Wer sich dafür interessiert, warum es in den postindustriellen Gesellschaften an Kindern fehlt, kann in diesem Buch erstaunlich gute Erklärungen finden. Allerdings fragt das Buch nicht danach. Es untersucht nicht die Betreuungsschlüssel in Kindergärten, nicht die Frauenbeschäftigungsquoten und Gleichstellungsgesetze. Es stellt die Frage nach den Geburtenraten nicht mal. Kinder kommen fast gar nicht vor.

Das Buch fragt vielmehr, was mit der Liebe sei. Wer den Konsum der Romantik von Eva Illouz am Ende zuschlägt, wundert sich, dass überhaupt noch ein gut ausgebildeter Mensch Kinder hat, wohl dank der Laune der Natur, die klug ein paar Neulinge durch die Regeln der Wahrscheinlichkeit hindurchzuschleusen vermag. Den aufreibenden Praktiken der Liebe im fortgeschrittenen Stadium kapitalistischer Widersprüche zum Trotz.

"Ich glaube nicht, dass Liebe etwas ist, das in natürlicher Weise mit der Zubereitung des Frühstücks oder dem Wäschewaschen oder solchem Zeug in Einklang zu bringen ist", sagt in dieser Studie, stellvertretend für Abermillionen, eine Collagistin. Liebe bedeutet seit gut zweihundert Jahren: mehr Freiheit. Monotonie und Liebe vertragen sich seither nicht miteinander. Wo aber Kinder sind, wird unweigerlich Frühstück gemacht, täglich.

Eva Illouz, der diese in Amerika preisgekrönte Studie zu danken ist, lehrt Soziologie und Anthropologie in Jerusalem, und ausnahmsweise muss hier zuerst aus ihrer abschließenden Danksagung zitiert werden: "Entgegen der Gepflogenheit möchte ich meinem Mann gleich an erster Stelle danken. Die zwei Jahre, in denen ich an diesem Buch schrieb, waren zugleich die ersten beiden Jahre unserer Ehe, in denen zudem unsere beiden Söhne auf die Welt kamen. Dass es mir in solch turbulenten Zeiten gelungen ist, das Buch fertig zu stellen, habe ich seiner harten Arbeit im Haushalt, seiner gründlichen Kritik des Manuskripts und seiner nie nachlassenden Unterstützung zu verdanken."

Damit geht offenbar eine Form der Expertise einher, die methodisch angstlos wirkt und umso ertragreicher ist. Deren Qualität wird nun dadurch anerkannt, dass der Konsum der Romantik in der Schriftenreihe des Frankfurter Instituts für Sozialforschung erscheint und also auf den Schultern der Riesen balanciert, die einst Adorno und Horkheimer dort um sich scharten. Kritische Theorie, gewonnen an einer empirisch validen Datenlage, moralisch wach, aber parteiisch nur für die Aufklärung: Das ist der Anspruch der Tradition, in deren Fußstapfen Illouz nun steht.

Sie will herausfinden, was aus jener modernen Liebe geworden ist, die gleichzeitig mit dem Kapitalismus entstand, einer Liebe, die mit Nützlichkeit, mit Berechnung und Interesse nichts mehr zu tun haben wollte, sondern nur dem originalen Gefühl traute (diese englische Bedeutung des Wortes romantisch ist im Buch durchgängig gemeint) – einer Liebe, die sich dennoch und deswegen immer tiefer in die kühle Sphäre der Ökonomie verstrickte. Es ist die Verstrickung, die Illouz interessiert. Was erwirbt, benutzt, unternimmt jetzt ein Mensch, wenn er liebt? Wie beeinflussen diese Gegenstände des Konsums ihrerseits das Gefühl? Was wird aus der Liebe, wenn jener Konsum der Romantik fehlt? Ist die Geschichte der Liebe eine Verfallsgeschichte?

"Jeder Versuch, das soziale Geflecht wiederherzustellen", schreibt Illouz am Ende gegen die konservativen Apologeten der Familie, "muss sich mit der Tatsache auseinander setzen, dass sich die Verbindung von Liebe und postmoderner Konsumkultur tief in die Seelen der gebildetsten und kreativsten Gesellschaftsteile eingeprägt hat und eine Macht ausübt, die sich nicht leicht im Schnellverfahren abschaffen lässt." Was der Markt von jedem Einzelnen an Selbstdarstellung und Unverwechselbarkeit verlangt, was in der Sphäre des Warentauschs notwendig ist, kann nicht an der privaten Tür wie ein Arbeitskittel abgestreift werden.