Endlich. Es regnet. Endlich wieder Eifel-Wetter. Endlich kann sich, nach diesem ortsfremden Glutsommer, auch wieder Eifeler Lebensgefühl breit machen, eine Mischung aus Schwermut, Robustheit und Trotz. Unten in Aachen, gerade gut 20 Kilometer entfernt, war es noch spätsommerlich warm gewesen; hier oben in Lammersdorf gibt uns erst das örtliche Bauernmuseum etwas Schutz, dann die Allwetterkleidung. Wir wollen wandern, das weithin unbekannte Kalltal, die Spuren eines historischen Dramas erkunden.

Aus Lammersdorf, von Kirchgasse über Kirchstraße, geht es in Richtung Rollesbroich, Steckenborn und Woffelsbach. Wo sich rechts ein besonders schönes Reststück zugewilderter Westwall zeigt, windet sich links ein verträumter Wanderweg talwärts, gesäumt von vielerlei Gebüsch, von Stieleichen, Schwarzerlen und manch mächtiger Buche. An den Hängen recken sich "Prüüßeböüm" dem grauen Himmel entgegen – Preußenbäume, wie die Eifeler zur ortsfremden Fichte sagen, die im 19. Jahrhundert angepflanzt wurde und bis heute in Reih und Glied die Kulisse verschandelt. Kein Mensch begegnet uns.

Die Kall kommt bei Konzen aus dem Hochmoor Hohes Venn hervorgetröpfelt. Von diesem Örtchen her, beim putzigen Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" mehrfach ganz vorn dabei, kamen im Herbst 1944 auch die alliierten Truppen. Aachen war im Oktober als erste Großstadt des Reiches gerade befreit. In Lammersdorf schien noch alles nach Plan zu laufen. Die US-Verbände rückten stur weiter nach Westen in Richtung Rhein vor, immer geradeaus, auch weiter hinunter ins Kalltal – in den tiefen, unwegsamen Hürtgenwald.

Mit dem ersten Wolkenbruch erreichen wir nach knapp zehn Kilometern das Örtchen Simonskall. Wir hechten ins erste Wirtshaus, die Talschenke. Ein authentischer Ort zum authentischen Wetter: Das Mobiliar sehr schwer und dunkel, das Schmiedeeisen sehr geschwungen. Zur Sülze mit Petersilienkartoffeln und Mayonnaise quillt gut gelaunter deutscher Schlager aus dem Radio.

Tausende verhungerten oder erfroren elendiglich

Frau Schade ist die Inhaberin. Sie berichtet von ihrer kleinen Bibliothek zur lokalen Kriegsgeschichte, ausgelegt in der Gaststube, und von bösen Gästen: Tod am Eifelhimmel und Hölle im Hürtgenwald, beides sei "geklaut worden, einfach so". Ein anderes altes Buch habe neulich ein junger Schäferhund zerfleddert. Jetzt liegt auf dem Eichentisch im Gastraum nur noch Das verstummte Hurra. Dafür werden gleich zehn Exemplare zum Verkauf angeboten. Auch nach fast 60 Jahren gibt es immer noch Neuerscheinungen.

Die "Schlacht im Hürtgenwald" im Winter 1944/45 war ein lange andauerndes Gemetzel. Mit einem letzten Aufbäumen deutscher Resttruppen und am Ende, neben rund 15 000 deutschen Toten, mit über 50 000 gefallenen GIs – genau so viele wie im ganzen Vietnamkrieg. Es war das größte Desaster der US-Army in ihrer Geschichte, mitten in der erfolgreichen Invasion.

Wir machen einen Abstecher hoch ins Örtchen Vossenack, gut eine Stunde zu Fuß über streckenweise sehr steile Wegstücke von Simonskall entfernt. Hier findet sich das kleine Friedensmuseum, voll gestopft mit erschütternden Dokumenten, Fundstücken und Bildern von damals. "Alles, was man falsch machen kann, haben die Amerikaner damals falsch gemacht", erklärt einer der ehrenamtlichen Museumsführer. Strategisch unsinnig war es, durch das unwegsame Eifel-Gelände vorzurücken statt über das flache Rheinland nebenan. Die Versorgung klappte nicht. Tausende Soldaten verhungerten oder erfroren elendiglich in einem selbst für Eifel-Verhältnisse über Wochen extrem grausligen Wetter oder wurden leichte Opfer der ortskundigen Wehrmacht, die lange die Höhen besetzt halten konnte. Überdies war der Sprechfunk teilweise ausgefallen – so wie im Kalltal heute noch über weite Strecken die Mobiltelefone schweigen.

Im ersten Jahr nach der Eröffnung im September 2001 kamen 4500 Besucher ins Museum, davon einige hundert US-Bürger. Darauf ist Vossenack sehr stolz. Gern steigen die Gäste im Hotel zum Alten Forsthaus ab. Inhaber Reiner Gübbels erzählt, manchmal seien es "ganze Busladungen voll", die einen Stop-over machen in seiner gutbürgerlichen Drei-Sterne-Bleibe mit dem Dutzend Zwölfendern an den Kratzputzwänden. German gemutlickkeit und Kriegserinnerung. Ein Eifel-Dorf als Pilgerstätte des Grauens.

Auch aktive US-Soldaten rücken zum Fortbildungswochenende an, kürzlich noch die halbe medizinische Führung in Europa: Divisionsärzte und Brigadekommandeure, der Logistikchef für die US-Krankenhäuser Europa, ein Zwei-Sterne-General. Die Gruppe stapfte durch die Wälder, um "eine Idee zu kriegen vom battlefield im Hurtgen Forest", wie ihr Guide Oberstleutnant John Taber sagte, Veterinär bei der Sanitätsbrigade Heidelberg. Im Laubbett eines alten deutschen Verteidigungsgrabens erzählte er vom "miracle in the west" . Wie die US-Truppen hier stecken blieben "in diesen Wäldern des Horrors, absolutely chaosed alles. Regen, Schnee, Sturm ununterbrochen. Alles war knietief verschlammt. And they didn’t have Goretex ."

Noch in den frühen fünfziger Jahren sah die zerschossene und niedergebrannte Nordeifel aus wie ein Meer aus abgeknickten Streichholzstümpfen. Noch heute verweigern Schreinereien Holz aus dem Hürtgenwald: zu gefährlich, womöglich noch voller Granatsplitter. Noch heute müssen hier bei jedem Neubau zuerst Minensucher ran – eine Hamburger Firma hat in Vossenack eine Dependance. "Und neulich haben Bauarbeiter in einem Vorgarten eine amerikanische Kriegsleiche ausgebuddelt", erzählt Hotelier Gübbels.

Nichts weist äußerlich mehr auf die blutigen Kämpfe hin. Aber es fällt auf, dass das Dorf Vossenack, wie andere Gemeinden der Umgebung auch, komplett neu aufgebaut ist. Denn nach der Schlacht war hier alles weggemörsert und platt rasiert. Doch wenn man zurückwandert ins Tal, über den Kall Aid Trail, wie ihn US-Besucher nennen, wieder hinunter nach Simonskall, kann man ahnen, dass US-Panzer im Schlamm stecken blieben oder sogar die steilen Hänge hinunterpurzelten.

Auch viele Besucher der heutigen Sommerfrische Simonskall mit ihren 29 Bruchsteinhäusern, den Cafés und Pensionen wissen wenig von der Kriegsgeschichte. Selbst die Sommerakademie-Teilnehmer der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, mehrheitlich historisch und politisch kenntnisreiche Menschen, mussten im August beim Gedankenaustausch zum deutsch-amerikanischen Verhältnis erst erklärt bekommen, warum man sich gerade in Simonskall traf. Die Schlacht im Hürtgenwald hat es nie zu Prominenz geschafft: Die Deutschen können nicht stolz sein auf die verblendeten Vorfahren. Und die Amerikaner verdrängen das Eifel-Waterloo gern.

Es sei denn, sie haben ihren Hemingway gelesen. Ernest Hemingway war als Frontberichterstatter bei der blutigen Eifel-Schlacht dabei. In seinem Roman Über den Fluß und in die Wälder schreibt er von einer Wehrmacht, die "mit ihren Mörsern alles zu Klump hämmerte", und von hochnäsigen US-Generälen, die die eigenen Leute "stur wie Maultiere" in die Hölle führten, wo es nur "Pferdescheiße satt" zu essen gab, "bis man schwer verwundet oder getötet oder verrückt" wurde. Hemingway beobachtete nicht nur, sondern legte auch selbst Hand an: "Einmal habe ich einen besonders frechen SS-Kraut umgelegt. Ich schoß ihm dreimal schnell in den Bauch und in den Schädel, so daß ihm das Gehirn aus dem Mund kam, oder aus der Nase, glaube ich."

Für einen anderen Schriftsteller war Simonskall nicht Trauma, sondern Rettung gewesen. Gut 20 Jahre früher. Das Haus des Gastes mit dem mächtigen Fachwerkgiebel beherbergt eine kleine Ausstellung der "Kalltalgemeinschaft", Kölner Maler, die hier von 1919 bis 1921 "als eine Art Landkommune" lebten und sich als Konstruktivisten einen Namen machten. In dieser Künstlerkolonie fand aus Angst "vor dem sicheren Todesurteil" einer der führenden Köpfe der Münchener Räterepublik Unterschlupf: der Anarchist Ret Marut, ein Revolutionsgenosse von Erich Mühsam. In Simonskall bereitete Marut seine Flucht nach England und Mexiko vor, wo er später als B. Traven Romane schrieb wie Das Totenschiff und Die Baumwollpflücker.

Simonskall ist der einzige bewohnte Flecken auf dem Talweg hinunter zum Fluss Rur ohne h, wie sie hier so gern sagen. Unterwegs erreichen wir im milchigen Dunst die Mestrenger Mühle. Im Kriegschaos 1944/45 ein strategisch wichtiger Ort: Hier wechselten innerhalb weniger Wochen mindestens achtmal die Besetzer. Heute lädt ein nettes Restaurant mit Forellenteich vor der Gartenterrasse und Hühnerställen gleich daneben zu "Wild, garantiert aus heimischen Wäldern" ein. Draußen gibt es Kaffee auch in Tassen und für 1,05 Euro ein Gläschen Mühlen-Elz. Mit seinem Elz, einem Kräuterschnaps, trinkt sich der Eifeler eifelweit sein Schmuddelwetter erträglich.

Das Grauen ist auch in der Mestrenger Mühle gegenwärtig geblieben. Eigentümer Peter Dohr sei, steht auf einer versteckten Gedenktafel am frisch geweißelten Fachwerkhaus, "tödlich verunglückt am 5. April 1945 durch Mineneinwirkung". Die ganze Wahrheit ist besonders tragisch: Der Mann war im eigenen Keller von einem Blindgänger, Herkunft unbekannt, zerfetzt worden. Am Tag seiner glücklichen Rückkehr.

Neulich kam auch Jack Freedman aus Huntsville, Alabama, zurück, zum ersten Mal nach fast 60 Jahren. Irgendwo zwischen Mestrenger Mühle und "Wosnic", wie er immer zu Vossenack sagt, war er im November 1944 "verlegt worden, als Ersatz, you know". Ersatz hieß Kanonenfutter. Sechs Wochen lang hatte er als 18-Jähriger hier "im Dreck gelegen. Die Wälder, dieser Hunger, die Kälte. All die Toten überall. Uns sind beim Waschen die Augenbrauen eingegefroren", erzählt Freedman, der später Nasa-Ingenieur beim Apollo-Programm wurde. Im Vossenacker Museum bricht er in Tränen aus. "So moving" sei die Rückkehr – einfach bewegend. "Dieses Wosnic war ein Schlüsselwort in meinem Herzen, mein ganzes Leben lang. Wosnic, Germany."

Keine zehn Kilometer Luftlinie südostwärts von hier, oberhalb der Stauseen von Rur und Urft mit ihren Krakenarmen, ist ein Gebäude geblieben, das den Größenwahn der Nazis noch heute spüren lässt: Burg Vogelsang, ein ehemaliges Elite-Ausbildungslager der NSDAP von gigantischen 60000 Quadratmetern Nutzfläche. Rund um die Ordensburg entsteht derzeit das ehrgeizigste Projekt der Eifel seit Jahrzehnten: der erste Nationalpark des Landes Nordrhein-Westfalen (ZEIT Nr. 33/03).

Das größte Problem: Was tun mit der scheußlichen, denkmalgeschützten Monsterimmobilie, die nur bei gutem Wetter vom Ort Strauch aus von weitem zu sehen ist? Das Gelände, derzeit noch Teil eines belgischen Truppenübungsplatzes, fällt am 1. Januar 2006 an Deutschland zurück. "Man könnte darin ein Hotel unterbringen und eine Jugendherberge und ein großes Museum und eine Begegnungsstätte", sagt Gotthard Kirch, Tourismusentwickler der Rureifel, "und hätte doch erst einen kleinen Teil genutzt." Niemand weiß, wer die Instandhaltung bezahlen soll – allein die Dachrinnen messen zusammen 14 Kilometer.

Mächtige Bäume, frisch gefällt – von heimischen Biberfamilien

Auf den letzten der gut 20 Kilometer öffnet sich das enge Kalltal mehr und mehr zur Wiesen- und Auenlandschaft. Bei der Gemarkung Zweifallshammer liegen am Abhang des Schotterweges mächtige Bäume, frisch gefällt, kreuz und quer, wie Erinnerungen an die Kriegsschlacht. Tatverantwortlich sind, ausweislich der markanten Bissspuren, heimische Biberfamilien. Im Hürtgenwald lebt die einzige Biberpopulation in Nordrhein-Westfalen, gut 100 Tiere. Und so türmen sich hier trutzige Stümpfe mit kleinen Dämmen aus Zweigen und Gestrüpp zu einem paradiesischen Durcheinander. Kleine Wasserfälle entstehen und Seenplatten. Die vorher so munter plätschernde Kall wächst sich dank der tierischen Holzfäller stückweise zum müden Flüsschen aus.

Vor ein paar Jahren, erzählt man oben im Dorf Hürtgen, hat ein verirrter Biber auf Wanderschaft einen Einheimischen angefallen. Weil er wohl, lästerte man danach, dessen dünne Beine für zwei zarte Jungweiden gehalten hatte. Ein anderer Biber wollte sich in der Rur-Talsperre bei Obermaubach niederlassen, ist aber trotz seiner rasiermesserscharfen Zähne an der harten Staumauer gescheitert und dort verendet. Tourismusmanager und Biberliebhaber Gotthard Kirch versichert, die Vorfälle seien "ohne Zweifel belegt". Die Nordeifel kann für alle Geschöpfe halt sehr unwirtlich sein.

Im Flecken Zerkall ist die Kall am Ende. In der alten backsteinernen Papierfabrik an ihrer Mündung in die Rur ohne h wird noch immer feines Bütten geschöpft. Hier sind die Telefonhäuschen noch gelb und geben Orientierung im Nebel. Als die US-Verbände im Januar 1945 nach mehreren Monaten endlich hier ankamen, wozu ein Fußgänger heute gemütlich kaum einen Tag braucht (und ein schneller Radler keine zwei Stunden), war die Schlacht geschlagen. Und von hier, wo B. Traven einst aus München über Köln kommend ausstieg, fährt uns heute die private Rurtalbahn zurück in Richtung Düren und Aachen.

Information

Anreise:
Mit dem Bus ab Aachen Hauptbahnhof nach Lammersdorf mehrmals täglich (sonntags zum Beispiel 9.20 Uhr ab, 10.17 Uhr an; kein Radtransport). Oder radeln, am besten über die Orte Kornelimünster, Raeren, Petergensfeld, Roetgen nach Lammersdorf, 35 Kilometer bei 400 Höhenmetern

Unterkunft:

Unter anderem Talschenke, Simonskall 1, Tel. 02429/71 53, Fax 20 63, www.hotel-talschenke.de , Übernachtung pro Person im Doppelzimmer ab 31 Euro, für Gruppen ab vier Personen Arrangement mit Vortrag und Ausflug zum Thema Hürtgenwald 1944/45

Zum Alten Forsthaus, Germeter Straße 4, 52393 Vossenack. Tel. 02429/7822, Fax 2104, www.landidyll.de/zum-alten-forsthaus , Doppelzimmer ab 96 Euro

Museen:
Das Friedensmuseum Vossenack hat sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet (Eintritt 3 Euro, Gruppenführung nach Anmeldung unter Tel. 02429/902613), das Haus des Gastes in Simonskall samstags und sonntags von 13.30 bis 17.30 Uhr (Eintritt frei)

Camp Vogelsang: Zugang nicht möglich

Auskunft:
www.rureifel-tourismus.de , www.huertgenwald.de . Gotthard Kirch (Tel. 0700/34335000, E-Mail: kirch@gws-dueren.de ) hält für ZEIT-Leser Kalltal-Kartenkopien mit der eingezeichneten Wanderstrecke bereit