Zwei Wochen im GrabSeite 5/5
Auf dem Acker über dem „Alten Mann“ fallen sich Frauen und Ärzte und Ingenieure in die Arme. Die Todesanzeigen in der Zeitung werden gestoppt, die Trauerfeier wird abgesagt, abgereiste Bohrtrupps werden zurückbeordert, Taschenlampen durch die schmale Röhre heruntergereicht, danach ein Mikrofon und zusammengepresste Kleidung. Nach 224 Stunden in der Finsternis haben Bernhard Wolter und seine Kollegen wieder Licht. Ärzte legen den Speiseplan fest: Nudeln mit Rindfleisch, Tee mit Zwieback, Kartoffelsuppe, Malzkaffee, nur „auf Wunsch“: Bonbons und Bananen. Die Arbeiter im „Alten Mann“ verlangen auch nach Zigaretten, aber sie kriegen keine.
Gott hat mitgeholfen! titelt Bild am nächsten Morgen und baut eine Sonderausgabe, die nur für die Männer im „Alten Mann“ gemacht ist, mit allerlei Nachrichten aus der Welt, aber ohne Nachrichten aus Lengede. Bloß keine Aufregung da unten im Berg. Elf Bergleute leben noch. Die anderen 29 Vermissten sind tot oder müssen jetzt wohl endgültig für tot erklärt werden.
„Herr Wolter, bitte melden!“ Über eine Gegensprechanlage berichtet Bernhard Wolter den Helfern immer wieder von der aktuellen Lage im „Alten Mann“. Zeitungen nennen ihn fortan einen „Sprecher“ der Eingeschlossenen. Mit einem Hubschrauber landet Bundeskanzler Ludwig Erhard, nimmt den Hut vom Kopf und begrüßt die elf übers Mikrofon: „Meine lieben deutschen Landsleute.“ Gute Nachrichten habe er mitgebracht, die Rettung stehe bevor.
„Seid mal stille, der Bundeskanzler ist oben, der Herr Dr. Erhard, und will mit uns sprechen.“ Die erste Reaktion der Kumpels unten war: „Du hast wohl einen Vogel! Der kommt doch nicht zu uns!“ Im ersten Moment sagten wir: „So was gibt’s doch gar nicht! Wir haben doch gar nichts Besonderes getan, die sollen uns doch nur rausziehen.“
Zum Abschied wünscht der Kanzler: „Glück auf.“ Vier Tage vergehen noch, bis die Rettung beginnen kann. Bernhard Wolter zwängt sich als Letzter der elf in die Dahlbuschbombe. Wolfgang, der mit den gebrochenen Beinen, ist von Gesteinsbrocken erschlagen worden. Seine Leiche bleibt unten liegen, wie die anderen Toten auch.
Bernhard Wolter liest seinen Helm und seine Strümpfe vom Boden auf, bevor die Kapsel ihn aufnimmt und zurückbringt ins Dorf der Bergarbeiter, wo die Werkssirene heult. „Ganz gelöst, ganz friedlich“ fühlt er sich. Sanitäter sorgen sich um Wolter, setzen ihm sofort eine Sonnenbrille auf. Zu seiner großen Überraschung scheint die Sonne noch immer.
- Datum 16.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.10.2003 Nr.43
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