entscheiden Der Mann mit dem DaxSeite 2/2
Neben dem Studium fing er an, beim Rundfunk und bei der Lokalzeitung zu arbeiten. Es waren Berichte über Land und Leute, „bezahlte Heimatkunde“. Er fuhr in den Schwarzwald, hielt Bauern ein Mikrofon unter die Nase und ließ sie erzählen. Mit Börse hatte das nichts zu tun. Trotzdem kam er dadurch indirekt wieder mit ihr in Kontakt, denn das Geld, das er als Journalist verdiente, legte Michael Sahr in Aktien an. Diesmal mit größerem Erfolg, es waren schließlich die neunziger Jahre, die Zeit des Börsenbooms.
Die Börse ließ ihn eben niemals ganz los, und es muss irgendwann in dieser Tübinger Zeit gewesen sein – kürzlich hat ihn ein Freund wieder daran erinnert. Da saß er im Studentenwohnheim vor dem Fernseher, es kamen die Börsennachrichten aus Frankfurt, und er seufzte: „Da würde ich gerne mal stehen.“ Es war nicht wirklich ein klares Berufsziel, eher ein Wunsch, „wie wenn man sagt, ich würde mal gern nach Italien fahren“.
Nach dem Examen ging Michael Sahr als Reporter ins ZDF-Landesstudio nach Stuttgart, wo er auch für die Börsenredaktion in Frankfurt berichtete. Es folgten zwei Jahre beim Boulevardmagazin Hallo Deutschland in Mainz. Als schließlich das Angebot kam, für die Börsenredaktion vor der Kamera zu stehen, griff er zu. „Am Anfang war ich fix und alle. Deine ganze Persönlichkeit steht plötzlich auf dem Präsentierteller, und wildfremde Leute sprechen dich an und geben Kommentare ab, so nach dem Motto, du sahst heute aber nicht gut aus.“
Acht Fernsehstunden steht er, aufs Jahr gerechnet, vor der Kamera. Die restliche Zeit agiert er hinter den Kulissen, führt Hintergrundgespräche mit Börsianern und mit den Volkswirten in den Frankfurter Bankentürmen. Ein geisteswissenschaftliches Studium ist dabei ganz nützlich, findet Sahr. „Das A und O ist ja, Meinungen nicht nur wiederzugeben, sondern einzuschätzen. Und das lernt man in der Philosophie.“
In der siebenköpfigen Börsenredaktion des ZDF ist Michael Sahr der fünfte Geisteswissenschaftler. „Meine Kollegen haben das befürwortet“, sagt er. Im Grunde wusste Sahr schon sehr viel länger, dass Geisteswissenschaften und Börse zusammenpassen. 1987, in seinem Aktienclub an der Schule, hatte er ein Gespräch mit dem Börsenpapst André Kostolany. Was er studieren solle, um an die Börse zu kommen, fragte Michael Sahr. Kostolanys Antwort war: „Studieren Sie Philosophie und Kunstgeschichte, dann lernen Sie zu denken und zu sehen.“
- Datum 16.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 16.10.2003 Nr.43
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