Zwei Wochen im Grab

Wie elf Bergleute 14 Tage verschüttet waren und wiederauferstanden: Vor 40 Jahren geschah das "Wunder von Lengede" – ein Mythos bis heute von 

Als der Bergmann Bernhard Wolter um kurz vor 14 Uhr in den Förderkorb steigt und hinabfährt in die Eisenerzgrube Mathilde, hat er keine Lust zu arbeiten. Der 24. Oktober 1963 ist ein heller, freundlicher Tag. Die Nebelschwaden, die sich in der Nacht auf die Getreidefelder des niedersächsischen Bergarbeiterdorfes Lengede gelegt haben, lösen sich in der Sonne auf. Urlaub. Eigentlich wollte der 28-jährige Hauer Wolter jetzt Urlaub nehmen. Dann aber dachte er an seine fünf Monate alte Tochter und an das Weihnachtsfest, einen Gabentisch vor einem Christbaum, und Wolter sagte sich: "Wer jetzt im Oktober einen guten Durchschnittslohn erreicht, bekommt ein gutes Weihnachtsgeld." Als erster Arbeiter seiner Schicht zieht sich Bernhard Wolter in der Kaue um. Er hat keine Zeit zu verlieren, er möchte "pünktlich am Feierabend wieder nach Hause".

Bernhard Wolters Mittagsschicht dauert 336 Stunden und 18 Minuten. Als er danach hundemüde zurückkehrt, hebt ihn die Bild-Zeitung in Drei-Zentimeter-Buchstaben auf die erste Seite und jubelt: "Der Held heißt Wolter!" Zwischen dem Schichtbeginn des Hauers Wolter und dem Titelhelden Wolter liegen ein Grubenunglück und zwei unvorstellbare Wochen in der Finsternis. Hunger, Durst, Verzweiflung, Galgenhumor, Albträume, die Ahnung vom baldigen Tod. Schließlich die dramatischste und technisch komplizierteste Rettungsaktion in der Geschichte des deutschen Bergbaus: "das Wunder von Lengede". Es ist ein Mythos geworden, geblieben, bis heute: Gerade stellt Sat.1 einen Zweiteiler fertig, der Anfang November ausgestrahlt wird.

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Auf der Treppe zum Förderkorb, hoch über dem flachen Land – im Westen Hildesheim, Braunschweig im Osten –, schaut Bernhard Wolter noch kurz auf den weiten Klärteich, in dem das zutage geförderte Erz gewaschen wird. Er genießt diesen Blick, und bevor es runter geht, spricht er mit einem seiner Kumpel über den kommenden Sonntag, wenn sie wieder gemeinsam Fußball spielen. Neulich, nach dem Training, hat er über den Klärteich gesagt: "Wenn da oben mal Luftblasen kommen, dann sind wir unten abgesoffen. Dann ist es so weit." Da haben alle herzlich gelacht.

Dieser stille See aber sollte zum Verhängnis werden: Am 24. Oktober 1963 gegen 19.30 Uhr, gut zwei Stunden vor dem Ende der Mittagsschicht, bricht plötzlich der Boden, und durch den aufgerissenen Trichter strömen nach und nach 500000 Kubikmeter Wasser und Schlamm in die darunter liegenden Teile der Grube. Unten im Frühstücksraum hat Wolter gerade sein Pausenbrot gegessen und eine Zigarette geraucht, danach mit dem Bohrhammer neue Löcher in den Berg geschlagen, als das Licht ausgeht. Ein Kurzschluss, vermutet er, Sekunden später bleiben auch die Förderbänder stehen. Ein Kurzschluss, denkt er noch immer. Arbeiter schimpfen auf dämliche Kollegen, die wohl wieder ein Stromkabel durchbohrt hätten, Bernhard Wolter aber erschrickt, als er zu seinen Stiefeln hinabschaut und ein Rinnsal auf dem Boden entdeckt. "Vorher hatten wir nie Wasser." Mit einem Mal hört er eigenartige Geräusche, die ihm Angst machen. Das Gebirge gluckst und gurgelt. In der Ferne ein Donnern. Wolter brüllt: "Weg!"

129 Arbeiter sind unter Tage, als die Katastrophe hereinbricht. Ein Lokführer in der Grube schlägt als Erster Alarm, als er das tosende Rauschen der herabstürzenden Flut hört. Ein Steiger greift zum Telefon, sein Notruf erreicht den Betriebsführer zu Hause. Die Werksleitung löst Alarm aus. Dann bricht die Telefonleitung zusammen, die Verbindung zur Grube ist tot.

Feuerwehrleute kippen von Schwerlastern Schutt und Holzstempel vor den Krater des Teiches, um das Versickern des Wassers zu stoppen. In der Grube retten sich Arbeiter auf hektisch gezimmerten Flößen vor dem Wasser, einige schwimmen, waten durch den Schlamm und erreichen einen Luftschacht, durch den sie ins Freie klettern. 79 Männer schaffen es in den ersten Stunden der Nacht. 50 Bergleute werden vermisst.

Bernhard Wolter und seine Kollegen versuchen, sich gegen die Gewalt der Sturzbäche zu stemmen, vergeblich, sie gelangen nicht weiter nach oben, sie stecken fest. Sie finden eine trockene Stelle und warten. Sie rätseln darüber, was geschehen sein könnte.

Die Nachricht von der Katastrophe in Lengede erreicht den Direktor der Ilseder Hütte, der das Bergwerk gehört, und seine Frau im Aachener Quellenhof. Sie steigen in ihren Karmann Ghia und rasen im dichten Nebel auf der Autobahn zurück nach Niedersachsen. Fünf Stunden später fährt der Direktor am Unglücksort vor. In Raum5 des Verwaltungsgebäudes stellt er die Einsatzleitung zusammen. Vermessungstechniker und Ingenieure beugen sich über Pläne und suchen nach Stollen und Hohlräumen, in die Bergleute sich gerettet haben könnten. Angeforderte Rettungsgeräte treffen ein, Flachbohrer, Großbohrer, Saugbohrer, Kompressoren. Wenige Stunden später ist auch die so genannte Dahlbuschbombe da, eine enge, torpedoförmige Rettungskapsel, die der Ingenieur Eberhard Au acht Jahre zuvor erfunden und auf der Gelsenkirchener Zeche Dahlbusch erstmals eingesetzt hat: Durch ein Bohrloch lässt man die mannshohe Kapsel herunter, ein Bergarbeiter quetscht sich stehend hinein und wird hochgezogen. Aber wo genau soll man die Vermissten suchen in diesem Labyrinth aus unterirdischen Gängen und Kammern, wo bohren? Ohne Erlaubnis machen sich in dieser Nacht einige Steiger mit Scheinwerfern auf den Weg in die ertrinkende Grube und entdecken tatsächlich sieben Bergarbeiter auf einem Floß. Als der Morgen dämmert, werden noch über vierzig Bergarbeiter vermisst.

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