Der Abgeordnete und sein Gewissen: Den einen zwickt’s wegen Hartz, den anderen, wenn es um die Menschenwürde geht. Und die ist Gegenstand der Debatte, wenn der Bundestag an diesem Donnerstagabend über die Verhandlungen um ein weltweites Verbot des Menschenklonens diskutieren wird. Die Berliner Schlachtordnung dürfte in diesem Falle wieder einmal gut durchmischt sein.

Zwar präsentiert sich die deutsche Rechtslage übersichtlich: alles verboten. Aber so verhält es sich keineswegs in jedem Land der Welt. Viele Rechtsordnungen gestatten – unter mehr oder weniger strengen Bedingungen – das so genannte Forschungsklonen, das keinen kompletten Menschen, sondern Gewebe erzeugen soll. Die meisten Staaten kommen sogar ohne Klongesetz aus. Damit sich das ändert, hatte der Bundestag im Februar einmütig (Ausnahme: die FDP) beschlossen, die Bundesregierung möge sich bei den Vereinten Nationen für eine Konvention zum Totalverbot des Klonens menschlicher Embryonen einsetzen – egal ob für Zwecke der Gewebezucht oder der Fortpflanzung.

Schon damals wusste jeder, dass nur wenige Länder dies wollen. Zwar kursiert ein konsequenter Antiklonentwurf, verfochten von Costa Rica, den Philippinen, weiteren katholisch beeinflussten Staaten und natürlich dem Vatikan. Doch das ist ein rein deklaratorisches, chancenloses Unterfangen. Präsident George W. Bush unterstützt es, aber die amerikanische Forschungs- und Pharmalobby wird am Ende stärker sein als er. Überdauern wird sie ihn ohnehin. Zu einem totalen Klonverbot haben es die Amerikaner noch nicht einmal im eigenen Lande gebracht. Weshalb das deutsche Außenministerium gemeinsam mit den Franzosen für einen Kompromiss wirbt, nämlich eine Konvention, die erstens das Reproduktionsklonen verbietet und zweitens verlangt, das Forschungsklonen national zu regeln – wie, das soll den Staaten überlassen bleiben. Wenigstens müssten sich anschließend ihre Öffentlichkeit und die Parlamente mit dem Thema befassen, und immerhin drohte aufgrund einer solchen Konvention den Horror-Doktoren Antinori und seinen Klon-Konsorten überall Gefängnis.

Diese deutsch-französische Idee, die sich jetzt in einem Konventionsentwurf aus Belgien und China wiederfindet, ist das Maximum des zurzeit erreichbaren Embryonenschutzes. Also besser als nichts, sagt das grün geführte Außenministerium. So gut wie nichts, schimpfen grüne Abgeordnete wie Christa Nickels, die Obfrau der Partei in der einschlägigen Enquetekommission. Kritiker aus allen Fraktionen (Ausnahme: die FDP) insinuieren, dass Fischers Amt den Bundestagsbeschluss hintertreibe. Daran stimmt, dass die Diplomaten nicht engagiert für eine Maximallösung gefochten haben. Weil sie Realisten sind? Oder weil die Beamten die bioethische Radikalposition der Parlamentarier inhaltlich für falsch halten? Die Vermutung kursiert, es gebe Widerstandsnester in der Exekutive, die sich höchsten Schutzes erfreuen. Dass der Bundeskanzler gerne an den Gitterstäben rüttelt, ist jedenfalls bekannt.

Auch solche Überlegungen haben die Initiatoren eines CDU-Antrags geleitet, der am Donnerstag im Berliner Reichstag zur Diskussion steht. Der Beschlussentwurf fordert von der Regierung scheinbar harmlos das Selbstverständliche, nämlich sich an den Parlamentswillen zu halten. Die damit implizit geäußerte Verdächtigung kann den Abgeordneten der Regierungsparteien nicht schmecken; etlichen von ihnen gefällt der Antrag ansonsten durchaus.

Ohne Einigung gewinnt Dr. Frankenstein

Vielleicht wird die Abstimmung ein bisschen vertagt – um dessen rot-grüne Befürworter nicht in diesen heiklen Tagen zum Gewissensaufstand zu zwingen. So gehen die Spielchen. Fest steht jedoch, dass es ohne einen Kompromiss über das Forschungsklonen zu gar keiner Konvention kommen wird: Dann stünde es eins zu null für Dr. Frankenstein. Gewiss, dies ist eine taktische Erwägung. Und für Taktik bleibt nicht allzu viel Platz, weil nach Ansicht der Mehrheit des Bundestages jedwedes Klonen menschlicher Embryonen den Achtungsanspruch der Menschenwürde verletzt. Dennoch, das Prinzip "Alles oder nichts" wäre das Ende der Diplomatie, die nicht an Haltungsnoten, sondern am Erreichten gemessen wird. Das haben jene Abwiegler gewusst, die in den Bundestagsbeschluss vom Februar ahnungsvoll hineinschrieben, die Regierung solle sich für ein "möglichst umfassendes" Verbot einsetzen. Auf diese Passage kann sich Joschka Fischer nun berufen und seinen Kritikern vorhalten: Freunde und Feinde, lasst nach, mehr ist nicht drin.

Akzeptieren werden sie es nicht. Aber sie (und ihre publizistischen Mitkämpfer) sollten erwägen, dass die bioethischen Kompromisse der vergangenen Jahre in Deutschland eher nach ihrem Geschmack ausfielen – was nicht so bleiben muss. Besser auch für sie, der Sack bliebe zu.