Sensation! Es gibt doch noch Geld. Im Freistaat Bayern, in Bamberg, am Schillerplatz. Theater-Bau statt Theater-Schließung, Feste feiern statt feste sparen. Das E.T.A.-Hoffmann-Theater hat ein neues, altes Haus. Für 25 Millionen Euro wurde 200 Jahre nach seiner Eröffnung der sanierte Altbau mit einem kompletten Neubau vermählt.

Am Nationalfeiertag wurde damit zur Attacke geblasen. Während am 3. Oktober im geschlossenen Schillertheater zu Berlin der Trauermarsch über das nationale Streichkonzert die deutsche Bühnen-Crème zum anschwellenden Defilee formierte, formierte in Bamberg die weißblaue Staatsregierung den Triumphmarsch für die moralische Anstalt. Ob in München, Regensburg oder Hof, ob Wiedereröffnung, Generalsanierung, Neubau, Beförderung zum Staatstheater (in Nürnberg): Der bayerische Löwe lässt seine kulturpolitischen Muskeln landesweit spielen, für 500 Millionen Euro pro Haushaltsjahr. Das Sahnehäubchen obendrauf sind die zusätzlichen 10 Millionen intravenöser Infusionen aus dem Kulturfonds, davon bekommt Bamberg die Hälfte. In seiner Festansprache schmiedete Kultusminister Zehetmaier die Leistungsbilanz von Stoiber-Eden zur Kampfansage gegen Schröders Schrottplatz.

Die Zuversicht ist nicht nur Theater. Handfeste Finanzierungsgarantien von Stadt und Land statt der handelsüblichen windelweichen Bemühenszusagen begleiten die bajuwarische Machtgebärde. Die verbleibende Last mit der Lust an Lampen- und Rampenfieber schultert die Kommune mit beherzter Bravour. Trotz haushaltlicher Unterdeckung von 10 Millionen Euro riskiert die Universitäts- und Industriestadt den Schritt in die Schulden. Das Weltkulturerbe Bamberg investiert in den Poker um die nächste Kulturhauptstadt Europas. Als As in der Hand ist da der weiche Standortfaktor "Stadttheater" unverzichtbar, neben dem Trumpfblatt der soeben zur "Staatsphilharmonie" erhobenen Symphoniker.

Repräsentation als Provokation zu Zeiten öffentlicher Armut? Der lokale Aufschrei blieb aus, mit guten Gründen. Mit ausgewogener Hand haben die Stadtväter nicht nur der Thespis gegeben, sondern auch Poseidons Pools – die Wasserspiele der öffentlichen Bäder sind simultan saniert. Bamberg steht hinter seiner Bühne. Ein Ruck ging durch die Bürgerschaft, als vor fünf Jahren der TÜV das bauliche Aus des Einspartenhauses diagnostizierte. Dass trotz eines Halbdutzend respektabler Bühnenkonkurrenten in der Region eine große Lösung in Szene gesetzt werden konnte – das verdankt sich neben Land und Kommune dem städtischen Gemeinsinn. Ein überdurchschnittlich agiler Theaterverein spannte die Guckkastenliebhaber vor den Karren und holte 600000 Euro in die Klub-Kasse. Damit waren Sonderleistungen wie die Personenversenkungsanlagen für die dreizehn Schauspieler finanziert.

Ohne einen Cent Zuschuss hat dieses Ensemble die drei Baujahre mit drei Wanderjahren überspielt. Der Fantasie des Autor-Regisseur-Intendanten Rainer Lewandowski ist es geschuldet, dass die gesamte Stadt bespielt wurde: Schlachthof, Gericht, Rathaus, Kaufhalle, Klosterbräu, Basketballfeld und Dom – jeder Schauplatz bekam sein Stück eigens auf den Leib geschrieben. Die Zuschauer wurden dort abgeholt, wo sie gerade waren, und folgten fasziniert der Truppe; das Durchschnittsalter des Publikums sank um 15 Jahre auf 45, zehn Prozent Abonennten kamen hinzu.

Das neue Theater ist eine einzige Einladung. Keine abweisende große, kalte Front zerschneidet das diffizile Ensemble von Barock, Biedermeier, Gründerzeit und Jugendstil. Feingliedrig fügen sich die Foyers mit Rotunde und gestuftem Kubus ein ihre Nachbarschaft. Klarheit und Dezenz, Diskretion und edle Materialien verknüpfen Alt und Neu in einem Akkord von lichten Grau-Skalen und erdigen Holztönen. Glas und Eiche, Muschelkalk und Marmor, filigranes Stahlwerk und viel Helle bestimmen eine Architektur, die ihr stilles Selbstbewusstsein aus der dienenden Funktion schöpft. So wird Bauen selbst zur Bühne, öffnet überall Ausblicke auf die Stadt und gibt überall Einblick ins Innere des Theaters. Das Einweihungsfest war verhaltenes Jubilieren. Mit hundert kleinen Aktionen, Sketchen, Dialogen und großer Geste für die tausend Plätze. Bamberg stand Schlange, Bamberg wird zum Symbol.