Ein Roman erzählt etwas, und er meint etwas. Am zweitbesten wahrnehmbar in dieser Reihenfolge. Am besten freilich ist es, wenn er beides, Erzählen und Meinen, nicht mehr auseinander hält. So gesehen, handelt es sich hier um ein gutes Buch.

Vladimir Sorokin hat seinen Lesern schon manches zugemutet, ja, es handelt sich bei seinen Zumutungen geradezu um ein Markenzeichen dieses Autors. Das gilt selbst dann, wenn er uns demonstrativ nichts zumutet als den unzumutbar langatmigen Roman Roman, der als eine Art Echo des klassischen russischen Romans nichts anderes will, als ebenden schall- und mundtot zu machen.

Was er uns dieses Mal zumutet, ist allerdings eher von der bewährten Art. Sorokin – wie etwa auch sein Kollege Stephen King, dem er zunehmend ähnlicher wird – nutzt weiterhin den Vorsprung der Literatur vor dem Film: So krass der in letzter Zeit auch immer ist – und er erlaubt sich ja wirklich so manches –, so deutlich bleibt er in der Radikalität des Vorgeführten hinter dem zurück, was sich die Literaten ausdenken (wobei hier nicht von kriminellem oder Schmuddel-Hardcore die Rede ist, sondern von jenen Dingen, die die übliche Kunstöffentlichkeit suchen). Ich nenne jetzt (für alle die, die einen Moment lang wegschauen wollen) eine Szene, in der eine Frau (natürlich), eine Hure, von einem Mann (natürlich), ihrem Zuhälter, gezwungen wird, sich eine Sektflasche in den Anus zu rammen.

Splatter-Szenen wie diese dienen hier selbstverständlich als Folie für das Wahre, Gute, Schöne, das ja immer schon erst aus dem Dreck aufsteigend seine vollkommene Reinheit zeigt. Und ums Wahre, Schöne und geradezu Herzensgute geht es hier.

Vier Teile hat dieser Roman, zwei lange und am Ende zwei sehr kurze. Im ersten finden wir uns nicht nur in der krassen Welt der Moskauer Mafia, sondern auch in der Welt oder Anti- oder Überwelt jener, um die es hier geht: die Erleuchteten, jawohl. Es handelt sich dabei um eine Art von Wesen, die aus Vorzeiten und Lichtstrahlen und Astral-Mythen gebastelt und allesamt blond und blauäugig sind (nein, halt, das hat nichts mit dem zu tun, woran Sie jetzt denken). Es gibt davon auf der Erde 23000 Exemplare – leider, die braunäugigen Schwarzköpfe müssen weiter auf Harmagedon hoffen (Platz für 144000). Sie sind aber vorläufig alle in so genannten normalen Menschen verborgen, und zwar in deren Herzen (übrigens auch denen von Nazi- oder Berija-Offizieren), und die müssen, wie das hier heißt, erst aufgeklopft werden.

Das wiederum – aber es ist nicht ganz so mühsam zu lesen, wie es nachzuerzählen ist – geht so, dass man alle verfügbaren blauäugigen Blonden einfängt und so aufklopft, dass man ihnen, die man gefesselt und denen man den Mund verklebt hat – wir haben’s gleich –, so oft mit einem Eishammer und aller Kraft auf das Brustbein donnert, bis der Kandidat eine Namenssilbe hervorgeröchelt hat oder verreckt. Im positiven Fall ist wieder einer der herrlichen 23 000 gefunden, der dann damit rechnen muss, dass einer der Aufklopfer zu ihm sagt: "Mensch, Junge, das ist so toll, dass du jetzt zu uns gehörst. Ich freu’ mich riesig…" Im weit überwiegenden negativen Fall ist nur einer von den Zahllosen hingemacht, die im Grunde eh schon tot sind (zum Beispiel Sie und ich, ich jedenfalls bestimmt).

Der Eishammer wiederum, das ist nun mal so, besteht aus einem Knüppel und einem Eisklotz, aber nicht irgendeinem Eisklotz, sondern – siehe Titel – einem Ljod-Klotz, und der wiederum stammt von dem Ljod-Eis, aus dem jener Riesen-Meteorit bestand, der 1908 in Sibirien einschlug und in der Erde verschwand, und jetzt – und jetzt muss ich wirklich aufhören mit dem Nacherzählen und damit, Ihre Geduld überzustrapazieren. Fragen wir uns doch auf den verbleibenden Metern lieber noch, was uns das Ganze soll.

Vladimir Sorokin ist ja ein guter Handwerker, und das mit den verschiedensten Mitteln zu zeigen war ihm schon immer ein Vergnügen. Wie alle Handwerker aber neigt er, um Charakter in seinen Text zu bringen, zu enervierenden Übertreibungen. Die Sprache ist immer geliehen, nie eigen, was sich auch nicht ändern würde, wenn man es als Absicht erklärte.

Der Plot ist in sich schlüssig ausgedacht und, wenn er dann im zweiten Teil als Lebensgeschichte einer (erleuchteten) Russin erzählt wird, auch mit Gefühl. Was aber, bitte, soll’s, uns hier und heute so ein Astral-Volk vorzugaukeln, das aus Kitsch und Klischee, Tierliebe und blonder Blauäugigkeit (nicht auszudenken, wenn das doch etwas mit dem zu tun hätte, woran Sie vorhin gedacht haben) gemacht ist?

Die Antwort wird nicht gegeben, und ich wüsste nicht, warum das ein Vorteil ist. Diese zum Licht Erwachten haben keine Botschaft (Gott sei Dank), denunzieren den Menschen und seinen Verstand, ohne ihn intelligent zu kritisieren, und sind ganz was Tolles, was wir Menschen – ätsch! – nie sein werden.

Ja, wir werden vieles nicht sein, wir Menschen, Gott sei’s geklagt, aber dieser Gott hat uns zum Glück nicht nur das dritte Auge, sondern auch einen funktionierenden Verstand gegeben, den man nicht ohne Not in der immer gleichen manichäischen Weise als das Böse denunzieren sollte. Auch ist Gott, denke ich, ganz damit einverstanden, wenn wir das Umarmen und Herzen als Gipfel der Seligkeit weiterhin den Englein überlassen.

Ist das zu wenig um die Ecke gedacht? Es gibt jedenfalls keinerlei Hinweis, dass bis dahin irgendetwas nicht ernst gemeint sei. Wenn daher die kurzen Schlusskapitel drei und vier, in denen das heilige Ljod zuletzt im Wellness-Set zu haben ist, versuchen sollten, auf wenigen Seiten dem Ganzen eine relativierende Brechung zu geben, so käme das zu spät. Die Grenze zur Freiheit der Ironie wird hier nicht mehr überschritten.

Ach ja, Dostojewskij, Bulgakow, Mamlejew – wenn schon nicht Gott in Russland wohnt, dann jedenfalls die ewigen Gott-Sucher, und das hat uns mit ihrer Radikalität extrem beunruhigende und extrem grandiose Bücher beschert, in denen die Grenzen zum Glühen gebracht wurden, ehe versucht wurde, sie zu überschreiten. Gott ist eben keine Erfindung der Science-Fiction.

Ist das überhaupt spezifisch russisch? Hat es nicht auch was Amerikanisches? Ist das die Internationale der Resteverwerter abendländischer Mythen?

An der Achse des Bösen laufen anscheinend die Räder des Guten besonders geschmiert.

Wenn auch nur einen Roman lang.