In stillen Minuten beneiden Europas Politiker wahrscheinlich ihre Dichter. Den deutschen Schriftsteller Erich Kästner beispielsweise, der auf die Frage "Wo bleibt denn das Positive?" kurzerhand schrieb: "Ja, weiß der Teufel, wo es bleibt." Solche radikalen Antworten sind Regierungschefs verboten. Wenn sie sich, bedrängt von Kameras und Reportern, in dieser Woche zum Europäischen Gipfel in Brüssel treffen, müssen gute Nachrichten her – selbst wenn die Wirtschaft noch so schwächelt. Wer will schon gern mit Weinglas, aber ohne Idee beim Arbeitsessen erwischt werden?

Not macht erfinderisch. Und so haben sich Berlusconi, Schröder und Co. diesmal eine ganz besonders wohlklingende Nachricht ausgedacht: die von der "Wachstumsinitiative". Um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bekommen, wollen Deutschland, Italien und Frankreich künftig europäische Straßen bauen, Schienen verlegen und die Forschung fördern. Der deutsche Staatssekretär Hans Martin Bury will den Brüsseler Gipfel zur Plattform für eine "Grundsatzdebatte" über die neuen Programme machen. Und Romano Prodi, der Präsident der EU-Kommission, lobt vollmundig: "Wir bieten hier die Gebrauchsanweisung zum Handeln."

"Getretener Quark…" nennt das Daniel Gros, der Chef des Brüsseler Center for Policy Studies. Diese Reaktion mag drastisch sein, doch untypisch ist sie nicht. Auch andere Ökonomen quer durch Europa winken müde ab. "Da werden alte Ideen neu verpackt", kritisiert Alasdair Murray vom Center for European Reform (CER) in London.

Aber muss Altes immer falsch sein? Zumindest in der Analyse stimmen die meisten Ökonomen den Politikern zu. Tatsächlich wächst Europas Wirtschaft schon seit geraumer Zeit nur noch minimal, schnelle Besserung ist nicht in Sicht. Und Schuld daran hat nicht nur die schwache Konjunktur. Europas wirtschaftliche Probleme sind vielfältiger: Die Integration des Binnenmarktes kommt nicht voran, die Regeln der Währungsunion weichen langsam auf, die Infrastruktur veraltet, die Bildungs- und Forschungsgelder reichen vorne und hinten nicht – und eine koordinierte Wirtschaftspolitik fehlt völlig. Auf dem europäischen Kontinent werden nicht die Träume der Politiker wahr, sondern die Albträume vieler Bürger.

Besonders unangenehm ist dies für Silvio Berlusconi. Als amtierender Ratspräsident der EU ist der italienische Regierungschef besonders in der Pflicht, wenn es darum geht, Lösungen zu präsentieren. So schickte er seinen Finanzminister Giulio Tremonti auf die Suche. Ganz tief in der Mottenkiste fand der schließlich eine zehn Jahre alte Idee des früheren EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors: die transeuropäischen Netze. Diese Verkehrswege sollen nach dem Willen der Italiener schneller als bisher quer durch den Kontinent gebaut werden – gefördert durch die Europäische Investitionsbank (EIB) in Luxemburg. 50 bis 70 Milliarden Euro sollen dafür in den kommenden zehn Jahren fließen und für Wirtschaftswachstum sorgen. Von der alten Delors-Liste wurden bis heute nur drei Projekte fertig gestellt. An den restlichen elf wird entweder immer noch gebaut, oder aber sie scheiterten an mangelnder privater Kofinanzierung und an den bürokratischen Hürden zwischen den EU-Mitgliedsländern.

Allerdings hat die Sache Schönheitsfehler: Auf der Liste wird nämlich ein altes Lieblingsprojekt der Italiener wiederbelebt, das mit Europa so viel zu tun hat wie die Mafia mit der Moral – die Brücke über die Straße von Messina.

Außerdem fehlt auch jede überzeugende Erklärung, warum ausgerechnet Straßen, Brücken und Schienen aus der ökonomischen Misere helfen sollen. Die konjunkturelle Wirkung des Programmes ist mehr als zweifelhaft. Bis große Infrastrukturprojekte geplant, genehmigt und gebaut sind, ist der Aufschwung nämlich oft schon von allein da. Und noch ein Argument spricht gegen Tremontis Träume: Im Vergleich zu den jährlichen Staatsausgaben der EU-Mitgliedsländer, immerhin 5000 Milliarden Euro, sind 70 Milliarden eine lächerlich geringe Summe. Ein echtes Konjunkturprogramm brauchte viel mehr Geld.

Doch nicht nur Italiens Staatschef Berlusconi träumt vom europäischen Füllhorn. Um dem Rivalen nicht die Show auf dem Brüsseler Gipfel zu überlassen, legte auch EU-Kommissionspräsident Romano Prodi nach. Sein Ziel ist noch ambitionierter – und noch unrealistischer. Prodi will die Beschäftigung um 400000 Arbeitsplätze steigern und das EU-Inlandsprodukt gar um einen vollen Prozentpunkt, ebenfalls per Investitionsprogramm.