein Mann mit schwarzer Aktentasche tut, der den Ikonenschrein küsst, die Ikone hinter Glas, die Altar-Ikone, bevor er sich erneut verneigt am Bildnis der Großfürstin Olga, im Verein mit drei Babuschkas.

Von den Babuschkas sagt man, sie hätten zwei Möglichkeiten: Kommunismus oder Kirche. Ist das nun die Freiheit? Ist es Freiheit, dass die Dorfjugend, um überleben zu können, wählen kann zwischen Militär und Kloster? Das Kloster ist ihre Rettung. Ob sie glauben oder nicht. In zwölf Jahren haben sich die Priesterseminare verzehnfacht. Die Zahl der Gemeinden und Priester hat sich seit 1987 verdreifacht, und freudig spricht Vater Alexander von 90 Prozent der Jugendlichen, die ein positives Verhältnis zum russisch-orthodoxen Glauben hätten, und von 70 Prozent der Russen, die sich mittlerweile haben taufen lassen. Da wagt man zu vermuten, dass, wenn der Pater das dostojewskijsche Wort erlaube, die russische Seele untrennbar an den Glauben gebunden sei. "Die russische Seele ist der Glaube", sagt Pater Alexander. Und die Seele sei krank, wie die Gesellschaft krank sei, irrlichternd, allein, doch der Glaube habe begonnen, sich selbst zu heilen. Der Pater hat große Zähne, einen langen weißen Vollbart, zum orthodoxen Priesterzopf gebundene grauweiße Haare und ein weiches, über alle diesseitigen Widrigkeiten erhabenes Lächeln. "Eine Studie hat kürzlich ans Licht gebracht, dass seit der Revolution im Jahre 1917 500 000 Priester umgebracht wurden." Wie viele Gläubige umkamen, wissen nicht einmal die Forscher. Vor der Revolution gab es in Tscheljabinsk, das übersetzt "Teufelsgraben" heißt, zwei Klöster und 18 Kirchen. Als der Kommunismus fiel, gab es in der Stadt nur eine Kirche. Jetzt werden im ganzen Land Kirchen und Kapellen wiedererrichtet oder neu gebaut, in Tscheljabinsk bis heute acht. Während des Staatsatheismus waren in den nichtzerstörten Gotteshäusern Ställe, Duschräume oder Verwaltungsbüros untergebracht. Trotz all dem bleibt Väterchen Alexanders größte Sorge, dass die Russen den falschen Weg des westlichen Katholizismus übernähmen, die Institutionengläubigkeit, denn der wahre Glaube sei jener an die Vergöttlichung jedes Menschen, an die Selbstverantwortung vor Gott, was die Orthodoxie zu einer Lebensart, einer Weltanschauung macht. Die verhärteten Machtstrukturen der orthodoxen Kirche, ihre Bereicherungsmentalität, die Nähe zur gottgegebenen Monarchie, der keineswegs unbedeutende Rechtsradikalismus im niederen Klerus, trinkende Priester, die bislang erfolglose Suche nach einer die Selbstverwandlung Russlands begleitenden Sozialethik im womöglich unsozialen Kapitalismus kommt nicht zur Sprache, auch nicht der Reichtum der "Neuen Russen", die Großstadtkälte, die Millionen Straßenkinder. Es steht zu vermuten, dass Pater Alexander all dies mit derselben tüchtigen Empörung verurteilen würde, wie er es bei jenen Leuten tut, die Kriege anzettelten, denn Kriege, sagt der Pater, ohne Urheber beim Namen zu nennen, gebe es wegen denen, die bei einer Tasse Tee am Tisch von Gott reden. Man meint die Anspielung zu verstehen und hat sogleich jene Fotos im Kopf, die den Präsidenten in inniger Umarmung mit dem Patriarchen Alexej II. zeigen.

An jenem Abend also kommen ohne Unterlass die Gläubigen in die Dreieinigkeitskirche, bringen von draußen die feuchte Kälte des Abendnebels mit, bekreuzigen sich mit verblüffender Inbrunst, während der Chor mystische Lieder probt und Pater Alexander, nach allerlei Gegenfragen, die würdevolle Schwere seines Amtes fallen lässt, die Hand des Gastes in der Schale seiner Hände verschwinden lässt und von Gedichten erzählt, die er geschrieben hat, Tausende wohl, Poesie der Hoffnung. Und er beginnt zu schwärmen, von Mozart und Händel und Bach, und er sagt: "Ich liebe Wagner." Die Russen, sein Volk, sein Schmerz, die Russen liebten deutsche Musik, die romantische Stimmung und Verzückung, und manchmal sei Wagner nur im Stehen zu ertragen, weil er so herrlich deutsch sei, mit dieser Hingabe, dieser Leidenschaft, die kein bisschen weniger sei als das, was man mit der russischen Seele meine.

3. Schuld, Sühne und die Rückkehr des Zaren

Die Menschen gehen seit 1990 nicht etwa wieder in die Kirche, weil es auf einmal eine Lizenz zur Glaubensfreiheit gab, sondern weil sie sich nach der Selbstabschaffung des atheistischen Staates vor allem unsicher fühlten, weil alles aggressiver, schneller, unvorhersehbarer, unheimlicher, kurzum in jeder Hinsicht anarchischer wurde. Während sie in den vergangenen zwölf Jahren im dunklen Bauch der neuen Ideologie aus demokratischem Kapitalismus und ungefiltertem Nihilismus so etwas wie ein Licht, eine Orientierung suchten, fanden sie das orthodoxe Erbe und knüpften an die vorrevolutionäre Zeit und die Verschwisterung von Zaren- und Christentum an. Je mehr sie jetzt zur orthodoxen Weltanschauung zurückkehren, zu den Ritualen, der Beichte, der Hoffnung, dem Universalen, desto mehr scheint es, als kehrten sie auch zurück zur Verehrung des Zaren selbst, was keine Vermutung, vielmehr Fakt ist, den der feinsinnige Peter Straschnikow von der Regionalverwaltung der bis vor 13 Jahren geschlossenen Industrie- und Militärstadt Jekaterinburg gut und gern einen ganzen Abend, im Mindesten einige Stunden und das jedenfalls in aller Gemütlichkeit erörtern möchte.

Am trägen Fluss Iset thront, in güldner Pracht, ein weißer Neubau, der kein Bau allein ist, vielmehr eine Verheißung. Und am Treppenaufgang zum Vorplatz thront der wiederauferstandene Zar Nikolaus II. samt Familie in glanzvoller Bronze. Und in der imposanten "Kathedrale auf Blut" thront, aus handgeschnittenem Marmor, die größte Ikonostase Russlands über Weihrauch schwenkenden Messdienern, pferdeschwänzigen Jungpriestern und Gläubigen, die ergriffen sind und voller Demut. Titangedeckt die Kuppeln, das Haus aus Uralstein und Granit. Planungszeit zehn, Bauzeit zwei Jahre. 328 Millionen Rubel, Stiftungsgeld, Sponsorengeld, Gönnergeld. Vor dem Gebäude ein Gedenkstein mit Inschrift:

In der Nacht zum 17. Juli 1918 wurden hier der Zar Nikolaus II., Zarin Alexandra, der 14-jährige Nachfolger Alexej und die Großfürstinnen Olga, Tatjana, Maria, Anastasia und ihre treuen Diener ermordet. Sie lebten für Russland und für ihre Liebe zu Russland.

20 Meter seitwärts ein Stahlkreuz: Stell dich, Russland, auf die Knie vor dem Zarenkreuz!

Die Kathedrale auf Blut ist Russlands Stein gewordene Sühne, das monumentale Eingeständnis einer historischen Schuld in postsozialistischer Herrlichkeit. Das Blut ist das in diesen Boden gesickerte der Zarenfamilie: Just hier wurde der letzte Romanow samt Anhang von einem Bolschewistenkommando erschossen, bevor die zerstückelten Leichen 200 Kilometer südlich in einen Graben geworfen wurden, wo man die Reste vor Jahren exhumiert und an ebenjener Stelle, mitten im Wald, eine hölzerne Basilika errichtet hat, die hölzerne Abbitte sozusagen. Gesegnet wurde Jekaterinburgs Kathedrale auf Blut am 16. Juli dieses Jahres von den Mitgliedern des Heiligen Bischöflichen Synods, dessen Vollversammlung den Zaren Nikolaus II. auch heilig gesprochen hat. Den Segen des Volkes erhält das transzendente Mahnmal täglich.

Das kunst-, literatur- und gottvernarrte Russland sei immer ein geistiges Land gewesen, sagt Straschnikow, in dessen Büro der Deoroller "Fa for men" steht, ein Gitarrenkoffer und eine tragbare Hi-Fi-Anlage. Straschnikow, stellvertretender Kulturminister der 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt Jekaterinburg und der Region Swerdlowsk, die größer ist als Frankreich und Deutschland zusammen, ist von ungemeiner Herzlichkeit, legt seinen Gästen den Arm ins Kreuz und zeigt am unvermuteten Besuch eine bis zur Euphorie gehende Freude. Zart seine manikürten Fingernägel reibend, in gewisser Dankbarkeit, so etwas sagen zu dürfen, erzählt er, dass das Volk wieder die Anfänge seiner Kultur suche und man, das Kulturministerium, in diese Suche investiere. Mit aufgestocktem Haushalt und nostalgischer Sehnsucht nach Verklärung knüpft man an die vorsowjetische Vergangenheit an, reflektiert die Irrungen und Wirrungen des kommunistischen Heilsversprechens und hat die eigene Stadt, das kommunistische Swerdlowsk, zum Zeichen des rückwärtsgewandten Aufbruchs wieder in Jekaterinburg umbenannt. Dokumente werden gesichtet, verehrbare Persönlichkeiten gesucht, heimischen Literaten, Sängern, Schauspielern Denkmäler gesetzt, Tanzabende organisiert, Kulturhäuser auf dem Land renoviert, Bibliotheken aufgefüllt, und während der bedeutungsvollen, von den höchsten Ämtern beider Seiten initiierten deutsch-russischen Kulturtage im kommenden Jahr wird mit dem einstigen vaterländischen Feind die kulturelle Versöhnung gesucht. "72 Jahre gottloser Kommunismus haben es nicht geschafft, unsere Seele zu zerstören", sagt Peter Straschnikow, während er zwei Tafeln Luftschokolade bricht und der nur mehr schwach geschminkten Tanjuschka in vollendeter Manier einen Schwarztee einschenkt.

Spontan, weil man in neuen Zeiten nichts mehr plant, will er, da ihm die Frage nach der Seele für eine Ansicht zu groß erscheint, mit seinen Gästen ins Büro des Staatstheaterintendanten fahren, um bei einer weiteren Tasse Tee mit demselben und der 28-jährigen Philosophie studierenden Dramaturgin Natalja über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nachzusinnen. Im Regal des Intendanten zeigt ein gerahmtes Foto Wladimir Putin im Judoeinsatz, handsigniert für den Freund. Dämmerlicht. Abendrot. Auf dem Tisch: Tee, Mokka, Kekse, Bonbons.

Straschnikow: "Die Bedeutung der Kathedrale auf Blut für ganz Russland ist immens und zeigt, dass unsere Geistigkeit wiederkehrt."

Der Intendant: "In der Tat, es gibt eine Wiedergeburt der russischen Seele."

Die Dramaturgin: "Wahrhaft russisch ist doch das Überzeugtsein von etwas, ganz und gar. Die Russen geben ihr Herz für etwas hin, einen Glauben, einen Menschen, eine Hoffnung."

Der Intendant: "Das Heilige etwa, unter den Sowjets war das Heilige verschwunden, und ich finde es beglückend, dass sich die Jugend dem Heiligen jetzt wieder zuwendet."

Die Dramaturgin: "Und dem Theater, denn Theater ist der stärkste Ausdruck der russischen Seele. Alle Aufführungen sind ausverkauft. Auch wenn sie kaum Geld haben, die Leute gehen ins Theater."

Straschnikow: "Wir Russen leben eben immer im Traum, im Gestern und im Morgen, in der Erinnerung und in der Hoffnung."

Am nächsten Morgen liegt der erste Reif auf den gezüchteten Jungtannen der Steppe, und Tanjuschka kommt zum ersten Mal ungeschminkt.

4. Fehlende Zähne, Stalin und Fitsijas Ängste

Ziegelschornsteinleichen, doppelreihige Überlandrohre, Fabrikruinen, rostrote Kesselanlagen, Kleingeschäftemacher in Tarnanzügen, pastellfarbene Schaschlikbuden, honiggelbe Weizenfelder, willkürliche Polizeikontrollen, Pilze verkaufende Babuschkas sowie hastig pickende Krähen am Straßenrand, die Traurigkeit des verlassenen Landes, ein überfahrener Falke, dann beginnt die Steppe, das Land der schlanken Birken, der Seen, der Einsamkeit. Und auf einmal ist man in Tschabakul. 300 Einwohner. Ein typisches Dorf. Eine einzige Beschwörung der Vergangenheit. Häuschen mit feinem Schnitzwerk aus tiefdunklem Holz, die Dächer geschuppt, geschindelt mit Wellblech, an- und aufgesteckt die selbst gebastelten TV-Antennen. In den Hofeingängen sitzen, knien, kauern dunkelhaarige, mandeläugige Männer mit Ohrenhüten aus schwarzem Leder, als versteckten sie sich vor dem Leben. Gruß- und blicklos ein Junge mit schwingender Axt im Tarnanzug, und dann lacht, in die Stille des Mittwochvormittags und im Hinterhof des Elternhauses Sulejmanow die Federn dreier wilder Enten rupfend, Fitsija den Passanten einen schönen Morgen zu. Die Enten hat ihr Mann frühmorgens geschossen. Da zieht sie doch vor Tanjuschkas Augen die Därme heraus und wirft das schleimige Gebaumel in eine verrostete Schubkarre, bevor der nun erregte Hund zum Schnüffeln kommt. "Wilde Enten sind fettig, schmecken aber gut." Zucchini säumen den Boden und gerade ausgegrabene Kartoffeln, denn es ist Kartoffelernte. Hier ist Russland baschkirisch und tartarisch, die Männer und Frauen tragen muslimische Namen und kleiden ihre Wohnungen mit Teppichen aus, und jedes Dorf, oder jedes zweite, hat einen Mullah, und irgendwo gibt es immer eine Scheune, die sie Moschee nennen. "Stimmt es, dass es in Deutschland mehr Feier- als Arbeitstage gibt?", fragt Fitsija, und jetzt, im Moment einer süßen Scham, zeigen sich zwei Zahnlücken ganz deutlich. Geld für neue Zähne hat sie nicht. Geblieben sind ein paar aus altem Metall. Ach, früher ...

Da habe man einfach hingehen können. Da bekam man die Zähne gemacht. Kostenlos! Jetzt kostet die Füllung 600 Rubel. "Bei uns sind fast alle Frauen ohne Zähne." Fitsija war einmal die Sekretärin eines Direktors, sie ist 40, und Erik, ihr Mann, ist 40, und Farit, ihr Sohn, ist 16. Die zwei allzu lieben Wachhunde gähnen. Heute müsse man Angst haben in Russland, denn die Russen kommen, zum Angeln am See, der auch Tschabakul heißt. Die Russen seien böse, seit der Perestrojka, seit sich jeder, ohne die Gesetze des bürgerlich-freien Unternehmertums studiert zu haben, ans Geldverdienen machte. "Den Kommunismus", sagt Fitsija, die lackierte Nägel hat, "den wünsche ich mir so sehr zurück." Später wird ihr Vater Samsitdin sagen, Russland brauche jetzt einen Mann wie Stalin. Dann wird er seine Kartoffelnudelsuppe mit Lammfleischstückchen schlürfen und den Gästen Wodka nachschenken, und zu den Stalinschen Massenmorden, der Entmündigung und totalitaristischen Gängelung wird er sagen, das könne schon sein, davon habe er schon gehört, aber Russland brauche einen starken Mann, einen Mann wie Stalin, denn damals gab es keinen Diebstahl, keine Verbrechen. Bald sind Wahlen, Parlamentswahlen im Dezember, Präsidentschaftswahlen im März. "Wir gehen nicht wählen." Warum nicht? "Warum denn?" Verbrecher Putin mache nur, was Verbrecher Jelzin befehle. Über Demokratie hat Fitsija noch nicht nachgedacht. "Ich weiß nicht", sagt sie, "vielleicht wär's ja gut."

"Demokratie?" Ein Mann mit so viel Tschechowschem Fatalismus wie Tsajnulla Hibatowitsch Dajanow, der hinzukommende Nachbar, kann einen Gouverneur wie diesen Tarassow nicht gut finden. Tarassow ist ein Dummkopf. Der lässt überall Fontänen bauen und die Leute verrecken. Welcher Partei gehört Tarassow an? Weiß er nicht. Egal. Wozu auch. "Ich wähle immer die Kommunisten", sagt Tsajnulla, reißt, seine Metallzähne entblößend, die Augen unter der Riesenbrille auf, "mit den Kommunisten wurde ich geboren, mit den Kommunisten werde ich sterben." Tsajnulla ist 73 und war als Ingenieur eine Art Star der regionalen Kolchose, ein paar Kilometer in Richtung Norden, heute verkommen, leer, trostlos. Über 2000 Milchkühe einst, 480 Rubel Gehalt, 2200 Rubel Rente, Nierenoperationen umsonst, Lungenoperation umsonst. "Früher war es so schön", sagt Fitsija, "Gott hat Gorbatschow für alles bestraft, als er Raissa sterben ließ." Zaijnulla nickt. "Gorbatschow und Jelzin haben uns unser Russland geklaut", sagt er. Haben sie nicht Freiheit gebracht, Offenheit, das Angebot zur Selbstbestimmung? "Man hat Angst um sein Leben." Angst, wovor genau? "Jeder in Russland hat heute Angst, krank zu werden. Wer krank ist, stirbt." Egal. Gestern haben sie im Hof ein Schaf geschlachtet, da ist der abgetrennte Kopf. Sie legen ihn auf eine Bank, stecken den Gasbrenner an und verkohlen den Schafskopf, lustig lugt die weiße Zunge aus dem Maul hervor. Aus dem Kopf wird später Gulasch gemacht. Es stinkt nach verbranntem Fleisch.

Durchs Hoftor stapft, mit einer Tüte frischer Pilze, der muskelbepackte Erik, und gähnend kommt Farit aus dem Haus, er war bis halb fünf im "Steinhaus", in der Disco im Nachbardorf. "Saufen die jungen Leute in Deutschland auch?" Er lacht und reibt sich die Augen. "Wenn du kein Geld hast, kannst du dich nur hinlegen und sterben. So sterben hier die Leute", sagt Samsitdin und lädt zum Tee ins Haus, das sie, wie alle hier, vor 20 Jahren eigenhändig gebaut haben. Tanjuschka hat festes Schuhwerk an und trägt Weiß, ein Strickjäckchen. Laut lacht sie mit Fitsija. "Stimmt es", und Fitsija ist durchaus verlegen, "dass die Deutschen ihren Asphalt mit Shampoo waschen?" Aus dem Ghettoblaster in der Schrankwand dröhnt baschkirische Folklore, Oma Fajma liebt baschkirische Tänze und Gesänge. Sie lacht und klopft mit den Fingern den Takt an ihren Stuhl. Das Volk hört Volksmusik. Die Jugend hört Volksmusik, sie hört russischen Pop und russischen Rock und zurzeit besonders "Shanson", baritonreiche Songs ehemaliger Knastbrüder. Die Jugend steht auf Russland. Und wenn die Jugend fortwill, will sie nach Helsinki, nach Paris, vielleicht Spanien. Sie skateboarden. Sie tragen Baseballkappen. Tragen die Turnschuhe ungeschnürt. In die USA will keiner. Amerikanische Filme mögen sie nicht. Farit will keinen Cherokee oder so. Sein Traum ist ein deutsches Auto. Er ist in der Berufsschule, lernt Gabelstaplerfahrer und Transportmanager. Seit er zwölf ist, liebt er Mascha. "Die gefällt mir", sagt Fitsija. "Ach, stimmt es, dass die Deutschen so viel Vorräte im Keller haben, dass sie nicht arbeiten müssen?"

Noch lachen alle, doch plötzlich wird es ernst. Die Familie Sulejmanow braucht Geld. Fitsija und Erik wollen Farit das Leben retten. Nächstes Jahr muss er zum Militär, und wenn er dort durch die notorische Schikane seelisch nicht zerstört wird, dann muss er womöglich nach Tschetschenien und kommt gar nicht zurück oder als Wrack und hängt sich auf wie viele andere. In den Dörfern sind die meisten Leute zu arm, um ihre Söhne freizukaufen, deshalb sterben die Söhne der Dörfer, und also sterben die Dörfer. Fitsijas Schwester habe das erzählt, mit dem Freikaufen, 10 000 Rubel für den örtlichen Posten, 20 000 für die Militärverwaltung in der Stadt. Insgesamt 900 Euro für Farits unversehrte Seele. Aus dem Kartoffelsack kriecht eine kleine Spinne. "Oh!", schreit Fitsija. "Das heißt, es gibt Geld."

Es dämmert und kühlt ab. Die Verabschiedung von den Sulejmanows ist eine einstündige Prozedur. Der Abschied ist metaphysisch. Hände gibt man nicht. Stattdessen schickt Erik einen Gruß an Honecker mit auf den Weg. Opa Samsitdin sieht zu Boden. Er kämpft mit den Tränen. Tanjuschka raucht nicht mehr. Die Schwalben fliegen tief. In Mittel- und Südsibirien soll es regnen. In die seelenlose Nacht hinein sagt Fahrer Sergej, die Zukunft der Erde hänge von Russland ab, das habe er gelesen, das schreibe er in seinen Gedichten.

5. Der Schamane, die Liebe und der Flussgeist

Ein Schamane hat kein Handy. Einen Schamanen kann man nicht einfach anrufen. Ein Schamane will gefunden werden. Man muss sich auf den Weg zu ihm machen. Er kann zu Hause sein. Vielleicht ist er auch in den Bergen. Vielleicht jagt er und kommt erst in zwei Monaten zurück. Vielleicht ist er auch da, lässt sich aber nicht sprechen. Niemand kann das sagen. Nichts ist sicher. Nur eines: In der Region um Jemal, den geistigen Mittelpunkt des Universums, wie man über sich sagt, gibt es wieder einen jungen Schamanen, zu dem die Menschen in Massen pilgern, weil er die Zukunft vorhersagen, heilende Kräfte haben, Blutungen, Kopfschmerzen, Augenleiden stillen, Prellungen, Risse, Brüche heilen und Seelen mit dem Geist des Seins verknüpfen soll.

Tausende Schamanen haben die Kommunisten getötet, den Kult, die Rituale verboten, die Sehnsüchte unterdrückt. 1937 war das Schamanentum fast ausgerottet. Der Stamm der Todosch-Fürsten hat überlebt, genetisch zumindest, um in jenem Schamanen am vielschichtigen Prozess der Wiederbeseelung Russlands mitzuwirken, wie all jene, die unter den Bolschewisten unterdrückt waren. Esoterische Zirkel sind entstanden, in jedem größeren Dorf; Sekten und Missionare ziehen übers Land; Jungkirchen werben im Fernsehen. Von einer jede Mode übersteigenden Buddhismuswelle wird gesprochen, monatlich entstehen neue buddhistische Zentren, alle vier Schulen, besonders im südsibirischen Altai, denn hier wird fernöstlich gedacht: Die Seele erkennt man nur im Leid. Im durchlittenen Leid, in der hoffnungslosen Hoffnung, verschmelzen Russentum und Buddhismus.

Die Straße hinauf, hinein in die Taiga. Birken, Bach und Brücken. Ein Voralpenidyll. Fröhliche Kälber am Hang, auf den Pfaden, in den Gärten. Hellgrüne Wiesen, der süße Geruch gemähten Grases, Kürbisfelder, das kleine Glück des Käuzchenschreis und ein einsames Holzhaus. Er ist da. Nach Minuten bittet er zu sich. Der weiße Schamane aus dem Fürstentum der Todosch ist ein klein gewachsener Mann in rotem Pulli und blauer Reebok-Trainingshose, und er sitzt breitbeinig auf einem Klappstuhl, raucht und schweigt und streicht über seinen fransigen Schnurrbart, und dann zieht er die Fuchspfotenfellmütze auf. Sein Name ist Wassilij Jandikow.

"Worüber wollen Sie sprechen?"* "Über die Seele."

"Die Leute sagen, ich könne heilen."

"Und, können Sie?"

Er redet leise, sehr leise, meidet Augenkontakt. Nickt hinüber und zeigt aufs Gesicht des Felsens, da, in den Mund des Steins, dahinein stecke er sein Messer, bevor er mit der Klinge die Körper der Patienten berühre. "Es muss leuchten, hier oben, im Kopf." Lieber will der Schamane jetzt über das Licht der Liebe reden, denn im Feuer des letzten Rituals hat er in die Seelen gesehen, und er hat eine Stimme gehört, die flüsterte, dass die Russen wieder zu lieben lernen müssten, nachdem die bolschewistische Propaganda das Licht unterdrückt habe und die Menschen entmenschlicht. Die Energie der Liebe soll fließen wie das Wasser des Katun. Das lehre er, und so heile er, denn Liebe und Hingabe, sagt der Schamane Wassilij, der nie ein Buch gelesen hat, das seien die Juwelen der russischen Seele.

Die Sonne senkt sich, und die Geister beginnen zu sprechen. Der Himmel brennt. Die Luft riecht nach kalter Asche. Irgendwo brennt es immer. Schamane Wassilij raucht seine vierte Kippe zu Ende. Jetzt muss er gehen, hoch in die Taiga, Pinienkerne sammeln. Und er geht.

Unten am magischen Katun ist es still. Tanjuschka steht am Ufer und meditiert. Es ist, als spräche die Stimme des Flusses zu ihr, und es scheint, als nehme sie den Klang des lebenden Wassers mit dorthin, wo man auf hochhackigen Schuhen geht und eine Schachtel Kent am Tag braucht, um den Fortschritt bewältigen zu können.

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  • Von Christian Schüle
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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