die zeit: Seit die Herzog-Kommission ihre Reformideen für die Sozialversicherung vorgelegt hat, wird in der Union gestritten. Angela Merkel war voll des Lobes, Norbert Blüm erbittert dagegen. Sagen Sie auch:"Das ist nicht mehr meine Partei"?

Heiner Geissler: Ich bin nicht verbittert. Ich bin ja auch nicht wegen einer Vorsitzenden in der CDU, sondern wegen bestimmter Grundsätze. Und wenn die verletzt werden, muss man kämpfen. Ich bin in die CDU nicht hineingedackelt und gehe nicht als Dackel wieder hinaus.

zeit: Ist die Kopfprämie, bei der jeder Bürger 260Euro für die Krankenversicherung bezahlen muss, der neue Kurs der CDU? Ist dies tatsächlich eine politische Wende?

Geissler: Es ist keine Wende. Es ist nur eine Intensivierung eines schon eingeschlagenen Weges – in die falsche Richtung. Der kommende Bundestagswahlkampf wird geführt werden zwischen einer Bürgerversicherung der SPD und Grünen und dem Prämienmodell der CDU mit einer exorbitant hohen Belastung der kleinen und mittleren Einkommen, verbunden mit einem bürokratischen Refinanzierungsmonstrum. Diese Auseinandersetzung wird die CDU verlieren. Ich verstehe was von Wahlkämpfen. Das Prämienmodell können Sie nie richtig darstellen. Man kann es auf Parteitagen feiern. Aber eine Mehrheit der Bevölkerung werden wir dadurch nicht gewinnen.

zeit: So einig ist sich die SPD ja auch noch nicht.

Geissler: Die Bürgerversicherung wird sich bei denen durchsetzen. Ich warne aber die CDU vor Thatcherismus. Wenn Angela Merkel eine zweite Maggie Thatcher werden will, soll sie sich das dreimal überlegen und das Ende dieser Frau bedenken. Diejenigen in der CDU, die den Thatcherismus für richtig halten, haben sich zumindest bei der Krankenversicherung versucht durchzusetzen. Aber der Thatcherismus hat über Großbritannien im Wesentlichen Elend gebracht: geringere Produktivität, entgleiste Eisenbahnen und zusammengestürzte U-Bahn-Schächte aufgrund der Privatisierungsorgie; dafür eine Steigerung der Zahl der Sozialhilfeempfänger um 60 Prozent.