Elizabeth Costello. Eight Lessons steht auf dem Titelblatt des Buches, das der neue Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee just im Monat seiner Auszeichnung in London hat erscheinen lassen. Merkwürdiger Titel eines raffinierten und überaus irritierenden Buches.

Acht Vorlesungen – das klingt nach Essays, und tatsächlich hat der Literaturprofessor Coetzee einige dieser Texte bereits in wissenschaftlichen Zusammenhängen erscheinen lassen. Realism erschien in einer literaturwissenschaftlichen Zeitschrift, The Humanities in Africa in einer wissenschaftlichen Reihe der C.F. von Siemens-Stiftung, The Lives of Animals (2000 auch auf Deutsch erschienen) zusammen mit Fußnoten und philosophischen Repliken anderer Gelehrter in der Princeton University Press.

Einige der Texte sind über weite Strecken argumentativ durchgearbeitet wie Essays. Und es mangelt ihnen, gerade für ein deutsches Publikum, auch nicht an herausfordernden Thesen. In The Problem of Evil wird, am Beispiel eines Romans, der in allen schreckenerregenden Einzelheiten die Hinrichtung der Hitler-Attentäter um Graf von Stauffenberg schildert, argumentiert, dass solche Darstellungen nicht an die Öffentlichkeit gehörten; sie zeigten etwas, was nicht gezeigt werden solle, weil es "das Teuflische" der Nazischlächter zirkulieren lasse und den Schreibenden wie die Lesenden schlechter, ja unrein mache.

Noch anstößiger ist die These des Aufsatzes über The Lives of Animals. Über das Schlachten von Tieren zu Essenszwecken ist hier zu lesen: "Rings um uns herrscht ein System der Entwürdigung, der Grausamkeit und des Tötens, das sich mit allem messen kann, wozu das Dritte Reich fähig war, ja es noch in den Schatten stellt, weil unser System kein Ende kennt, sich selbst regeneriert, unaufhörlich Kaninchen, Ratten, Geflügel, Vieh für das Messer des Schlächters auf die Welt bringt."

Das sind für einen so zurückhaltenden Menschen wie J. M. Coetzee erstaunliche Ansichten, und sie wären geeignet, ihn seine Reputation zu kosten, wenn es denn wirklich seine Ansichten wären und wenn da auf dem Titelblatt neben J. M. Coetzee nicht auch noch der Name Elizabeth Costello stünde.

Costello ist eine Erfindung von J. M. Coetzee. Die 1928 in Australien geborene Schriftstellerin, in den sechziger Jahren mit dem Roman The House on Eccles Street berühmt geworden, einem feministischen Klassiker über Marion Bloom, die Gattin des Helden von James Joyces Ulysses, ist nun eine ältere, etwas schrullige Dame, die ihre Tage nicht mit Nettigkeiten vertun will. Ironie ist nicht mehr ihr Ding. "Ich sage, was ich meine. Ich bin eine alte Frau. Ich habe keine Zeit mehr, zu sagen, was ich nicht meine."

Der 63-jährige Coetzee hält sich die 75-jährige Costello als Maske vor, um über die letzten Zwecke des Lebens und Schreibens nachzudenken. Er hüllt den beträchtlichen Ernst dieser Essays in die Ironie von Erzählungen ein. In den Essayteilen verficht Costello in der ersten Person ihre oft recht überzogenen Meinungen und Argumente, und in den erzählerischen Teilen bettet ein anonymer Erzähler in der dritten Person die Ideen der Costello in ihre Lebensumstände ein. Wir begleiten so Elizabeth Costello auf Vortragsreisen und zu Preiszeremonien nach Pennsylvania, nach Amsterdam und nach Johannesburg, zweimal übrigens zusammen mit ihrem Sohn, der Coetzees Vornamen John trägt. Wir lesen mit Kopfschütteln, wie sie sich ihrem Publikum als Kafkas zum Sprechen dressierter Affe Rotpeter aus dem Bericht für eine Akademie vorstellt – weiß man bei Kafka, wer spricht, ein Tier oder ein Vernunftwesen, und wissen wir’s von uns selbst? Wir verfolgen, wie sie als Hölderlin-Kennerin über die mythischen "Verbindungen der Götter und der Sterblichen" nachdenkt, überhaupt über "das ganze Gott-Mensch-Geschäft". Wir sehen sie im Streit mit ihrer Schwester, einer Nonne, die sich in Afrika um sterbende aidskranke Kinder kümmert und nicht an die Literatur, sondern nur an die Bibel glaubt. Und wir verlassen sie zum Schluss in der Erzählung At the Gate – auf Englisch heißt das ebenso Tor wie biblische Gerichtsstätte – in einer aus zahllosen Kafka-Bezügen gebauten Stadt, in der sie ein Glaubensbekenntnis abgeben muss, um Einlass durchs Tor zu erlangen.