Soziologie Der Preis der LiebeSeite 4/4
Im Zentrum des Buches, das sonst vor Paradoxien birst, steht eine These: Lieben muss man. Nur so wird der Mensch zum Original. Liebe ist als Nachfahrin des Heiligen bindend, in ihr wohnt, was von den Utopien blieb, Liebe ist ein Grundrecht im demokratisch verfassten Wohlstand. Unverzichtbar. Pflicht! Je besser einer ausgebildet ist, desto raffinierter die Liebe. Originalitätstests ohne Ende muss sie bestehen und fortgesetzt kostspielige Spontaneität unter Beweis stellen. Wo derartige Kreativität Pause macht, wird die Liebe langweilig und durch permanentes Frühstücken entweiht. Dann geht’s bald erneut an die Arbeit, an die Verfertigung des nächsten Glücks.
Es ist charakteristisch für dieses Buch, dass es der Freiheit den Spiegel vorhält. Illouz hält es nämlich mit Bourdieu, der gezeigt hat, dass ein vermeintlich freies Individuum doch meist seinesgleichen wählt und unbewusst darauf achtet, der Geliebte möge über das kulturelle Kapital, die Chancen für soziale Mobilität verfügen, welche der eigenen Ausstattung entsprechen. Auch wenn Liebe strategisch nicht sein will: Bildung ist Macht, und mit diesem Prinzip legt sich auch Liebe nicht gern an. Die Mythologien der Verwandlung trauen es der Liebe zwar zu, Frösche zu Prinzen zu machen, doch die Rationalität der Liebe wählt kühler. Die der Frauen jedenfalls, sie sind der Sprengsatz – sie wollen aufholen, und also soll es bitte von allem viel sein. Einkommen, Bildung, Originalität, Zuverlässigkeit. Alles auf einmal. Sonst bleibt man lieber allein.
„All das fällt weg, sobald Kinder da sind, das bringt den Terminplan ganz schön durcheinander“, sagt im Interview mit Illouz eine Hausfrau aus der Arbeiterklasse. Sie meint alle Kulturpraktiken der Liebe: das Ausgehen, das Kino, das Einkaufen, das Schönsein. Der ganze Konsum der Romantik fällt weg. Auch weil das Geld fehlt, was Illouz kaum sagt.
Wer liebt, also arbeiten muss, also sich bilden, also schön sein und klug, also konsumieren und kommunizieren, der kann sich gleichzeitig die andere Freiheit kaum leisten: die Freiheit, Frühstück zu machen und sich dem zuzuwenden, was herumliegt und eingesammelt werden könnte.
π Eva Illouz: Der Konsum der Romantik Liebe und die kulturellen Wider- sprüche des Kapitalismus; a. d. Engl. v. A. Wirthensohn; Campus Verlag Frankfurt a. M./New York 2003; 297 S., 24,90 ¤
- Datum 09.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie sachbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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