Anfang dieses Jahres stellte der tschetschenische Unternehmer Malik Saidullajew unter tatkräftiger Mithilfe der Präsidentenverwaltung Putins ein neues Buch mit tschetschenischen Volksmärchen vor. Der schmale Band voller Drachen und Wölfe sollte der von russischen Granaten und Wahhabiten geplagten Kriegsrepublik zwischendurch mal etwas Gutes tun. Am Sonntag wurde unter Moskauer Federführung ein Fortsetzungsband der kaukasischen Märchen in den Wahlstuben geschrieben: Mehr als 80 Prozent stimmten nach offiziellen Angaben für Achmed Kadyrow als tschetschenischen Präsidenten.Das fabelhafte Ergebnis ist in Wirklichkeit ein weiteres Kapitel in der Geschichte von einem verlorenen Volk - ohne absehbares glückliches Ende. Der Kreml hat der kriegsversehrten Republik seinen Favoriten aufgedrückt und folgte damit dem tradierten System der Machtzuteilung von oben. Dem Urnenbegräbnis der Demokratie hatte der in Zynismus geübte Premierminister Tschetscheniens, Anatolij Popow, bereits zuvor seine Kranzschleife gebunden: "Das werden die ehrlichsten Wahlen, die Russland je gesehen hat", prahlte er.Vor diesen "ehrlichsten Wahlen" fegte Moskau alle ernsthaften Gegenkandidaten wie Spielfiguren vom Brett, darunter auch den mittlerweile in Ungnade gefallenen Saidullajew. Die Tschetschenen durften Putins Vor-Entscheidung gnädigerweise zwischen Ruinen und Kalaschnikows noch absegnen. Um sicher zu gehen, trieben lokale Vasallen Kadyrows die Staatsangestellten mit Drohungen in die Wahllokale. Mitarbeiter eines Flüchtlingsheimes in der Hauptstadt Grosnyj berichteten, ihnen sei die Entlassung angekündigt worden, wenn sie nicht Kadyrow wählten. Wo alles nichts half, haben Helfer die Bulletins des Volkes vorausschauend selbst ausgefüllt.Die Moskauer politische Führung hat sich in Ermangelung einer Strategie den obskuren Kadyrow als Dauerbewohner in den Südflügel des russischen Hauses geholt. Vor knapp zehn Jahren hatte der Mufti noch mit einer eigenen Kampfgruppe gegen Russland heiligen Krieg geführt. Im zweiten Tschetschenienkrieg schwenkte er um und übergab den Russen kampflos die Stadt Gudermes. Dafür hat er nun endgültig ganz Tschetschenien erhalten. Denn in den drei Jahren der bisherigen Republikführung baute Kadyrow seine Dominanz skrupellos aus, indem er illoyale Amtsträger gegen eigene Nachläufer austauschte. Sein Sohn Ramsat befehligt eine Leibgarde von mehreren tausend Mann, in deren Reihen auch mancher Ex-Rebell sein neues Salär fand. Für den Sieg seines Vaters, so unterstrich Ramsat in einem Satz seine tiefe demokratische Gesinnung, würde er in den Kampf ziehen.Die Taktik Moskaus zielt darauf ab, den Kaukasuskonflikt zu tschetschenisieren. Der neue starke Mann mit der Persianermütze, Kadyrow, soll nun den Frieden erreichen, den die russischen Streitkräfte in vier Jahren nicht herbeischießen konnten. Es ist ein Spiel mit Spiritus und Feuer: Der von vielen Tschetschenen als "Verräter" und "Russenknecht" verhasste Kadyrow vermag die Republik nicht zu versöhnen und zu konsolidieren. Er ist einer der Kriegsherren entlang der verworrenen Fronten von Machthunger und Habgier. Doch Moskau reicht es, wenn er für die Zeit bis zur russischen Präsidentschaftswahl im März kommenden Jahres den Beginn eines politischen Befriedungsprozesses simuliert.Kadyrow geht dem Kreml gegenüber gestärkt aus der Wahl hervor und wird künftig eigenmächtiger auftreten, ohne jedoch Präsident Putin völlig zu verprellen. Denn er braucht Moskau als Rückendeckung und Geldgeber. Die Millionen zum Wiederaufbau versteht ein Teil des Kadyrowclans eher als eigene Apanage. Bei der künftigen Privatisierung Tschetscheniens fallen zudem Landbesitz und Ölquellen ab. Moskaus politischer Prozess ist vor allem ein Geschäft für Kriegsgewinnler und Machtprofiteure.Der Scheinfriede von heute könnte übermorgen in einen Bürgerkrieg oder einen neuen Aufstand gegen Moskau führen. Solange er aus der Ferne überzeugend blendet, ist er für Moskau aber gut genug. Zwar hat sich der Sprecher des russischen Außenministeriums pikiert über die Weigerung europäischer Organisationen geäußert, Wahlbeobachter nach Tschetschenien zu schicken: Jene, "die die Gastfreundschaft der tschetschenischen Behörden ignorieren, verlieren die Fähigkeit, dieses Schlüsselereignis im Leben des tschetschenischen Volkes qualifiziert zu beurteilen". Doch alle anderen Schlüsselereignisse im Leben der Einwohner Tschetscheniens wie die täglichen Entführungen und Minenexplosionen möchte Moskau lieber verbergen. Ausländischen Journalisten wird seit dem Beginn des Krieges die freie Arbeit in der Republik verboten. Die offiziell verkündete Normalisierung ist weiterhin nicht vorzeigbar. Der Sprecher der russischen Einheiten in Tschetschenien hat in Grosnyj prophezeit, dass ausländischen Korrespondenten noch fünf Jahre lang der Zutritt in die angeblich befriedete Republik verwehrt bleibe. Über die in Moskau beschworene politische Heilkraft der Wahl Kadyrows ist damit alles gesagt. Aus Tschetschenien werden auch künftig Schauermärchen zu erzählen sein.